Nevendaar steht wieder am Abgrund, doch diesmal ist es nicht nur ein namenloses Übel, das alles bedroht. Es ist auch eine Königin, die zu lange gezögert hat. Disciples Domination beginnt nicht mit Pathos, sondern mit Schuld, politischer Erosion und einem Kampfsystem, das dir schnell klarmacht, dass Nachlässigkeit bestraft wird. Schon die ersten Gefechte zeigen, dass hier kein lockerer Fantasy-Ausflug wartet, sondern ein taktisches Spiel, das Präzision verlangt und Fehler konsequent ausnutzt.
Fünfzehn Jahre sind seit den Ereignissen von Liberation vergangen. Avyanna hat die alten Götter gestürzt und Nevendaar geeint, sich danach jedoch aus der aktiven Herrschaft zurückgezogen. Während sie in Yllian verharrt, bröckelt ihr Reich an den Rändern. Fraktionen entfernen sich voneinander, alte Spannungen kehren zurück, und eine mysteriöse magische Korruption frisst sich durch Land und Flüsse. Die Geschichte lebt weniger von überraschenden Wendungen als von dieser permanenten Instabilität. Entscheidungen beeinflussen Rufwerte und öffnen kleinere narrative Abzweigungen, doch große Verwerfungen bleiben aus. Wer Liberation kennt, erkennt viele Figuren wieder. Neueinsteiger werden ausreichend abgeholt, spüren aber nicht jede emotionale Nuance.
Das Zentrum des Spiels bleibt das rundenbasierte Kampfsystem auf Hexfeldern. Vor jedem Gefecht stellst du deine Formation zusammen, verteilst Einheiten auf Front und zweite Reihe und analysierst Gelände sowie Hindernisse. Jede Figur verfügt über Aktionspunkte für Bewegung und Fähigkeiten, ungenutzte Punkte können in defensive Effekte umgewandelt werden. Positionierung entscheidet häufig über Sieg oder Niederlage, weil Einheiten sich nicht durchqueren können und Engstellen taktisch genutzt werden müssen. Push und Pull Mechaniken erlauben es, Gegner aus ihrer Formation zu reißen oder in Gefahrenfelder zu stoßen. Dynamische Schlachtfelder mit herabstürzenden Felsen, Lawinen oder Bossereignissen erhöhen den Druck zusätzlich.
Die Kämpfe fordern deutlich stärker als im Vorgänger. Bereits auf dem normalen Schwierigkeitsgrad musst du Synergien sauber nutzen und Status Effekte bewusst kombinieren. Moral, Buffs, Debuffs und Initiativwerte greifen ineinander. Gleichzeitig bleibt die KI nicht immer konsequent. Gelegentlich verschenken Gegner taktische Vorteile oder laufen sehenden Auges in schädliche Felder. Das nimmt einzelnen Begegnungen die letzte Schärfe, ändert aber nichts daran, dass das System grundsätzlich funktioniert und langfristig motiviert.
Avyanna wählt zu Beginn eine von vier Klassen. Kriegsherrin, Beherrscherin der Urgewalten, Heilige Regentin oder Hexenkönigin. Jede Klasse öffnet eigene Talentbäume und Spielstile. Skillpunkte lassen sich gegen Gold zurücksetzen, was Experimente erleichtert. Der Fortschritt fühlt sich allerdings kontrolliert an. Viele Talente erhöhen Werte schrittweise, große Machtspitzen kommen erst später. Ergänzt wird das System durch umfangreiche Ausrüstung mit Seltenheitsstufen und aufwertbaren Scherben, die auch regulären Einheiten zusätzliche Boni verleihen. Dadurch entsteht weniger ein Heldenspiel als vielmehr ein Armee Optimierungsspiel.
Die Oberwelt wird in isometrischer Echtzeit erkundet. Ressourcen sammeln, Produktionsstätten einnehmen, Nebenquests erfüllen und versteckte Wege freischalten gehören zum festen Rhythmus. Mehrere weitläufige Regionen laden dazu ein, später mit neuen Fähigkeiten zurückzukehren. Yllian fungiert als zentrale Basis. Dort baust du Fraktionsgebäude aus, rekrutierst Einheiten und verbesserst Ausrüstung. Das Management bleibt bewusst übersichtlich, wirkt aber stark an Liberation angelehnt. Neu ist der Thronsaal. Hier hörst du Beschwerden, Krisen und politische Konflikte an. Entscheidungen kosten Ressourcen und beeinflussen dein Ansehen bei den Fraktionen. Anfangs entsteht echte Spannung, später wiederholen sich viele Szenarien, wodurch der politische Druck etwas an Gewicht verliert.
Grafik
Auf der Xbox Series X präsentiert sich Disciples Domination stimmungsvoll und konsistent. Verfallene Städte, düstere Wälder, Zwergenminen und verdorbene Landschaften vermitteln eine glaubwürdige Dark Fantasy Atmosphäre. Die Umgebungen sind detailliert gestaltet und profitieren von klarer Lesbarkeit, besonders in den Schlachten. Effekte und Animationen unterstützen das Geschehen, ohne es zu überladen.
Technisch läuft das Spiel überwiegend stabil. Kleinere Einbrüche oder kurze Ruckler können auftreten, bleiben aber selten spielentscheidend. Charaktermodelle wirken in Dialogen teilweise etwas steif, doch insgesamt transportiert die visuelle Gestaltung die düstere Welt angemessen.
Sound
Der Soundtrack untermalt das Geschehen atmosphärisch, bleibt jedoch zurückhaltend. Die Musik unterstützt die bedrückende Stimmung, entwickelt aber nur selten ein eigenes Profil. Gerade in dramatischen Momenten hätte mehr musikalische Präsenz der Inszenierung gutgetan.
Die Sprachausgabe ist nur teilweise vorhanden und qualitativ uneinheitlich. Avyanna wirkt stellenweise weniger souverän als es ihre Rolle erwarten ließe. Dialoge sind ausschließlich auf Englisch und Französisch vertont, deutsche Texte erscheinen als Untertitel. Vereinzelt treten kleinere Soundprobleme oder unsaubere Abmischungen auf.
Fazit
Der große Innovationssprung bleibt zwar aus, doch das Spiel wirkt in sich stimmig und durchdacht. Kleinere technische Schwächen und eine nicht immer konsequent agierende KI verhindern, dass Domination zur neuen Genre-Referenz wird. Für Fans rundenbasierter Dark-Fantasy-Strategie ist es dennoch ein umfangreiches Abenteuer mit klarer Identität, das seine Stärken dort ausspielt, wo es darauf ankommt, im Kampf um jeden einzelnen Zug.






