Wer bei der Steinzeit zuerst an Keulen, Mammutjagd und wortkarge Männer in Fellkleidung denkt, bekommt von Ulli Lust erneut eine ziemlich klare Korrektur verpasst. Die Frau als Mensch – Schamaninnen führt tief hinein in eine Welt aus Kälte, Feuer, Tiergeistern, Geburten, Totenritualen und eiszeitlicher Kunst. Dabei stellt der Comic eine einfache, aber unbequeme Frage. Was, wenn unser Bild der frühen Menschheitsgeschichte weniger mit der Vergangenheit zu tun hat als mit den Vorurteilen späterer Jahrhunderte? Nach dem preisgekrönten ersten Band setzt Lust ihr großes Comic-Projekt über Frauen, Körperbilder und Menschheitsgeschichte fort. Diesmal rücken Spiritualität, Kunst und die mögliche Bedeutung jener Frauenstatuetten in den Mittelpunkt, die bis heute zu den faszinierendsten Funden der Altsteinzeit zählen.
Im Zentrum steht erneut die Frage, wie wir auf die Frühgeschichte blicken. Nicht als abgeschlossene, eindeutig lesbare Vergangenheit, sondern als Feld voller Spuren, Deutungen, Leerstellen und Projektionen. Ulli Lust interessiert sich besonders für jene Frauenfiguren, die aus der Altsteinzeit erhalten geblieben sind. Die bekannteste von ihnen ist die Venus von Willendorf, doch sie steht keineswegs allein. Über Jahrtausende hinweg wurden ähnliche weibliche Statuetten geschaffen, während männliche Darstellungen in dieser Form deutlich seltener auftreten. Lust nimmt diese Beobachtung ernst und fragt, was diese Figuren bedeutet haben könnten. Waren sie Göttinnen, Ahnenbilder, spirituelle Werkzeuge, Porträts von Schamaninnen oder etwas ganz anderes?
Gerade darin liegt die Stärke dieses Sachcomics. Ulli Lust behauptet nicht, die eine endgültige Antwort gefunden zu haben. Sie zeigt vielmehr, wie kompliziert jede Annäherung an eine schriftlose Vergangenheit ist. Archäologische Funde, ethnologische Vergleiche, Mythen, Naturbeobachtungen und spekulative Erzählmomente greifen ineinander. Das ist nicht immer streng linear, aber genau dadurch entsteht ein lebendiger Denkraum. Der Comic erklärt nicht nur, was man wissen kann, sondern auch, wo Wissen endet und Interpretation beginnt.
Erzählerisch folgt der Band einer eiszeitlichen Gruppe, die durch eine raue, kalte Landschaft zieht. Dabei begegnen wir Figuren wie Füchsin und Nessel, deren Leben eng mit Heilung, Geburt, Tod, Ritualen und Kunst verbunden ist. Besonders spannend ist, wie Ulli Lust die Entstehung der Venus von Willendorf in eine mögliche Geschichte einbettet. Die Figur wird dadurch nicht einfach als archäologisches Objekt betrachtet, sondern als Ergebnis von Arbeit, Erfahrung, Körperwissen und spiritueller Vorstellungskraft. Man spürt beim Lesen, wie viel Respekt Lust vor diesen frühen Künstlerinnen und Künstlern hat.
Gleichzeitig bleibt Schamaninnen ein Comic, der seine Gegenwart nie ganz verlässt. Immer wieder wird deutlich, dass unser Blick auf die Steinzeit durch moderne Vorstellungen geprägt ist. Lange wurde Frühgeschichte so erzählt, als wären Männer automatisch Jäger, Anführer und Gestalter gewesen, während Frauen im Hintergrund blieben. Ulli Lust bricht mit diesen einfachen Bildern. Sie zeigt Gesellschaften, in denen Kooperation, Fürsorge, Wissen, Heilkunst und gemeinschaftliches Überleben wichtiger gewesen sein könnten als Hierarchie und Dominanz. Das bedeutet nicht, dass der Band eine naive, idealisierte Eiszeit zeichnet. Aber er widerspricht sehr deutlich der Behauptung, männliche Vorherrschaft sei eine Art Naturgesetz.
Besonders gelungen ist die Verbindung von Fakten und Erzählung. Der Comic arbeitet mit wissenschaftlichen Bezügen, Quellen und Forschungsergebnissen, bleibt aber nie trocken. Ulli Lust findet immer wieder Bilder, die komplexe Zusammenhänge greifbar machen. Tiere erscheinen als Wesen mit eigener Kraft, Feuer wird zur Verbindung zu den Toten, Pflanzen und Pilze werden Teil von Heilung und Rausch, Schwitzhütten zu Schutzräumen und Statuetten zu möglichen Übergängen in andere Vorstellungswelten. Gerade hier zeigt sich, wie gut das Comicmedium für dieses Thema geeignet ist. Es kann zeigen, andeuten, überlagern und offenlassen, ohne jede Unsicherheit sofort in einen erklärenden Satz pressen zu müssen.
Zeichnerisch ist Schamaninnen ohnehin beeindruckend. Lusts Naturdarstellungen wirken lebendig, rau und zugleich poetisch. Landschaften, Tiere, Rauch, Feuer und Körper bekommen eine starke Präsenz. Besonders schön ist, dass die Figuren nicht wie stereotype Steinzeitmenschen wirken, sondern als Menschen mit Alltag, Beziehungen, Fähigkeiten und Verletzlichkeit. Es geht um Geburt und Tod, um Hunger und Kälte, um Kunst und Gemeinschaft, aber auch um Verlust, Erinnerung und Trost.
Ganz frei von Schwächen ist der Band allerdings nicht. Im Vergleich zum ersten Teil wirkt Schamaninnen stellenweise weniger geschlossen. Die vielen Exkurse, Mythen, Beispiele und Randbemerkungen sind zwar fast immer interessant, aber nicht immer gleich stark miteinander verbunden. Manchmal entsteht der Eindruck, dass Lust sehr viel Material unterbringen möchte und der erzählerische rote Faden dadurch etwas lockerer wird. Auch der Titel kann leicht in die Irre führen. Zwar spielen Schamaninnen eine zentrale Rolle, tatsächlich geht es aber um viel mehr als weiblichen Schamanismus. Es geht um Kunst, Körper, Naturbeziehung, Rituale, Gesellschaftsformen und die Frage, wie Menschen Sinn erzeugen.
Trotzdem bleibt Die Frau als Mensch – Schamaninnen ein außergewöhnlicher Sachcomic. Ulli Lust gelingt es, die Steinzeit nicht als primitive Vorstufe unserer Gegenwart zu zeigen, sondern als komplexe Welt eigener Möglichkeiten. Der Comic macht deutlich, wie vorsichtig man mit scheinbar selbstverständlichen Annahmen über Vergangenheit umgehen muss. Viele Bilder, die wir von frühen Menschen im Kopf haben, sagen oft mehr über spätere Gesellschaften aus als über die Eiszeit selbst.
Für Leser:innen, die sich für Comics, Archäologie, Feminismus, Menschheitsgeschichte oder die Verbindung von Kunst und Forschung interessieren, ist dieser Band eine klare Empfehlung. Man sollte allerdings bereit sein, sich auf eine essayistische, manchmal abschweifende und bewusst offene Form einzulassen. Wer eine klassische Handlung mit klarer Dramaturgie erwartet, wird hier nicht vollständig bedient. Wer aber einen klugen, bildstarken und gedanklich anregenden Comic sucht, bekommt ein Werk, das lange nachwirkt.
Fazit
Gerade weil der Band nicht alle Fragen endgültig beantworten will, bleibt er so reizvoll. Schamaninnen lädt dazu ein, vertraute Bilder von der Steinzeit zu hinterfragen und die Vergangenheit nicht nur als ferne, primitive Vorstufe unserer Gegenwart zu betrachten. Wer sich auf die essayistische Form, die vielen Exkurse und die bewusst offenen Deutungen einlässt, bekommt einen besonderen Comic, der Wissen vermittelt, starke Bilder findet und lange nach dem Lesen weiterarbeitet












