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Comic-Rezension: daytripper

· ca. 4 Min. Lesezeit · Panini Comic · Andreas Zommer
Comic-Bild: daytripper

Wie alt wird man im eigenen Leben? 21, 38, nur 11 oder doch 76? Und woran misst man überhaupt, ob ein Leben gelungen ist? An großen Erfolgen, an verpassten Chancen, an der Liebe, an Freundschaften oder an jenen kleinen Augenblicken, die man erst viel später als entscheidend erkennt? Fábio Moon und Gabriel Bá stellen in Daytripper genau diese Fragen und liefern eine Graphic Novel ab, die nicht einfach nur gelesen, sondern erlebt werden will.

Im Mittelpunkt steht Brás de Oliva Domingos, der Sohn eines weltberühmten brasilianischen Schriftstellers. Während sein Vater längst literarischen Ruhm erlangt hat, arbeitet Brás bei einer Lokalzeitung und schreibt Nachrufe. Er beschreibt also tagtäglich das Leben anderer Menschen, während er selbst noch nach seinem eigenen Platz sucht. Der große Durchbruch als Autor bleibt aus, die Erwartungen an ihn sind hoch, und über allem liegt der Schatten eines Vaters, dessen Erfolg kaum einzuholen scheint.

Als Brás vor einer Gala zu Ehren seines Vaters in einer Bar einkehrt, wird er gemeinsam mit dem Barkeeper bei einem Raubüberfall erschossen. Das erste Kapitel endet und man könnte glauben, damit sei auch die Geschichte vorbei. Doch Daytripper funktioniert anders. Im nächsten Kapitel springt die Handlung in eine andere Phase seines Lebens, als hätte dieser Tod nie stattgefunden. Brás wird Vater, während sein eigener Vater im Krankenhaus stirbt. Wenige Seiten später stirbt Brás erneut.

Dieses Prinzip zieht sich durch die gesamte Graphic Novel. Am Ende jedes Kapitels stirbt Brás in einem anderen Alter, an einem anderen Punkt seines Lebens, in einem anderen Moment der Möglichkeit. Mal ist er jung, mal älter, mal steht er vor dem Beginn von etwas Neuem, mal blickt er bereits auf Entscheidungen zurück, die ihn geprägt haben. Kapitel für Kapitel entsteht so kein geradliniger Lebenslauf, sondern ein Mosaik aus Möglichkeiten, Abschieden und Augenblicken.

Gerade dadurch entfaltet Daytripper seine besondere Wirkung. Die Graphic Novel erzählt nicht vom Tod, um zu schockieren. Sie nutzt den Tod, um das Leben sichtbar zu machen. Jeder Abschied zwingt dazu, den gerade gezeigten Moment neu zu bewerten. War das jetzt ein glückliches Leben? War es zu früh vorbei? Hätte Brás etwas anders machen sollen? Und wie oft erkennen wir selbst erst im Rückblick, welche Begegnungen, Entscheidungen oder Zufälle wirklich wichtig waren?

Fábio Moon und Gabriel Bá schaffen es, eine Geschichte zu erzählen, die zugleich universell und sehr persönlich wirkt. Es geht um Familie, Liebe, Freundschaft, berufliche Sehnsüchte, Kindheitserinnerungen, Vaterschaft, Verlust und die Angst, das eigene Leben zu verpassen. Ein Zitat der beiden Brüder am Ende des Buches bringt die Stärke von Daytripper sehr gut auf den Punkt: „Daytripper ist fest in der Realität verankert, aber das Schwierige war nicht, eine Welt zu erschaffen, die real aussah. Nein, das Schwierigste war, eine Welt zu erschaffen, die sich real anfühlte.“ Genau das gelingt ihnen.

Dabei ist Daytripper durchaus fordernd. Gerade zu Beginn begegnet man mehreren Figuren, deren Bedeutung sich nicht sofort erschließt. Auch die Struktur verlangt Aufmerksamkeit, weil jedes Kapitel wie ein eigenständiger Ausschnitt funktioniert und doch Teil eines größeren Ganzen ist. Je weiter man liest, desto stärker greifen diese einzelnen Teile ineinander. Man erfährt mehr über Brás, seine Familie, seine Liebe, seinen besten Freund und seine Ängste. Gleichzeitig wächst mit jedem Kapitel die emotionale Bindung an diese Figur.

Spätestens ab der Mitte fällt es schwer, die Graphic Novel aus der Hand zu legen. Nicht, weil sie mit klassischen Cliffhangern arbeitet, sondern weil man verstehen will, wer Brás wirklich ist und welches Bild seines Lebens am Ende bleibt. Das letzte Kapitel ist dabei ein sanfter, würdiger Abschluss. Es entlässt die Leser mit dem Gefühl, dass alles irgendwann enden muss – Geschichten ebenso wie Leben. Aber es zeigt auch, dass gerade diese Endlichkeit den einzelnen Momenten Bedeutung verleiht.

Auch visuell ist Daytripper beeindruckend. Die Zeichnungen sind auf den rund 260 Seiten wunderschön umgesetzt, warm, lebendig und oft erstaunlich poetisch. Die Farben spielen eine große Rolle, viele Szenen wirken hell, kräftig und voller Leben, während traurigere oder schwerere Momente mit dunkleren und gedämpfteren Tönen arbeiten. Die Perspektiven wechseln häufig, bleiben aber immer nachvollziehbar und unterstützen die jeweilige Stimmung. Jede Seite trägt zur emotionalen Wirkung der Geschichte bei.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Daytripper ist eine außergewöhnliche Graphic Novel und gehört in jede gut sortierte Comic-Sammlung. Fábio Moon und Gabriel Bá erzählen eine Geschichte über Leben und Tod, ohne kitschig oder belehrend zu werden. Stattdessen entsteht ein Werk, das lange nachhallt und einen dazu bringt, über das eigene Leben, verpasste Möglichkeiten und wichtige Augenblicke nachzudenken.

Die Geschichte ist wunderbar geschrieben, visuell stark umgesetzt und emotional genau auf den Punkt. Daytripper ist kein Comic für zwischendurch, sondern ein Werk, das man bewusst lesen sollte. Wer diese Graphic Novel verpasst, verpasst eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, was das Medium leisten kann.

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