Nach Jahren in der Entwicklungshölle erscheint mit Dustborn ein Adventure, das vieles anders machen möchte als Genre-Kollegen. Was entsteht, wenn ein norwegisches Studio wie Red Thread Games zusammen mit Quantic Dream eine schrille Comic-Welt, gesellschaftskritische Dystopie und Mut zu ungewöhnlichen Genre-Mixes vereint? Das Ergebnis ist alles, nur nicht gewöhnlich – ein Spiel, das spaltet, aber auch begeistert.
Im Jahr 2030 sind die Vereinigten Staaten Geschichte. Das Land ist zersplittert, beherrscht von autoritären Regimen, Überwachung und Misstrauen. In dieser Zukunft schlüpfen wir in die Rolle von Pax, einer sogenannten „Anomalen“ – ausgestattet mit übernatürlichen Kräften, verfolgt vom System, aber nie allein: Die Roadtrip-Geschichte entspinnt sich um eine diverse Punkband, die auf den ersten Blick durch die USA tourt, in Wahrheit aber geheime Informationen für eine Rebellion schmuggelt.
Hier punktet Dustborn mit einer der stärksten Facetten des Spiels: Die Band ist nicht bloß Staffage, sondern das emotionale Zentrum. Jede Figur – von der starken Sai über die non-binäre Noam bis hin zu Ex-Partner:innen und Nerds – bringt ihren eigenen Hintergrund, ihre Probleme und Stärken ein. Das sorgt für glaubwürdige, manchmal berührende Dialoge und Dynamiken, die sich spürbar verändern, je nachdem, wie sich Pax verhält. Diversität ist kein aufgesetztes Merkmal, sondern durchdringt die Handlung auf natürliche Weise, ohne zur Parole zu verkommen.
Trotzdem gelingt es nicht immer, die Charaktere aus dem Schatten bekannter Genre-Klischees zu befreien. Vieles erinnert an Rollenmuster aus Life is Strange oder The Walking Dead, was die emotionale Bindung manchmal erschwert. Besonders auffällig: Nicht jede Figur bekommt im Spielverlauf die gleiche Tiefe, manche bleiben eher Stereotyp als echte Persönlichkeit.
Dialogsystem & Entscheidungsfreiheit: Worte als Waffe
Eine der größten Stärken (und zugleich Herausforderungen) von Dustborn ist das innovative Dialogsystem. Gespräche laufen in Echtzeit ab, häufig mit mehreren gleichzeitig verfügbaren Optionen, von denen manche nur kurz oder nach bestimmten Triggern auswählbar sind. Pax kann durch Dialogentscheidungen Beziehungen stärken oder zerstören, aber auch wortwörtlich mit ihrer „Vox“-Kraft andere manipulieren oder Konflikte eskalieren lassen.
Dabei gibt es selten die eine „richtige“ Lösung. Viele kleine Entscheidungen beeinflussen die Beziehung zu den Crewmitgliedern und führen in Summe zu veränderten Reaktionen oder sogar alternativen Enden. Das System verzichtet auf künstliche Listen oder Checklisten, sondern setzt auf Nuancen und wechselseitige Dynamik. Das macht Dustborn lebendig, aber auch langsam und mitunter anstrengend für Spieler:innen, die klare, direkte Resultate oder klassische Entscheidungsbäume bevorzugen.
Gameplay-Mix: Adventure trifft auf Rhythmus und Action
Neben Gesprächen und Erkundungseinlagen präsentiert sich Dustborn als bunter Genremix. Es gibt klassische Adventure-Elemente – kleinere Rätsel, das Sammeln von Ressourcen, die Organisation des nächsten Roadtrip-Zwischenstopps. Hinzu kommen regelmäßige Rhythmusspiel-Abschnitte, in denen die Band Songs performt, die jeweils passend zur aktuellen Handlung ausgewählt oder sogar eigens geschrieben werden.
Spannend, aber nicht ganz so ausgereift sind die Kampfpassagen. Mit dem Baseballschläger und den Vox-Kräften werden Auseinandersetzungen mit Bikern, Robotern oder Sicherheitskräften zwar abwechslungsreich inszeniert, bleiben aber spielmechanisch oberflächlich. Kombos, echtes Trefferfeedback oder taktische Tiefe sucht man vergebens. Immerhin: Wer keine Lust auf Action hat, kann viele Kämpfe im Schwierigkeitsgrad reduzieren oder überspringen.
Das Spiel bleibt damit seinem Adventure-Kern treu und nutzt Musik- wie Kampfeinlagen eher zur Auflockerung. Nicht jede Mechanik zündet voll, doch die ständige Abwechslung hält die Spannung aufrecht – und wirkt manchmal wie ein bewusstes Statement gegen Einheitsbrei.
Gesellschaft, Identität und Haltung: Mehr als ein Roadtrip
Dustborn erzählt seine Geschichte als Gegenentwurf zu Engstirnigkeit, Überwachung und Ausgrenzung. Es ist kein Zufall, dass das Spiel seine vielfältige Band auf eine Reise schickt, die nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich Grenzen überschreitet. Themen wie Diversität, Akzeptanz und Widerstand gegen ein unterdrückendes Regime werden nicht platt vermittelt, sondern fließen in Figuren, Gespräche und die gesamte Welt ein. Das Spiel versteht es, politische und soziale Fragen behutsam einzubinden und dabei immer die persönliche Entwicklung der Charaktere in den Vordergrund zu stellen. Auch aktuelle gesellschaftliche Ängste – etwa vor Überwachung oder Ausgrenzung – sind deutlich zu spüren, werden aber stets durch Hoffnung, Zusammenhalt und einen warmherzigen Grundton ausbalanciert. Das macht Dustborn zu einem Spiel, das seine Haltung klar zeigt, ohne den Zeigefinger zu heben.
Grafik
Optisch setzt Dustborn konsequent auf einen farbenfrohen Comicstil, der sich deutlich von vielen anderen Adventures abhebt. Klare Linien, plakative Farben und eine auffällige Onomatopoesie prägen das Bild und verleihen der dystopischen Welt eine einprägsame Identität. Die Charaktere wirken wie aus einer Graphic Novel entsprungen – stilisiert, aber dennoch mit vielen kleinen Animationen und Mimiken, die sie lebendig machen. Zwischensequenzen und Menüs sind ebenso liebevoll gestaltet, wobei das Spiel stets zwischen poppiger Coolness und subtilen Melancholiemomenten balanciert.
Technisch merkt man Dustborn allerdings die Indie-Wurzeln an: Animationen können stellenweise steif wirken, und gelegentliche Grafikfehler oder Ladezeiten trüben das Gesamtbild etwas. Trotz dieser Schwächen überzeugt das Spiel in seinen atmosphärischen Momenten und durch kreative Szenenbilder.
Sound
Musikalisch zeigt sich Dustborn ebenfalls eigenständig: Der Soundtrack reicht von treibendem Punkrock über ruhigere Töne bis zu stimmungsvollen Balladen – stets passend zu den aktuellen Situationen der Band auf ihrem Roadtrip. Besonders die Songs, die die Gruppe selbst performt, bleiben im Ohr. Die englische Vertonung verdient Lob, da alle Hauptfiguren durchweg überzeugend und charakterstark gesprochen sind. Auch die Hintergrundgeräusche und Soundeffekte tragen ihren Teil zur gelungenen Immersion bei.
Fazit
Die Schwächen – von den wenig ausgefeilten Kämpfen bis zu technischen Macken und erzählerischen Längen – sind spürbar, aber nie so gravierend, dass sie das Abenteuer ausbremsen. Staub und Pannen gehören auf diesem Roadtrip dazu. Die große Stärke bleibt die Geschichte über Freundschaft, Hoffnung und Anderssein.<p>
Für Fans narrativer Spiele, Freund:innen politischer Geschichten und alle, die genug von Schema-F-Adventures haben, ist Dustborn ein Muss auch wenn nicht jeder Biss auf diesem Genre-Buffet gleich gut mundet. Wer aber auf Indie-Experimente, emotionale Geschichten und einen Schuss gesellschaftlichen Punk steht, findet hier eines der ungewöhnlichsten Spiele des Jahres.






