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Review: The End of the Sun

von Andreas · ca. 4 Min. Lesezeit
The End of the Sun

In The End of the Sun reicht ein glimmendes Feuer, um ein ganzes Leben neu zu ordnen. Aus Asche werden Erinnerungen, aus Jahreszeiten werden Zeitsprünge und aus einem verlassenen slawischen Dorf wird nach und nach ein Ort voller Liebe, Schuld, Verlust und alter Mythen. Das klingt zunächst nach schwerer Kost, spielt sich aber meist wie ein ruhiger Spaziergang durch eine Welt, die mit viel Respekt vor Folklore, Natur und Tradition gebaut wurde.

Wir übernehmen die Rolle eines Aschters, eines slawischen Feuermagiers, der einem Rarog folgt. Dieser mythische Feuervogel bringt die Zeit durcheinander und führt uns in ein abgelegenes Dorf, dessen Bewohner:innen nur noch als Erinnerungsfragmente existieren. Die eigentliche Geschichte setzt sich aus einzelnen Szenen zusammen, die wir durch Feuerstellen freilegen. Mal sehen wir Figuren als Kinder, mal als Erwachsene, mal in späteren Lebensphasen. So entsteht kein linear erzähltes Abenteuer, sondern ein Mosaik aus Beziehungen, Ritualen und verpassten Momenten.

Das stärkste Element ist dabei die Zeitmechanik. Jede der vier Jahreszeiten steht für einen anderen Zeitraum. Wer im Frühling etwas verändert, öffnet vielleicht im Sommer einen neuen Weg oder sorgt dafür, dass eine Szene Jahrzehnte später anders abläuft. Das ist erzählerisch reizvoll und passt sehr gut zum Thema, weil The End of the Sun weniger von großen Heldentaten erzählt als von kleinen Eingriffen in Lebensläufe. Besonders schön ist, wie sich das Dorf über die Jahreszeiten verändert. Wege sind blockiert oder wieder offen, Gebäude stehen noch oder sind verfallen, Figuren altern und tragen die Spuren ihrer Entscheidungen weiter.

Spielerisch bleibt das Ganze allerdings deutlich einfacher, als es die Prämisse vermuten lässt. Viele Aufgaben bestehen daraus, einer Rauchspur zu folgen, einen fehlenden Gegenstand zu finden und ihn an der richtigen Stelle einzusetzen. Das funktioniert als ruhiges Erkundungsspiel, fordert aber selten wirklich. Einige Rätsel sind cleverer eingebunden, etwa wenn man eine Handlung in einer Jahreszeit vorbereitet, um in einer anderen weiterzukommen. Trotzdem bleibt oft der Eindruck, dass hier mehr möglich gewesen wäre. Gerade weil die Zeitmechanik so stark ist, hätten die Aufgaben gerne komplexer und überraschender sein dürfen.

Dafür trägt die Atmosphäre viel. The End of the Sun ist kein Spiel für Eile. Wer von Feuerstelle zu Feuerstelle rennt und nur die nächste Aufgabe abhaken will, verpasst wahrscheinlich den eigentlichen Reiz. Die Welt möchte betrachtet werden. Überall liegen Gegenstände, Notizen und kleine kulturelle Details, die das slawische Setting greifbarer machen. Man merkt, dass das kleine Team viel Arbeit in Recherche, Museen und authentische Objekte gesteckt hat. Das gibt dem Spiel eine Identität, die vielen anderen First Person Adventures fehlt.

Nicht ganz so stark sind die Dialoge und Figurenanimationen. Die Geschichte hat schöne Momente und einzelne Szenen bleiben hängen, doch nicht jede emotionale Spitze trifft so stark, wie sie sollte. Manche Gespräche wirken etwas steif, manche Aussagen werden zu deutlich ausgesprochen. Gerade bei einem Spiel, das von Erinnerung und menschlichen Beziehungen lebt, fällt das auf. Trotzdem bleibt die Erzählung interessant genug, um bis zum Ende wissen zu wollen, wie sich die einzelnen Bruchstücke zusammenfügen.

Grafik

Optisch ist The End of the Sun in seinen Landschaften oft beeindruckend. Wälder, Flussufer, Hügelwege, alte Holzhäuser und jahreszeitliche Veränderungen erzeugen eine sehr dichte Stimmung. Besonders die Natur profitiert von den realistischen Texturen und dem warmen Licht. Wenn man im Sommer durch das hohe Gras geht, im Winter durch verschneite Wege stapft oder im Herbst die veränderte Farbpalette sieht, entsteht ein starker Sinn für Ort und Zeit.

Weniger überzeugend sind die Charaktermodelle. Sie wirken sichtbar einfacher als die Umgebung, und die Animationen erreichen nie die Natürlichkeit, die das Setting eigentlich verdient hätte. Das reißt nicht alles ein, aber es erzeugt einen Bruch zwischen der liebevoll gestalteten Welt und den Menschen, deren Geschichten im Mittelpunkt stehen. Auf der PlayStation 5 kommt außerdem hinzu, dass die Performance nicht immer sauber wirkt. Gerade in Bewegung können Bildratenprobleme, Screen Tearing oder ein etwas träges Spielgefühl stören. Bei einem ruhigen Adventure ist das kein Totalausfall, aber es fällt auf, weil die Landschaften eigentlich zum Versinken einladen.

Sound

Der Sound trägt das Spiel deutlich besser als viele seiner spielerischen Systeme. Vogelrufe, Wind, Wasser, knisternde Feuer und dezente Umgebungsgeräusche sorgen dafür, dass die Welt auch ohne viele aktive Figuren lebendig wirkt. Die Musik greift slawische Einflüsse auf, bleibt meist zurückhaltend und begleitet wichtige Momente, ohne sie zu überladen. Gerade die Mischung aus ruhigen Melodien, folkloristischen Klangfarben und gelegentlich dramatischeren Einsätzen passt sehr gut zum meditativen Charakter des Spiels.

Die Sprachausgabe ist gemischt. Der Erzähler funktioniert ordentlich und führt angenehm durch die Reise, einige Nebenfiguren bleiben aber hölzern. Das ist schade, weil die Geschichte stark von persönlichen Momenten lebt. Trotzdem bleibt der Gesamteindruck beim Klang positiv, da Musik und Atmosphäre sehr viel auffangen.

Fazit

Andreas
Andreas
YouGame Redaktion
The End of the Sun ist kein großes Rätselabenteuer und auch kein Spiel, das mit Tempo, Herausforderung oder spektakulären Wendungen überzeugen will. Es ist ein ruhiges, kulturell stark verwurzeltes First Person Adventure über Erinnerung, Zeit und slawische Mythen. Seine größten Stärken liegen in der Welt, der Atmosphäre und der Art, wie die Jahreszeiten als erzählerisches Werkzeug genutzt werden. Seine Schwächen liegen bei den einfachen Aufgaben, den steifen Figuren und der nicht ganz sauberen technischen Umsetzung.

Wer ein forderndes Adventure erwartet, wird vermutlich unterfordert sein. Wer sich aber auf ein langsames, schönes und ungewöhnliches Spiel einlässt, das eher einer begehbaren Sage als einem klassischen Puzzle Titel gleicht, bekommt eine besondere Reise durch Feuer, slawische Folklore und vergängliche Lebensgeschichten.
Grafik
8/10
Sound
8/10
Gameplay
7/10
Spielspaß
8/10