Amerika in den 1920er Jahren. Während Frauen um Mitsprache, Selbstbestimmung und politische Rechte kämpfen, feiert das radioaktive Radium seinen Siegeszug. Es wird im medizinischen Bereich wegen seiner vermeintlich heilenden Wirkung beworben und in der Industrie wegen seiner Leuchtkraft eingesetzt. In einer solchen Fabrik, der U.S. Radium Corporation, arbeiten Grace Fryer, Katherine Schaub, Edna Hussman, Quinta McDonald und Albina Larice. Tag für Tag bemalen sie Ziffernblätter von Uhren mit radiumhaltiger Farbe, ohne zu wissen, wie gefährlich diese Arbeit ist.
Die französische Künstlerin Cy. hat sich dieser wahren Geschichte angenommen und sie in ihrem Comic Radium Girls verarbeitet. Dabei erzählt sie nicht nur vom tragischen Schicksal der fünf Frauen, sondern auch von Sexismus, Kapitalismus, Ausbeutung und dem Stolz junger Arbeiterinnen, endlich eigenes Geld zu verdienen. Die Frauen fallen in ihrer Umgebung auf. Einerseits durch ihre neue finanzielle Freiheit, andererseits durch den leuchtenden Staub, der sich überall absetzt. In den Haaren, an den Händen und vor allem am Mund.
Der Grund dafür ist besonders bitter. Damit die feinen Pinsel beim Bemalen der Ziffernblätter präzise bleiben und keine teure Farbe verschwendet wird, sollen die Arbeiterinnen die Pinsel immer wieder mit den Lippen anfeuchten. Was sie nicht wissen, ist lebensgefährlich. Das Radium gelangt dadurch direkt in ihren Körper. Es lagert sich in den Knochen ab, besonders im Kiefer, und richtet dort verheerende Schäden an. Zahnausfall, Schmerzen, Knochenzerfall, Fehlgeburten, Krebs und schließlich der Tod sind die Folgen.
Als sich bei den Frauen erste schwere gesundheitliche Schäden zeigen, ist es bereits zu spät. Ihre Ängste und Beschwerden werden vom Arbeitgeber ignoriert, heruntergespielt oder bewusst verschleppt. Doch Grace Fryer und ihre Mitstreiterinnen wollen das nicht einfach hinnehmen. Obwohl ihnen anfangs kaum jemand helfen will und ihre körperliche Verfassung immer schlechter wird, ziehen sie vor Gericht.
Gerade dieser Kampf macht Radium Girls so eindringlich. Der Comic zeigt nicht nur kranke Frauen, sondern Arbeiterinnen, die sich gegen ein Unternehmen stellen, das ihre Gesundheit bewusst aufs Spiel gesetzt hat. Die Geschichte ist deshalb nicht nur ein medizinisches oder juristisches Drama, sondern auch eine Erzählung über Macht, Verantwortung und den Wert eines Menschenlebens in einer von Profit bestimmten Arbeitswelt.
Am Ende müssen die Frauen aufgrund ihrer schlechten Gesundheit zwar einen Vergleich annehmen, doch ihr Kampf bleibt nicht folgenlos. Der Fall trug dazu bei, Arbeitsschutzregeln zu stärken und das Bewusstsein für beruflich verursachte Gesundheitsschäden zu verändern. Die Radium Girls wurden damit zu Symbolfiguren eines Kampfes, der weit über ihr eigenes Schicksal hinausreichte.
Der Comic selbst fällt auch durch seine Gestaltung auf. Cy. arbeitet mit wenigen Farben und einem reduzierten, aber sehr wirkungsvollen Strich. Gerade dadurch entstehen starke Bilder. Die jungen Frauen, ihre Arbeitswelt und ihr Alltag wirken lebendig, ohne dass jede Seite überladen ist. Allerdings führt dieser Stil auch dazu, dass es manchmal schwerfällt, die einzelnen Figuren sofort auseinanderzuhalten.
Zu Beginn besitzt der Comic noch eine fast unbeschwerte Energie. Man sieht junge Frauen, die lachen, arbeiten, ausgehen und Freude an ihrer neuen Freiheit haben. Nach und nach kippt die Stimmung. Die Geschichte wird dunkler, schwerer und bedrückender, ohne dabei ihren menschlichen Blick zu verlieren. Besonders stark ist, dass Cy. den Frauen nicht nur ihr Leiden lässt, sondern auch ihre Freundschaft, ihren Mut und ihren Lebenswillen.
Erwähnenswert ist auch die Covergestaltung. Das Cover leuchtet im Dunkeln, diesmal natürlich ohne gefährliche Farbe. Das ist ein cleveres Gimmick, zugleich aber auch ein wenig makaber. Genau dadurch passt es erstaunlich gut zu einem Comic, der mit der Faszination und dem Schrecken des Leuchtens arbeitet.
Fazit
Insgesamt ist Radium Girls eine starke, wichtige und visuell eigenständige Graphic Novel. Ganz ohne Schwächen ist sie jedoch nicht. Manche Themen hätten mehr Raum verdient, etwa die gesellschaftliche Rolle der Frauen in den 1920er Jahren, der Kampf um politische Rechte oder die langfristigen Folgen des Rechtsstreits. Gerade weil das Material so spannend ist, hätte der Comic ruhig ein paar Seiten mehr vertragen.
Trotzdem bleibt Radium Girls ein empfehlenswertes Werk, das historische Aufklärung, feministische Perspektive und persönliche Tragödie wirkungsvoll verbindet.












