Zeitreisen sind im Adventure-Genre eigentlich ein alter Hut. Seit Day of the Tentacle wissen wir, dass ein kleiner Eingriff in der Vergangenheit später absurde Folgen haben kann. Genau diesen Geist greift Whirlight: No Time To Trip auf und verpackt ihn in ein klassisches Point-and-Click-Abenteuer, das sehr bewusst nach früher riecht, sich aber nicht bloß als nostalgische Fingerübung versteht. Imaginarylab liefert nach Willy Morgan and the Curse of Bone Town erneut ein Spiel für Menschen, die Inventare durchstöbern, mit schrägen Figuren reden und stundenlang darüber nachdenken möchten, warum ein Fischer, ein Spielzeughändler, eine Saftpresse und ein Chor plötzlich Teil derselben Rätselkette sind.
Im Mittelpunkt steht Hector May, ein etwas verpeilter Physikprofessor und Erfinder, dessen Ideen meist irgendwo zwischen genial und völlig unpraktisch hängenbleiben. Nach einem surrealen Traum glaubt er endlich zu wissen, wie er seine neueste Erfindung vollenden kann. Dafür reist er nach Verice Bay, eine wunderschöne Küstenstadt mit mediterranem Einschlag, Kanälen, Plätzen, kleinen Geschäften und genug verschrobenen Bewohnern, um ein ganzes Adventure zu tragen. Was als Suche nach Bauteilen beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Geschichte über flüssiges Licht, Zeitreisen und ein Raum-Zeit-Kontinuum, das durch Hectors Erfinderdrang zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät.
Whirlight: No Time To Trip ist ein Point-and-Click-Adventure im klassischen Sinn. Man bewegt Hector und später auch Margaret Harck durch liebevoll gestaltete Szenen, untersucht Gegenstände, spricht mit NPCs, sammelt Objekte ein und versucht herauszufinden, welche davon sich miteinander oder mit der Umgebung kombinieren lassen. Das klingt altmodisch und ist es auch, aber genau darin liegt ein großer Teil des Reizes. Das Spiel will nicht modernisieren, bis vom Genre nichts mehr übrig bleibt, sondern klassische Adventure-Logik mit einigen Komfortfunktionen verbinden. Hotspots lassen sich einblenden, lange Laufwege können per Doppelklick abgekürzt werden und eine Karte erlaubt später die Schnellreise zwischen wichtigen Orten.
Der Einstieg mit Hector funktioniert stark, weil das Spiel seine Hauptfigur schnell greifbar macht. Hector ist kein strahlender Held, sondern ein zerstreuter Wissenschaftler mit grauen Haaren, seltsamem Outfit und einer Mischung aus echtem Genie und katastrophaler Selbstüberschätzung. Seine Erfindung, der Light Squeezer, macht aus natürlichem Licht eine trinkbare Flüssigkeit und wird damit zur Grundlage der Zeitreisen. Dass Hector selbst zunächst gar nicht begreift, was er da eigentlich gebaut hat, passt wunderbar zu dieser Figur. Er stolpert weniger heldenhaft durch die Geschichte, sondern mehr mit Badeschlapfen und Bauchgefühl.
Spätestens mit Margaret gewinnt das Spiel zusätzlich an Dynamik. Sie ist Künstlerin, deutlich bodenständiger als Hector und nicht bloß Begleiterin, sondern eine zweite spielbare Hauptfigur mit eigener Art, Probleme zu lösen. Wenn sich beide später durch unterschiedliche Zeiten und Orte bewegen, entsteht der stärkste spielerische Kern von Whirlight. Dann reicht es nicht mehr, einfach nur Gegenstände zu sammeln. Man muss überlegen, wer gerade handeln kann, welche Epoche relevant ist und ob eine Veränderung in der Vergangenheit eine Lösung in der Zukunft öffnet. Das ist nicht immer elegant ausgeschildert, aber oft sehr befriedigend, wenn sich eine längere Rätselkette endlich schließt.
Die Rätsel sind überwiegend gut aufgebaut und angenehm vielschichtig. Besonders in Verice Bay zeigt das Spiel, wie gut klassische Adventure-Mechanik funktionieren kann, wenn Figuren, Orte und Objekte sinnvoll ineinandergreifen. Eine kaputte Saftpresse führt zu einem Spielzeughändler, der wiederum ein eigenes Problem hat, das über einen Fischer, ein Getränk, Sammelbilder und weitere kleine Umwege gelöst werden will. Solche Ketten können schnell beliebig wirken, doch Whirlight schafft es meistens, sie aus der Logik seiner Welt heraus zu erklären. Nicht jede Lösung ist sofort offensichtlich, aber viele ergeben rückblickend Sinn.
Ganz ohne Reibung bleibt das nicht. Manche Aufgaben verlangen, dass man eine Aktion wiederholt, obwohl das Spiel vorher nicht klar signalisiert, dass ein zweiter Versuch etwas ändern könnte. In solchen Momenten beginnt man dann doch wieder, alte Hotspots abzuklappern und Inventargegenstände auf Verdacht auszuprobieren. Das ist der Teil des klassischen Adventure-Erbes, den man nicht zwingend zurückhaben musste. Auch das Wechseln zwischen Hector und Margaret hätte eleganter gelöst werden können, weil man dafür nicht einfach ein Symbol anklickt, sondern die andere Figur direkt ansprechen muss. Das passt zwar erzählerisch, bremst spielerisch aber etwas.
Trotzdem bleibt der Spielfluss über weite Strecken stark. Das liegt auch daran, dass Whirlight größer ist, als es zunächst wirkt. Aus dem Küstenstädtchen der 1960er Jahre wird später ein Zeitreiseabenteuer mit mehreren Epochen, Schauplätzen und überraschenden Abzweigungen. Verice Bay verändert sich zwischen den Jahrzehnten sichtbar. Aus Läden werden andere Läden, aus vertrauten Orten neue Varianten, aus einer überschaubaren Erfindergeschichte ein deutlich größeres Abenteuer. Dass die Handlung dabei manchmal etwas großzügig mit Zeitreiseparadoxien umgeht, sollte man ihr nicht zu streng auslegen. Wer bei jeder Änderung der Vergangenheit sofort den Kausalitätsrechner auspackt, macht sich bei solchen Geschichten ohnehin unglücklich.
Humor spielt eine wichtige Rolle, auch wenn er nicht immer gleich stark trifft. Das Spiel ist charmant, schrullig und sehr offensichtlich von Klassikern wie Monkey Island, Day of the Tentacle und Sam & Max Hit the Road geprägt. Die ganz großen Point-and-Click-Lacher erreicht Whirlight nicht durchgehend. Dafür fehlt manchen Dialogen der letzte Biss und manchen Figuren die Schärfe, die aus netten Nebencharakteren wirklich unvergessliche Adventure-Gestalten machen würde. Es gibt aber genug absurde Situationen, liebevolle Einfälle und charmante Momente, um die Reise sympathisch und unterhaltsam zu halten.
Grafik
Visuell ist Whirlight: No Time To Trip eine der größten Stärken des Spiels. Imaginarylab kombiniert detaillierte, fast malerisch wirkende Hintergründe mit stilisierten 3D-Figuren und schafft damit einen Look, der sofort an klassische Adventures erinnert, ohne völlig altbacken zu wirken. Verice Bay ist wunderschön gestaltet. Die Plätze, Gassen, Kanäle und kleinen Geschäfte wirken nicht wie sterile Kulissen, sondern wie Orte, an denen man sich gerne länger umsieht.
Besonders gelungen ist, wie stark sich die Schauplätze durch Zeit und Tageszeit verändern. Die 1960er fühlen sich anders an als die 1990er, Morgen, Abend und Nacht bringen neue Stimmungen, und spätere Orte erweitern die visuelle Palette deutlich. Das Spiel lädt dazu ein, die Szenen nicht nur als Rätselräume zu betrachten, sondern als kleine Bühnen voller Details. Gerade für ein Indie-Adventure wirkt die Präsentation erstaunlich hochwertig.
Nicht ganz auf demselben Niveau liegen die Animationen. Viele Zwischensequenzen sind liebevoll inszeniert und einige Slapstick-Momente funktionieren richtig gut, doch bei Inventaraktionen sieht man öfter, dass Figuren eher mit unsichtbaren Objekten hantieren. Auch Bewegungsübergänge wirken nicht immer so geschmeidig, wie es die schönen Hintergründe verdient hätten. Das fällt auf, ruiniert den Gesamteindruck aber nicht. Whirlight ist kein technisch makelloses Spiel, aber ein visuell sehr eigenständiges und oft beeindruckendes Adventure.
Sound
Auch akustisch macht Whirlight vieles richtig. Der Soundtrack begleitet die verschiedenen Zeiten und Orte mit passenden, oft angenehm filmischen Stücken, die nie zu sehr in den Vordergrund drängen. Die 1960er klingen anders als die späteren Abschnitte, ruhigere Szenen bekommen eine entspannte musikalische Färbung, während düsterere Momente spürbar mehr Spannung entwickeln. Das unterstützt die Reise durch Zeit und Raum besser, als man es von einem kleineren Adventure vielleicht erwarten würde.
Die Umgebungsgeräusche tragen ebenfalls viel zur Stimmung bei. Verice Bay lebt durch Tauben, Straßenlärm, kleine Geräuschdetails, knisternde Feuer und die akustische Eigenheit seiner Orte. Gerade weil man in Point-and-Click-Adventures oft lange in einzelnen Szenen verweilt, ist das wichtig. Ein Ort muss nicht nur gut aussehen, sondern auch angenehm klingen, wenn man dort mehrere Minuten über eine Rätsellösung nachdenkt.
Die englische Sprachausgabe ist insgesamt gelungen. Hector klingt sympathisch rau und leicht verschroben, Margaret bodenständig und entschlossen. Auch viele Nebenfiguren sind sauber vertont, ohne ständig in überzeichnete Karikaturen abzurutschen. Nicht jede Zeile sitzt perfekt, aber die Vertonung hebt das Spiel klar an und hilft dabei, den Figuren mehr Persönlichkeit zu geben.
Fazit
Ganz ohne Altlasten kommt das Abenteuer aber nicht aus. Manche Lösungen sind etwas zu umständlich, einzelne Hinweise könnten klarer sein und nicht jeder Dialog besitzt den Witz, den das Spiel gerne hätte. Auch die Animationen und einige Bedienungsideen wirken nicht ganz so poliert wie die wunderschön gestalteten Schauplätze. Das sind echte Schwächen, aber keine, die den Charme des Spiels zerstören.
Wer klassische Point-and-Click-Abenteuer liebt, bekommt hier ein überraschend umfangreiches, hübsches und clever konstruiertes Zeitreiseabenteuer mit zwei sympathischen Hauptfiguren, vielen Schauplätzen und einer angenehmen Mischung aus Nostalgie und eigenem Charakter. Wer mit dem Genre nie warm wurde, wird auch hier nicht plötzlich bekehrt. Für Adventure-Fans ist Whirlight: No Time To Trip aber eine klare Empfehlung und ein weiterer Beweis dafür, dass dieses Genre noch lange nicht in der Vergangenheit feststeckt.






