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Review: Holonoptic

von Andreas · ca. 6 Min. Lesezeit
Holonoptic

Der Vorgänger ist verschwunden, die Führungsetage praktisch leergefegt und eine künstliche Intelligenz hat längst mehr Kontrolle über das Unternehmen, als irgendein Mensch zugeben möchte. Trotzdem sitzt plötzlich ausgerechnet ihr im Chefsessel von Glazial. Nicht, weil ihr euch durch jahrelange Managementerfolge dafür empfohlen hättet, sondern weil Geist, die allgegenwärtige Unternehmenssoftware, offenbar beschlossen hat, dass irgendjemand das menschliche Gesicht des Konzerns spielen muss. Schon diese Ausgangslage zeigt ziemlich gut, was Holonoptic sein will. Keine klassische Wirtschaftssimulation, keine reine Visual Novel und auch kein Cyberpunk-Rollenspiel im üblichen Sinn, sondern eine eigenwillige Mischung aus all diesen Dingen.

Statt euch durch neonbeleuchtete Straßenschluchten zu ballern, verbringt ihr in Holonoptic eure Zeit mit Vorstandssitzungen, Firmenübernahmen, Personalentscheidungen und der Frage, ob die nächste strategisch brillante Entscheidung nicht gleichzeitig menschlich vollkommen verwerflich ist. Das klingt trocken, ist es erstaunlicherweise aber selten. Denn Holonoptic schafft es, wirtschaftliche Systeme, politische Haltungen und die Psyche der eigenen Figur so eng miteinander zu verbinden, dass selbst ein Budgetgespräch plötzlich wie eine echte Charakterentscheidung wirken kann.

Glazial war einst ein respektables Schweizer Tunnelbauunternehmen, bevor daraus ein weit verzweigter Konzern wurde, der inzwischen eher an seiner eigenen Größe zu ersticken droht. Kurz bevor wir übernehmen, verschwindet der bisherige CEO unter mysteriösen Umständen. Zuvor hatte er sich zunehmend mit der Idee einer echten allgemeinen künstlichen Intelligenz beschäftigt, Firmenwerte abgestoßen und große Teile des verfügbaren Vermögens in Schweizer Franken umgeschichtet. Wenig später fällt die Bindung des Franken an den Euro und ausgerechnet Glazial sitzt plötzlich auf einem ungewöhnlich gut getimten finanziellen Polster. Zufall wirkt das schon früh nicht mehr.

Im Zentrum all dessen steht Geist. Die KI wurde ursprünglich entwickelt, um Unternehmensabläufe autonom zu steuern, hat sich inzwischen aber so tief in Glazials Infrastruktur festgesetzt, dass niemand sie einfach abschalten könnte, ohne den Konzern gleich mit zu zerstören. Sie führt Buchhaltung, kontrolliert Systeme und weiß mehr über das Unternehmen als jede Führungskraft. Besonders angenehm ist dabei, dass Holonoptic Geist nicht einfach zum klassischen bösen Computer stilisiert. Die KI ist kalt, herablassend und offensichtlich mächtig, aber nie bloß eine eindimensionale Bedrohung. Viel spannender ist die Frage, wie freiwillig unsere Rolle als CEO überhaupt ist, wenn die Software im Hintergrund längst die Fäden hält.

Während sich diese Mystery-Handlung langsam entfaltet, müssen wir Glazial tatsächlich führen. Büroflächen werden gekauft und ausgebaut, Mitarbeiter eingestellt und weitergebildet, größere Unternehmensprojekte vorbereitet und Konkurrenten analysiert. Mehr als 50 andere Firmen stehen für Handel, Kooperationen oder Übernahmen bereit. Besonders interessant ist, dass wirtschaftliche Entscheidungen nicht isoliert bleiben. Eine Akquisition kann neue Führungskräfte ins Unternehmen bringen, politische Beziehungen verändern oder später andere Möglichkeiten eröffnen. Dadurch fühlt sich Holonoptic deutlich mehr nach Rollenspiel als nach klassischer Tabellenoptimierung an.

Auch die regelmäßigen Vorstandssitzungen sorgen für Druck. Budgets müssen sinnvoll eingesetzt, Erwartungen erfüllt und wirtschaftliche Ziele erreicht werden. Gerade zu Beginn hängt die eigene Position am seidenen Faden, wodurch die ersten Stunden fast wie eine Probezeit funktionieren. Das ist spannend, aber auch fordernd, weil Holonoptic viele Systeme nur oberflächlich erklärt und relativ schnell erwartet, dass man selbst versteht, wie die einzelnen Bereiche zusammenhängen.

Die größte Besonderheit ist allerdings der eigene CEO. Die Figur besitzt 40 psychologische Eigenschaften und mehrere wechselnde emotionale Zustände, die Gespräche und Entscheidungen beeinflussen. Vor wichtigen Verhandlungen können sogar psychoaktive Substanzen eingesetzt werden, um Fokus, Distanz oder Stimmung gezielt zu verändern. Das klingt zunächst fast absurd, fügt sich aber erstaunlich gut in die Welt ein. Holonoptic fragt damit nicht nur, was wirtschaftlich sinnvoll wäre, sondern auch, welche Art Mensch nötig ist, um diese Entscheidung überhaupt zu treffen.

Unterstützt wird das durch unterschiedliche berufliche Hintergründe, Fähigkeiten und mehr als 70 Talente. Ob ihr als Investmentbanker, Ingenieur oder Unternehmensspion startet, verändert die Ausgangslage und eröffnet andere Wege. Weiterbildung läuft über ein Kurssystem, wodurch langfristige Planung wichtig bleibt. Noch spannender ist jedoch die politische Entwicklung. Entscheidungen verschieben euren CEO in unterschiedliche ideologische Richtungen, die von marktwirtschaftlichen Positionen über plutokratische Vorstellungen bis hin zu gewerkschaftsnahen oder kollektivistischen Ideen reichen.

Diese Haltungen bleiben nicht bloß kosmetisch. Sie eröffnen neue Aufgaben, verändern Beziehungen und bestimmen, welche Gruppen euch unterstützen oder bekämpfen. Ihr könnt Glazial zum kompromisslosen Profitapparat umbauen, euch stärker mit Arbeitnehmer und Gewerkschaften verbünden oder versuchen, möglichst lange zwischen den Interessen zu lavieren. Bis zu 16 Führungskräfte können Teil eures Teams werden, und viele davon besitzen eigene politische Überzeugungen, Ambitionen und Konflikte. Dadurch fühlt sich die Chefetage tatsächlich wie eine Rollenspielgruppe an, nur dass die Party hier aus Juristen, Finanzleuten und anderen Personen besteht, denen man besser nicht blind vertraut.

Mit mehr als zehn möglichen Enden reagiert Holonoptic deutlich auf diese Entscheidungen. Nicht jede Ideologie, jede Führungskraft und jede Storyline lässt sich in einem einzigen Durchgang erleben. Gerade deshalb entsteht ein hoher Wiederspielwert, weil man wissen möchte, wie weit sich der Konzern und der eigene CEO in eine völlig andere Richtung treiben lassen.

Ganz problemlos funktioniert diese Tiefe allerdings nicht. Das Tutorial erklärt die Grundlagen, überlässt uns danach aber ziemlich schnell uns selbst. Viele Zusammenhänge zwischen Ressourcen, Ausbildung, Projekten und Unternehmensentwicklung erschließen sich erst durch Ausprobieren. Auch das Interface hilft nicht immer. Zahlreiche Untermenüs, Personalübersichten und Verwaltungsbereiche verlangen mehr Klicks als nötig. Gerade in den ersten Stunden kann Holonoptic deshalb ziemlich überwältigend wirken.

Wer diese Hürde überwindet, entdeckt allerdings ein erstaunlich gut verzahntes System. Das Entscheidende ist nicht die reine Anzahl an Mechaniken, sondern dass sie tatsächlich miteinander kommunizieren. Wirtschaftliche Entscheidungen verändern politische Beziehungen, Führungskräfte eröffnen neue Möglichkeiten und die psychische Entwicklung des CEOs beeinflusst wiederum Gespräche und Handlungsoptionen. Dadurch werden Zahlen und Tabellen tatsächlich zu einem Teil der Geschichte.

Grafik

Grafisch setzt Holonoptic bewusst nicht auf Spektakel. Viele Szenen werden über stilisierte, weitgehend statische Bilder vermittelt, und große Animationen oder aufwendige 3D-Sequenzen spielen kaum eine Rolle. Technisch beeindruckend ist das nicht, doch die visuelle Identität funktioniert erstaunlich gut, weil das Spiel ein ungewöhnliches Bild von Cyberpunk zeichnet.

Statt überfüllter Neonstädte dominieren verschneite Schweizer Berglandschaften, kalte Unternehmensarchitektur und industrielle Anlagen. Bürokomplexe stehen vor gewaltigen Bergmassiven, Glas, Beton und Stahl treffen auf beinahe unberührte Natur. Genau dieser Kontrast macht Holonoptic visuell interessanter als viele technisch deutlich aufwendigere Genrevertreter. Die Illustrationen der Führungskräfte und wichtigen Ereignisse passen ebenfalls gut zum nüchternen Stil.

Technisch zeigt sich die reduzierte Präsentation von ihrer angenehmen Seite. Holonoptic stellt keine hohen Anforderungen an die Hardware, läuft auch auf älteren Systemen ordentlich und hält Lade- sowie Speicherzeiten sehr kurz. Die Grafik lebt deshalb weniger von technischer Stärke als von einer klaren und eigenständigen Art Direction.

Sound

Ähnlich zurückhaltend präsentiert sich Holonoptic akustisch. Musik läuft nicht permanent, sondern wird gezielt eingesetzt, wenn wichtige Ereignisse oder größere Entwicklungen anstehen. Lange Phasen der Unternehmensführung bleiben vergleichsweise ruhig, was den kalten, fast klinischen Charakter der Büroarbeit überraschend gut unterstützt.

Wenn der Soundtrack einsetzt, passt er mit seiner industriellen und angespannten Stimmung gut zur Welt. Auch bei den Dialogen ist der Aufwand für ein Solo-Projekt beachtlich. Ein beträchtlicher Teil der mehr als 3.000 Textzeilen ist vertont, wodurch besonders die wichtigsten Führungskräfte deutlich mehr Persönlichkeit erhalten. Insgesamt bleibt der Sound eher unterstützend als prägend. Das passt zu einem Spiel, dessen größte Stärke klar in seinen Systemen und Texten liegt.

Fazit

Andreas
Andreas
YouGame Redaktion
Holonoptic ist eine ungewöhnliche Mischung aus Wirtschaftssimulation, Rollenspiel und Unternehmensdystopie. Der verschwundene Vorgänger, Geist als nahezu unkontrollierbare künstliche Intelligenz und die konkurrierenden Machtgruppen bilden einen starken erzählerischen Rahmen. Wirklich spannend wird das Spiel aber erst dort, wo Management, Ideologie und Charakterentwicklung miteinander verzahnt werden. Firmenübernahmen, Budgets und Personalentscheidungen verändern nicht nur den Konzern, sondern auch Beziehungen, politische Positionen und letztlich die Persönlichkeit des eigenen CEOs.

Leicht macht Holonoptic den Einstieg allerdings nicht. Das Tutorial erklärt zu wenig, das Interface bleibt stellenweise umständlich, und die hohe Informationsdichte kann anfangs abschreckend wirken. Wer schnelle Erfolgserlebnisse oder permanente Action sucht, wird hier kaum glücklich. Wer jedoch gerne plant, liest und komplexe Systeme durchdringt, entdeckt eines der eigenständigsten Managementspiele des Jahres. Holonoptic ist nicht für alle gemacht. Für die richtige Zielgruppe ist genau das vermutlich seine größte Stärke.
Grafik
8/10
Sound
7/10
Gameplay
8/10
Spielspaß
8/10