Die Jackdaw setzt wieder Segel und schon nach wenigen Minuten ist klar, warum Black Flag für viele bis heute zu den besten Teilen der Reihe gehört. Kanonen donnern über das Wasser, die Crew stimmt ein Seemannslied an und irgendwo am Horizont wartet die nächste Insel. Resynced macht diesen Klassiker nicht nur schöner, sondern greift tief in Kämpfe, Parkour, Missionen und Seekriegsführung ein. Vieles davon funktioniert hervorragend, manches hätte Ubisoft besser unangetastet gelassen.
Edward Kenway beginnt seine Reise nicht als Assassine und hat zunächst auch wenig Interesse daran, einer zu werden. Der walisische Freibeuter ist in die Karibik gereist, um reich zu werden und seiner Frau Caroline irgendwann ein besseres Leben bieten zu können. Aus den geplanten wenigen Jahren werden allerdings immer mehr, denn Edward entdeckt schnell, wie verlockend Freiheit, Gold und ein eigenes Schiff sein können. Durch eine Reihe von Zufällen gerät er schließlich zwischen den Orden der Assassinen und die Templer, die beide hinter einem geheimnisvollen Ort namens Observatorium her sind. Während Edward zunächst vor allem die Möglichkeiten sieht, daraus selbst Profit zu schlagen, zwingt ihn seine Reise zunehmend dazu, sich mit den Folgen seines Egoismus auseinanderzusetzen.
Gerade deshalb funktioniert die Geschichte auch heute noch. Edward ist kein klassischer Held, sondern charmant, gierig, optimistisch und lange davon überzeugt, dass sich jedes Problem mit genug Gold und Freiheit lösen lässt. Rund um ihn versammelt Black Flag historische Piraten wie Blackbeard, Stede Bonnet, Anne Bonny und Benjamin Hornigold und verbindet ihre Geschichten mit dem Konflikt zwischen Assassinen und Templern. Einige zusätzliche Szenen und neue Nebenaufträge geben einzelnen Figuren in Resynced noch etwas mehr Raum, ohne den ursprünglichen Handlungsbogen grundlegend umzuschreiben. Besonders gelungen sind die neuen Geschichten rund um Mitglieder der Jackdaw-Besatzung und bekannte Piraten, während zusätzliche Inhalte nach dem Ende einige offene Fäden weiterführen.
Die deutlichste erzählerische Veränderung betrifft ausgerechnet einen ganzen Teil des Originals. Die damaligen Gegenwartsabschnitte bei Abstergo wurden komplett entfernt. Das sorgt zunächst für einen flüssigeren Rhythmus, weil Edwards Abenteuer nicht mehr regelmäßig durch Bürogänge und Computersysteme unterbrochen wird. Gleichzeitig fehlt dadurch aber auch jene zweite Erzählebene, die Black Flags historische Geschichte mit dem größeren Assassin's-Creed-Universum verband. Ersatz liefern Animus-Risse und mehrere alternative Szenarien, die mit ungewöhnlichen digitalen Umgebungen und Was-wäre-wenn-Momenten spielen. Wirklich gleichwertig sind sie jedoch nicht, und besonders langjährige Fans dürften das Gefühl haben, dass ein Teil der ursprünglichen Identität verloren gegangen ist.
Auf den Inseln selbst bleibt Black Flag ein bemerkenswert angenehmer Gegenentwurf zu den gigantischen Rollenspielwelten späterer Assassin's-Creed-Teile. Havana, Kingston oder Nassau wirken nach heutigen Maßstäben nicht riesig, dafür sind sie übersichtlich und lassen sich schnell erfassen. Die Welt setzt nicht darauf, uns alle paar Meter mit neuen Systemen und Aufgaben zuzuschütten. Wir können eine Mission beginnen, einen Schatz suchen, Tiere jagen, einen Templer verfolgen oder einfach zurück zur Jackdaw gehen und davonsegeln. Gerade diese vergleichsweise kompakte Struktur fühlt sich 2026 fast erfrischend an.
Resynced modernisiert die Fortbewegung deutlich. Edward wechselt geschmeidiger zwischen Sprint, Sprung und Klettern, Richtungswechsel funktionieren schneller und auf Wunsch lässt sich mit einer erweiterten Parkour-Einstellung ein Teil der automatischen Absicherung entfernen. Komplett verschwunden ist das alte Assassin's-Creed-Gefühl trotzdem nicht. Manchmal klebt Edward an einer Wand, die wir eigentlich verlassen wollten, entscheidet sich für die falsche Kante oder weigert sich, einen kleinen Höhenunterschied so elegant zu überwinden, wie man es erwarten würde. Gegenüber dem Original ist das klar verbessert, im direkten Vergleich mit Mirage oder Shadows merkt man dem Aufbau vieler Gebiete jedoch weiterhin seine Herkunft aus dem Jahr 2013 an.
Eine unscheinbare, aber erstaunlich wichtige Neuerung ist das freie Ducken. Edward muss nicht mehr darauf hoffen, dass das Spiel eine bestimmte Vegetationsfläche als Versteck erkennt, sondern kann selbstständig hinter Objekten Deckung suchen und sich wesentlich flexibler durch feindliche Gebiete bewegen. Dazu kommen überarbeitete Sichtanzeigen und schneller erreichbare Werkzeuge. Einige ehemals recht starre Verfolgungs- und Belauschungsmissionen wurden entschärft oder so umgebaut, dass ein Fehler nicht mehr sofort zur Desynchronisation führt. Dadurch werden viele der berüchtigtsten Frustmomente des Originals beseitigt, ohne dass Black Flag plötzlich zu einem völlig anderen Spiel wird.
Leider hat sich die gegnerische KI nicht im selben Maß weiterentwickelt. Wachen reagieren zwar etwas nachvollziehbarer auf Geräusche und Sichtkontakte, lassen sich aber weiterhin erstaunlich leicht manipulieren. Wer mehrfach Gegner aus demselben Gebüsch zieht, kann regelrechte Leichenberge produzieren, bevor jemand ernsthaft versteht, was gerade passiert. Dadurch verlieren einige der neuen Stealth-Möglichkeiten an Bedeutung, weil die Gegner ihre erweiterten Möglichkeiten nicht wirklich kontern können. Auch das klassische soziale Verstecken in Menschenmengen oder mit angeheuerten Ablenkungen rückt stärker in den Hintergrund, weil einfaches Ducken oft bequemer funktioniert.
Größere Veränderungen gibt es beim offenen Kampf. Statt fast ausschließlich auf Gegenangriffe und automatische Hinrichtungen zu setzen, besitzen Gegner nun eine Haltungsanzeige, die mit Angriffen und schweren Schlägen gebrochen werden kann. Perfektes Parieren öffnet sie für schnelle Hinrichtungen, während nicht blockbare Attacken ausgewichen werden müssen. Dazu kommen unterschiedliche schwere Angriffe abhängig von Edwards Waffen, Tritte, Pistolen, Blasrohr und die deutlich früher verfügbare Seilpfeil-Ausrüstung. Das gibt uns mehr Möglichkeiten und verlangt etwas mehr Aufmerksamkeit als früher.
Ob dieses neue System tatsächlich besser ist, hängt stark vom persönlichen Geschmack ab. Die Kämpfe sind lesbarer und spielerisch aktiver, verlieren aber etwas von der filmischen Eleganz des Originals. Dort konnte Edward durch große Gruppen schneiden und Hinrichtungen fast nahtlos miteinander verbinden, während Resynced häufiger zwischen Schlägen, Haltungsbruch und Finisher wechselt. Manche Hinrichtungen wiederholen sich recht schnell, und gelegentlich reagieren Eingaben bei Kettenangriffen nicht so zuverlässig, wie sie sollten. Das neue Kampfsystem bietet mehr Tiefe, fühlt sich aber nicht in jeder Situation automatisch befriedigender an.
Auf See gibt es solche Zweifel deutlich weniger. Die Jackdaw war schon 2013 der heimliche Star des Spiels, und Seekämpfe gehören auch heute noch zu den besten Piratengefechten, die man in einem Videospiel erleben kann. Breitseiten, Mörser, Kettengeschosse und explosive Fässer verlangen unterschiedliche Positionierung, während Wind, Wellen und dynamisches Wetter ständig Bewegung ins Gefecht bringen. Gerade während eines Sturms, wenn Schiffe zwischen riesigen Wellen verschwinden und Blitze über den Himmel ziehen, kann Resynced spektakulär aussehen und gleichzeitig spielerisch spannend bleiben.
Die Seekriegsführung wurde zudem sinnvoll erweitert. Waffen erhalten alternative Feuermodi, Schwachstellen können präziser mit den Drehbassen angegriffen werden und neu rekrutierbare Offiziere bringen zusätzliche Fähigkeiten auf die Jackdaw. Ein gut getimtes Abfangen von Schaden, stärkere Rammangriffe oder verbesserte Kanonen erweitern das Arsenal, ohne den unkomplizierten Kern unnötig aufzublähen. Auch die Eroberung von Schiffen und Forts wurde leicht angepasst. Statt starrer einzelner Aufgaben geht es stärker darum, die Moral des Gegners zu brechen, wodurch die Gefechte natürlicher wirken.
Nach einem gewonnenen Seegefecht beginnt weiterhin der vielleicht befriedigendste Teil. Wir ziehen längsseits, schwingen uns auf das gegnerische Deck und kämpfen gemeinsam mit unserer Mannschaft um das Schiff. Anschließend können die erbeuteten Ressourcen in Verbesserungen der Jackdaw fließen oder das Schiff der eigenen Flotte hinzugefügt werden. Dieses System wurde ebenfalls vereinfacht und vollständig in das Spiel integriert. Der alte Online-Bezug ist verschwunden, wodurch sich die Flottenverwaltung nachvollziehbarer in das restliche Abenteuer einfügt.
Auch abseits davon wurde viel ergänzt. Auf Great Inagua lässt sich Edwards Versteck stärker ausbauen, neue Crewmitglieder besitzen eigene Geschichten und zusätzliche Missionen erweitern bekannte Figuren wie Blackbeard oder Stede Bonnet. Neue Schatzorte, Unterwasserbereiche und Nebenaufträge sorgen dafür, dass auch Kenner des Originals immer wieder auf unbekannte Inhalte stoßen. Besonders schön ist die Möglichkeit, praktisch überall zu tauchen und die Unterwasserwelt ohne die früheren harten Übergänge zu erkunden. Das macht die Karibik zusammenhängender und unterstützt genau jene Entdeckerlust, die Black Flag schon immer ausgezeichnet hat.
Nicht jede Änderung ist allerdings ein Gewinn. Die optionalen Synchronisationsziele der Hauptmissionen fehlen, womit auch der Anreiz verschwindet, bekannte Aufträge später unter erschwerten Bedingungen erneut zu spielen. Eine klassische Missionswiederholung gibt es ebenfalls nicht mehr. Auch die Erweiterung Freedom Cry mit Adéwalé ist nicht enthalten, obwohl sie gerade in einer möglichst vollständigen Neuauflage hervorragend aufgehoben gewesen wäre. Hinzu kommt der Animus-Hub mit kosmetischen Belohnungen und einer eigenen Fortschrittsstruktur, der sich wie ein Fremdkörper in einem ansonsten angenehm klassischen Einzelspieler-Abenteuer anfühlt.
Unterm Strich bleibt jedoch entscheidend, wie gut sich Black Flags Mischung aus Land- und Seefahrt noch immer ergänzt. Wenn eine längere Assassinenmission zu viel wird, wartet die Jackdaw. Nach mehreren eroberten Schiffen lockt die nächste Insel. Danach führt eine Schatzkarte vielleicht zu einer Ruine, bevor wir zufällig auf ein englisch-spanisches Seegefecht stoßen und uns ungefragt einmischen. Resynced lebt weniger von einzelnen außergewöhnlich tiefen Systemen als von der Tatsache, dass sie sich gegenseitig hervorragend abwechseln. Genau das konnte Black Flag schon 2013 besser als viele Open-World-Spiele, und daran hat sich nichts geändert.
Grafik
Die komplette Karibik wurde in Ubisofts aktueller Anvil-Technik neu aufgebaut und wirkt bei Beleuchtung, Vegetation, Materialien und Wasser deutlich moderner. Besonders bei Tageslicht leuchten die Farben der Inseln, während dichte Dschungel, weiße Strände und die unterschiedlich gefärbten Gewässer fast permanent zum Erkunden einladen. Noch eindrucksvoller sind die Wetterwechsel, wenn dichter Nebel über dem Meer liegt, Gewitter aufziehen oder Feuer und Kanonenblitze die Dunkelheit durchbrechen.
Auch die Städte profitieren von mehr Details und dichterer Vegetation, obwohl ihre ursprüngliche Struktur weitgehend erhalten bleibt. Genau hier merkt man gelegentlich den ungewöhnlichen Spagat des Remakes. Resynced sieht wie ein Spiel aus dem Jahr 2026 aus, bewegt sich aber oft durch Räume, die eindeutig nach den Anforderungen eines Spiels von 2013 gebaut wurden. Manche Gebiete wirken deshalb kleiner und simpler, als ihre aufwendige Präsentation zunächst vermuten lässt.
Die Charaktermodelle wurden ebenfalls deutlich verbessert, wobei Edward selbst nicht in jeder Szene gleich überzeugend aussieht. Teilweise ist sein Gesicht hervorragend detailliert, während bestimmte Animationen oder Modelle sichtbar schwächer wirken. Hinzu kommen kleinere technische Macken mit Animationen, Physik und Positionierung. Auf Konsolen stehen unterschiedliche Grafikmodi zur Verfügung, wobei der 60-Bilder-Modus für das aktive Spielgefühl klar die angenehmste Wahl darstellt.
Sound
Akustisch hat Black Flag kaum etwas von seiner Wirkung verloren. Matt Ryan kehrt als Edward Kenway zurück und liefert sowohl in den bekannten als auch in den neuen Szenen eine überzeugende Leistung. Auch der übrige Cast trägt erheblich dazu bei, dass Figuren wie Blackbeard, Anne Bonny oder Stede Bonnet nach all den Jahren noch immer im Gedächtnis bleiben. Die zusätzlichen Gespräche und Crewgeschichten fügen sich erfreulich sauber in das vorhandene Material ein.
Auf See spielt der Sound seine größten Stärken aus. Holz knarzt, Segel schlagen im Wind, Kanonenschläge donnern über das Wasser und die Mannschaft reagiert hörbar auf jedes Manöver. Über allem liegen natürlich die Seemannslieder, die wahrscheinlich stärker als jedes andere Element für die besondere Black-Flag-Atmosphäre stehen. Resynced erweitert ihre Auswahl und lässt uns nun direkt bestimmen, welches Lied die Crew anstimmen soll. Ein kleiner Komfortgewinn, auf den man schon nach wenigen Stunden nicht mehr verzichten möchte.
Auch die musikalische Begleitung funktioniert noch immer hervorragend. Ruhige Fahrten bekommen genügend Raum, während Gefechte und wichtige Handlungsmomente deutlich stärker aufdrehen. Besonders bei Entermanövern entsteht aus Musik, Kampfschreien, Kanonen und Meeresrauschen wieder genau jene Piratenromantik, die bislang kaum ein anderes Spiel so überzeugend eingefangen hat.
Fazit
Ganz zur definitiven Fassung reicht es trotzdem nicht. Der Wegfall der Gegenwartshandlung, der Synchronisationsziele, des ursprünglichen Multiplayers und von Freedom Cry lässt Resynced stellenweise unnötig unvollständig wirken. Beim Kampfsystem tauscht Ubisoft filmische Eleganz gegen mehr Kontrolle, ohne dabei jeden neuen Bestandteil sauber auszubalancieren. Dazu kommen eine weiterhin begrenzte KI und kleinere technische Macken. Trotzdem überwiegen die Verbesserungen deutlich. Für Neulinge ist Resynced ohne Frage der attraktivste Einstieg in Edwards Geschichte, während Rückkehrer eine wunderschöne und sinnvoll modernisierte Version eines Klassikers bekommen. Die Jackdaw war schon einmal eine Reise wert. Sie ist es noch immer.






