Die Märchen der Brüder Grimm gehören zu jenen Geschichten, mit denen fast jedes Kind irgendwann in Berührung kommt. Rotkäppchen, Hänsel und Gretel oder Rapunzel sind längst Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Umso spannender ist die Frage, was passiert, wenn diese bekannten Stoffe nicht einfach nur nacherzählt, sondern als Manga neu interpretiert werden. Genau diesen Versuch wagt Kei Ishiyama mit „Grimms Manga“ – und überrascht dabei mit frischen Wendungen, viel Romantik und einem sehr charmanten Zeichenstil.
Statt die bekannten Märchen nur in Bilder zu übertragen, verändert Ishiyama einige Geschichten deutlich. Rotkäppchen zählt wohl zu den berühmtesten Erzählungen der Brüder Grimm. Jede kennt das junge Mädchen, das sich auf den Weg zur kranken Großmutter macht und dabei dem Wolf begegnet. In der Manga-Version nimmt die Geschichte jedoch eine andere Richtung, denn der Wolf erhält menschlichere Züge und ist nicht einfach nur das bedrohliche Raubtier aus der bekannten Vorlage.
Auch Hänsel und Gretel wird spürbar umgedeutet. Die böse Hexe, die Hänsel verspeisen will, existiert in dieser Form nicht. Stattdessen trifft man auf eine hübsche, adelige und leicht verrückte junge Frau, die sich in Hänsel verliebt hat und ihm jeden Wunsch von den Augen abliest, um ihn bei sich zu behalten. Auch die weiteren Geschichten, darunter Rapunzel, Die zwölf Jäger und Die zwei Brüder, nehmen andere Wendungen, als man sie aus der Erinnerung erwartet.
Gerade diese Veränderungen machen den Reiz des Bandes aus. Wer die Grimm-Märchen kennt, bekommt keine bloße Wiederholung, sondern neue Varianten vertrauter Stoffe. Die Geschichten bleiben dadurch bis zum Ende interessant, weil man nie ganz sicher sein kann, wie Ishiyama die bekannten Motive diesmal auflöst. Das funktioniert erstaunlich gut, weil die Märchen zwar modernisiert und romantisiert werden, ihren Ursprung aber nicht völlig verlieren.
Der Zeichenstil passt hervorragend zu dieser Art der Neuerzählung. Die Figuren wirken ausdrucksstark, weich und sympathisch, ohne beliebig zu werden. Besonders die romantischen Momente profitieren von Ishiyamas Stil, der viel Wert auf Emotionen und kleine Gesten legt. Gleichzeitig bleibt der Humor angenehm leicht. Die Geschichten werden nie ins Lächerliche gezogen, sondern mit sichtbarer Liebe zum Ausgangsmaterial neu gestaltet.
Natürlich muss man sich darauf einlassen, dass „Grimms Manga“ keine werkgetreue Umsetzung der Märchen ist. Wer exakt die bekannten Grimm-Versionen erwartet, wird hier vielleicht irritiert sein. Wer aber offen für neue Deutungen ist, bekommt einen liebevoll gestalteten Manga, der bekannte Stoffe überraschend frisch wirken lässt.
Fazit
Kei Ishiyama verbindet Romantik, Humor und bekannte Märchenmotive zu einem unterhaltsamen Band, der sowohl Manga-Fans als auch Märchenliebhaber ansprechen dürfte. Die Neuinterpretationen sind nicht immer tiefgründig, aber charmant, liebevoll gezeichnet und deutlich frischer, als man zunächst erwarten würde.












