YouGame Logo

Comic-Rezension: Ant-Man: Megaband 1

· ca. 4 Min. Lesezeit · Panini Comic · Andreas Zommer
Comic-Bild: Ant-Man: Megaband 1

Nachdem Ant-Man die Kinoleinwand erobert hat, rückt auch die Comic-Vorlage wieder stärker in den Fokus. Wer dabei einen klassischen, strahlenden Superhelden erwartet, wird von Ant-Man Megaband 1 allerdings ziemlich überrascht. Denn dieser Sammelband stellt nicht Scott Lang in den Mittelpunkt, sondern Eric O’Grady, einen S.H.I.E.L.D.-Agenten, der mit Verantwortung, Moral und Heldentum ungefähr so viel anfangen kann wie ein Ameisenhaufen mit Größenwahn. Genau das macht diesen Band so reizvoll.

Ant-Man ist ohnehin keine Figur, die an eine einzige Person gebunden ist. Der ursprüngliche Träger des Anzugs war Hank Pym, der die Technologie auch entwickelte. Später übernahm Scott Lang die Rolle und wurde ebenfalls zu einem bekannten Ant-Man. Die Geschichte des Kinofilms konzentriert sich vor allem auf Lang. Der vorliegende Megaband erzählt hingegen die abgeschlossene Geschichte von Eric O’Grady, die Robert Kirkman unter dem Titel The Irredeemable Ant-Man geschrieben hat.

Eric O’Grady ist der dritte Träger des Ant-Man-Anzugs und alles andere als ein Vorzeigeheld. Er arbeitet als eher verantwortungsloser S.H.I.E.L.D.-Agent, dem bei einem Angriff auf den Helicarrier die neueste Version des Anzugs in die Hände fällt. Statt diese Kräfte für das Gute zu nutzen, denkt er vor allem an sich selbst. Er will sein Leben nicht riskieren, keine Verantwortung übernehmen und schon gar nicht freiwillig zum Superhelden werden.

Seine neuen Fähigkeiten nutzt O’Grady dementsprechend auf eine Weise, die ihn schnell als Antihelden, Feigling und Egoisten entlarvt. Er schrumpft sich auf Ameisengröße, um Frauen heimlich zu beobachten, hilft anderen nur dann, wenn es ihm selbst Vorteile bringt, und wenn er Kriminelle aufhält, dann meist nicht aus moralischer Überzeugung, sondern weil er selbst etwas davon haben will. Vom klassischen Marvel-Helden ist dieser Ant-Man weit entfernt.

Gerade diese unangenehme Seite macht den Band interessant. Eric O’Grady ist keine Figur, die man sofort mögen muss. Im Gegenteil. Viele seiner Entscheidungen sind feige, egoistisch oder schlicht widerlich. Trotzdem bleibt er als Hauptfigur spannend, weil Kirkman genau mit dieser Fallhöhe spielt. Man fragt sich ständig, ob aus diesem Menschen überhaupt noch ein Held werden kann oder ob er nur zufällig einen Anzug trägt, der eigentlich in bessere Hände gehört.

Ganz ungestört kann O’Grady sein neues Leben allerdings nicht genießen. Seine ehemaligen Kollegen sind ihm auf den Fersen. Hank Pym will vor allem den Anzug zurückhaben, während Mitch Carson persönliche Rache sucht. O’Grady hat ihm bei seiner Flucht schwere Verbrennungen im Gesicht zugefügt, und Carson ist nicht bereit, das einfach hinzunehmen. Da jeder Schrumpfprozess Partikelspuren hinterlässt, die mit der Technologie von S.H.I.E.L.D. aufgespürt werden können, bleibt O’Grady nie lange sicher. Immer wieder entkommt er nur knapp und meist eher durch Glück, Dreistigkeit oder die besonderen Möglichkeiten des Anzugs.

Die Geschichte ist temporeich erzählt und füllt im Megaband insgesamt 292 Seiten. Humorvolle Szenen, Action, Fluchtmomente und moralisch fragwürdige Entscheidungen wechseln sich schnell ab. Besonders gelungen ist die Struktur mit zwei Erzählebenen, die sich gegen Ende immer stärker annähern. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Spannungsbogen, der den Band deutlich fesselnder macht, als man es bei einer eher unbekannten Nebenfigur zunächst erwarten würde.

Auch das größere Marvel-Universum wird gut eingebunden. Ereignisse rund um den Civil War und dessen Folgen tauchen immer wieder auf, ohne die eigentliche Handlung zu überlagern. Der Comic bleibt klar die Geschichte von Eric O’Grady, nutzt den Marvel-Kontext aber geschickt als Hintergrund. Dadurch wirkt die Handlung eingebettet, ohne dass man von Nebenverweisen erschlagen wird.

Stilistisch befindet sich der Band auf hohem Niveau. Robert Kirkman erzählt mit viel Situationskomik, schwarzem Humor und einem guten Gespür für Figuren, die eigentlich kaum sympathisch sein dürften und dennoch funktionieren. Die Zeichnungen von Phil Hester, Cory Walker und weiteren Beteiligten setzen diesen Ton passend um. Der Stil ist dynamisch, kantig und nicht zu glatt, was gut zu O’Gradys zweifelhafter Persönlichkeit passt.

Ein kleines Highlight findet sich am Anfang der einzelnen Kapitel. Eine Ameise fasst die bisherigen Ereignisse humorvoll zusammen und sorgt damit für einen charmanten Running Gag. Auch kleinere Einschübe und kurze Nebenepisoden anderer Figuren fügen sich gut in die Erzählung ein und lockern den Band zusätzlich auf.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Wer durch den Kinofilm auf Ant-Man aufmerksam geworden ist, sollte bei diesem Megaband nicht die gleiche Art von Heldengeschichte erwarten. Ant-Man Megaband 1 ist deutlich schräger, bissiger und moralisch unangenehmer. Eric O’Grady ist kein Held, der aus Pflichtbewusstsein handelt. Er ist ein Egoist, ein Opportunist und oft genug ein ziemlicher Mistkerl. Genau deshalb hebt sich dieser Band angenehm von vielen anderen Marvel-Geschichten ab.

Der Sammelband ist flott erzählt, witzig, stellenweise herrlich gemein und bietet eine ungewöhnliche Perspektive auf das Superheldengenre. Nicht jede Szene ist geschmacklich ganz unproblematisch, und O’Grady ist als Hauptfigur bewusst schwer erträglich. Wer damit umgehen kann, bekommt aber einen sehr unterhaltsamen Marvel-Comic, der gerade durch seine Ecken und Kanten funktioniert.

Weitere Comic-Rezensionen

Top-Artikel der letzten 7 Tage