Ein junger James Bond, der noch kein legendärer Doppelnull-Agent ist, eine spektakulär inszenierte Katastrophe über den eisigen Landschaften Islands und eine Produktion, die von der ersten Sekunde an nach großem Kino aussieht. Nach Jahren ohne neues Bond-Spiel stand 007 First Light unter enormem Druck. Nicht nur musste IO Interactive beweisen, dass die Hitman-Macher mit der berühmtesten Geheimagenten-Lizenz der Welt umgehen können, sie mussten auch zeigen, dass James Bond in Videospielen mehr sein kann als eine nostalgische Erinnerung an GoldenEye 007. Die gute Nachricht vorweg: 007 First Light ist nicht nur die Rückkehr von Bond in die Spielewelt, sondern eines der stärksten Action-Adventures der letzten Jahre.
Statt auf einen etablierten Bond zu setzen, erzählt 007 First Light die Anfänge der Figur. James Bond ist hier erst 26 Jahre alt, impulsiv, arrogant und weit davon entfernt, der erfahrene Agent zu sein, den Fans aus den Filmen kennen. Als Mitglied der Royal Navy gerät er während eines Einsatzes in Island in eine lebensgefährliche Situation, die schließlich die Aufmerksamkeit des MI6 auf ihn lenkt. Was folgt, ist keine typische Agentengeschichte, sondern eine echte Origin-Story.
Der Einstieg überrascht dabei mit einer ungewöhnlichen Entscheidung. Statt Bond unmittelbar auf eine weltumspannende Mission zu schicken, nimmt sich das Spiel mehrere Stunden Zeit, um seine Ausbildung und seine ersten Schritte innerhalb des Geheimdienstes zu zeigen. Was zunächst wie ein überlanger Prolog wirkt, entwickelt sich schnell zu einer der größten Stärken des Spiels. Die Ausbildung wird nicht in Zwischensequenzen abgehandelt, sondern spielerisch erlebt. Trainingsmissionen, Schießübungen, Nahkampfszenarien und Infiltrationen greifen nahtlos ineinander und zeigen, wie aus dem talentierten, aber ungestümen Rekruten langsam der Agent wird, den man kennt.
Besonders beeindruckend ist dabei die Inszenierung. Viele Abschnitte wirken wie eine spielbare Montage aus einem Bond-Film. Das Spiel springt durch verschiedene Ausbildungsphasen, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Dadurch entsteht früh eine Bindung zur Figur, die weit über das hinausgeht, was man normalerweise von Videospiel-Bond kennt. Auch die eigentliche Handlung weiß dabei zu überzeugen. Bond gerät in eine internationale Verschwörung, die mit einem ehemaligen MI6-Agenten zusammenhängt und immer größere Kreise zieht. Die Geschichte verbindet klassische Spionageelemente mit moderner Technologie, geopolitischen Konflikten und überraschend persönlichen Momenten. Besonders gelungen ist, dass Bond nicht als unfehlbarer Superagent dargestellt wird. Er macht Fehler, trifft falsche Entscheidungen und muss mit den Konsequenzen leben.
Großen Anteil daran hat die hervorragende Besetzung. Patrick Gibson liefert eine ausgezeichnete Interpretation des jungen Bond ab. Er vereint die Coolness und Schlagfertigkeit der klassischen Filme mit der Unsicherheit und Unerfahrenheit eines Mannes, der seinen Platz in dieser Welt erst finden muss. Auch Lennie James als John Greenway hinterlässt bleibenden Eindruck. Die Beziehung zwischen Mentor und Schüler entwickelt sich über die gesamte Kampagne hinweg und gehört zu den stärksten Elementen der Geschichte. Q, M und Moneypenny erhalten ebenfalls viel Raum und wirken nicht wie bloße Fanservice-Auftritte.
Spielerisch bewegt sich 007 First Light zwischen mehreren Welten. Stealth spielt eine wichtige Rolle, allerdings auf eine andere Art als in Hitman. Bond kann sich durch Restricted Areas schleichen, Gespräche belauschen, Wachen ablenken und Gadgets einsetzen, um Situationen zu seinem Vorteil zu manipulieren. Gleichzeitig setzt das Spiel aber deutlich stärker auf Tempo und Improvisation. Wenn ein Plan scheitert, wird daraus keine Niederlage, sondern oft eine neue Spielsituation.
Besonders gelungen ist das sogenannte Social Stealth. Bond kann sich durch Gespräche bluffen, Ausreden erfinden oder Verdacht kurzfristig zerstreuen. Diese Momente fühlen sich erstaunlich authentisch an und vermitteln tatsächlich das Gefühl, ein Geheimagent zu sein, der sich mit Charme und Selbstvertrauen aus schwierigen Situationen befreit.
Natürlich dürfen auch die Gadgets nicht fehlen. Die Q-Watch dient als vielseitiges Werkzeug zum Hacken und Ablenken, hinzu kommen Laserstifte, Betäubungsgeräte, Spezialkameras und zahlreiche weitere Spielereien. Sie eröffnen oft mehrere Lösungswege und sorgen dafür, dass sich Missionen unterschiedlich angehen lassen.
Die Nahkämpfe gehören zu den größten Überraschungen des Spiels. Bond schlägt sich nicht einfach durch Gegnerhorden, sondern nutzt seine Umgebung aktiv aus. Gegner werden gegen Geländer geschleudert, über Tische geworfen oder mit herumliegenden Gegenständen ausgeschaltet. Die Animationen wirken dabei hervorragend und verleihen den Kämpfen eine enorme Dynamik. Auch die Schusswechsel machen Spaß, obwohl sie deutlich seltener vorkommen als man vielleicht erwarten würde. Bond ist kein wandelndes Waffenarsenal. Feuergefechte dienen meist als Eskalation, wenn ein Plan scheitert. Genau dadurch behalten sie ihren Reiz.
Neben der Hauptkampagne bietet das Spiel mit TacSim einen umfangreichen Zusatzmodus. Hier warten spezielle Missionen, Herausforderungen und Ranglisten. Wer die Spielmechaniken wirklich ausreizen möchte, findet hier viele zusätzliche Stunden Beschäftigung.
Grafik
Grafisch gehört 007 First Light zu den beeindruckendsten Spielen des Jahres. Die Glacier Engine zeigt eindrucksvoll, warum sie mittlerweile zu den stärksten Technikgerüsten der Branche gehört.
Die verschiedenen Schauplätze sind nicht nur abwechslungsreich, sondern auch voller Details. Von verschneiten Landschaften in Island über luxuriöse Hotels bis hin zu exotischen Märkten und geheimen Forschungseinrichtungen wirkt jede Umgebung glaubwürdig und aufwendig gestaltet. Besonders die größeren Areale profitieren von der Erfahrung, die IO Interactive mit den Hitman-Spielen gesammelt hat. Die Levels wirken belebt, dicht und glaubwürdig.
Auch die Charaktermodelle überzeugen. Die Mimik der Figuren transportiert Emotionen glaubhaft und sorgt dafür, dass Gespräche und Zwischensequenzen deutlich an Wirkung gewinnen. Hinzu kommen hervorragende Animationen, die sowohl in Kämpfen als auch in ruhigen Szenen überzeugen.
Technisch läuft das Spiel überwiegend stabil. Kleinere Performance-Einbrüche oder gelegentliche technische Macken fallen zwar auf, bleiben aber selten genug, um den Gesamteindruck nachhaltig zu beeinträchtigen.
Sound
Die musikalische Untermalung trifft den Ton der Filmreihe nahezu perfekt. Orchestrale Kompositionen wechseln sich mit ruhigeren Stücken ab und unterstützen die Spannung der Handlung hervorragend. Besonders stark ist die Zurückhaltung beim Einsatz klassischer Bond-Motive. Statt sie ständig zu wiederholen, setzt das Spiel sie gezielt in den entscheidenden Momenten ein. Dadurch entfalten sie umso mehr Wirkung.
Die englische Sprachausgabe bewegt sich ebenfalls auf höchstem Niveau. Patrick Gibson verleiht Bond genau die richtige Mischung aus Charme, Arroganz und Verletzlichkeit. Lennie James, Priyanga Burford und Alastair Mackenzie liefern ebenfalls hervorragende Leistungen ab. Es ist trotzdem schade, dass so ein starkes Spiel keine deutschsprachige Synchronisation bekommen hat.
Auch die Soundeffekte überzeugen. Schüsse klingen druckvoll, Explosionen kraftvoll und die Umgebungen wirken akustisch lebendig. Von belebten Hotels bis zu abgelegenen Forschungseinrichtungen vermittelt der Sound stets das Gefühl, tatsächlich vor Ort zu sein.
Fazit
Die Entscheidung, einen jungen und unerfahrenen Bond in den Mittelpunkt zu stellen, erweist sich als voller Erfolg. Dadurch entsteht eine Geschichte, die nicht nur spannende Spionage bietet, sondern auch die Entwicklung einer ikonischen Figur glaubwürdig erzählt. Unterstützt wird das Ganze von einem hervorragenden Cast, starken Spielmechaniken und einer Präsentation auf höchstem Niveau.
Nicht jede Idee funktioniert perfekt. Manche Kämpfe gegen größere Gegnergruppen wirken etwas chaotisch, die KI zeigt gelegentlich Schwächen und einige lineare Passagen erinnern daran, dass IO Interactive hier Neuland betritt. Doch diese Kritikpunkte verblassen angesichts der vielen Stärken.
Mit 007 First Light gelingt IO Interactive nicht weniger als die moderne Neuerfindung von James Bond im Videospiel. Sollte dies tatsächlich der Beginn einer neuen Reihe sein, darf man sich auf die Zukunft des berühmtesten Geheimagenten der Welt mehr als freuen.






