Fast zehn Jahre Entwicklungszeit, unzählige Trailer und ein Hype, der zwischendurch schon fast ins Mythische reichte: Lost Soul Aside trägt das schwere Gepäck seiner langen Entstehungsgeschichte mit sich. Was 2014 als Ein-Mann-Projekt von Yang Bing begann, entwickelte sich zum Aushängeschild des PlayStation-China Hero Project und weckte Erwartungen, die kaum zu erfüllen waren. Jetzt ist der Actiontitel endlich erschienen und zeigt, wie nah Genie und Frust beieinanderliegen können.
Die Geschichte setzt klassisch an: Kaser, ein junger Rebell, verliert im Kampf gegen das Imperium und die interdimensionalen Voidrax die Seele seiner Schwester Louisa. Gemeinsam mit dem Drachengeist Arena, der ihn fortan begleitet, macht er sich auf, sie zu retten und die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Auf dem Papier klingt das nach einem epischen Fantasy-Abenteuer, in der Praxis bleibt die Handlung jedoch austauschbar. Klischees, flache Charaktere und hölzerne Dialoge dominieren; selbst die englische Sprachausgabe wirkt oft unbeholfen. Zwar tragen einzelne Figuren stilvolle Designs, doch erzählerisch bleibt kaum etwas hängen, die Story bremst den Spielfluss eher, als dass sie ihn trägt.
Anders sieht es beim Gameplay aus, denn hier entfaltet sich das Herzstück von Lost Soul Aside. Das Kampfsystem vereint Elemente aus Devil May Cry und Final Fantasy XV zu einem stilvollen Mix. Vier Waffen, Schwert, Großschwert, Stangenwaffe und Sense, stehen zur Verfügung, alle mit eigenen Movesets und Skilltrees. Dank Arenas Fähigkeiten, die zusätzliche Angriffe, Buffs und Spezialattacken ermöglichen, entstehen spektakuläre Kombos, die am besten funktionieren, wenn man mitten im Gefecht zwischen den Waffen wechselt. Besonders bei Bosskämpfen zeigt sich, wie fordernd, aber auch belohnend das System ist: präzises Ausweichen, gut getimte Blocks und kluge Waffenwechsel sind Pflicht. Buttonmashing hat hier keine Chance, wer die Muster liest, darf sich dafür wie ein echter Action-Held fühlen.
Doch das Spiel hält auch Schattenseiten bereit. Das Leveldesign beschränkt sich meist auf lineare Schlauchabschnitte mit immer wiederkehrender Struktur: Korridor, Kampfarena, Boss. Dazwischen lockern zwar kleinere Platforming-Passagen oder Rätsel auf, doch viele wirken zu simpel oder durch ungenaue Steuerung frustrierend. Hinzu kommt, dass Standardgegner sich häufig wiederholen und manche Mechaniken, wie das Zerstören von Kristallknoten, spürbar als Spielzeitstreckung dienen. Technische Probleme wie Ruckler, abgehackte Cutscenes und gelegentliche FPS-Drops runden das zwiespältige Bild ab.
Grafik
Optisch ist Lost Soul Aside ein Spiel voller Gegensätze. Auf den ersten Blick beeindrucken die detailreichen Charakterdesigns und die imposanten Bossgegner, deren Auftritte jedes Mal wie ein kleines Spektakel wirken. Besonders die Effekte im Kampf, von wirbelnden Klingen über grelle Explosionen bis hin zu mächtigen Drachenangriffen, sind ein echter Hingucker und verleihen den Auseinandersetzungen eine cineastische Wucht. Auch die unterschiedlichen Biome, von Wüsten und verschneiten Landschaften bis hin zu futuristischen Städten, sorgen für Abwechslung. Allerdings leidet der Gesamteindruck unter dem schwankenden Detailgrad: Manche Areale wirken leer und steril, während andere mit beeindruckenden Panoramen punkten. Gerade beim Erkunden fällt auf, dass das Leveldesign eher schlauchig bleibt und wenig Gelegenheit zum Entdecken bietet.
Die Zwischensequenzen und Charaktermodelle sind stilistisch gelungen, wirken in der Animation jedoch oft steif und altbacken. Bewegliche Elemente wie Haare oder Kleidung flattern teils unnatürlich, was die ansonsten stimmige Inszenierung bricht. Auffällig ist auch, dass die visuelle Qualität zwischen Gameplay und Cutscenes schwankt, während Bosskämpfe in Bewegung ein echtes Effektfeuerwerk darstellen, wirken ruhigere Passagen mitunter detailarm. Hier merkt man dem Spiel seine lange Entwicklungszeit an. Insgesamt bleibt der grafische Eindruck positiv, aber unausgewogen: Lost Soul Aside zeigt immer wieder, wie stylish es aussehen könnte, schafft es aber nicht, dieses Niveau konstant zu halten.
Sound
Akustisch überzeugt Lost Soul Aside mit einem treibenden Soundtrack, der perfekt zu den schnellen Kämpfen passt. Epische Chöre, orchestrale Passagen und moderne Rock-Elemente wechseln sich ab und verleihen den Gefechten eine enorme Intensität. Besonders in den Bosskämpfen entfaltet die Musik ihre volle Wirkung und unterstreicht die Dramatik der Situationen. Hier wird deutlich, dass viel Mühe in die musikalische Untermalung geflossen ist. Allerdings wirken die Übergänge manchmal etwas abrupt, wenn ein Stück mitten im Gefecht abgeschnitten wird, was den ansonsten starken Eindruck leicht schmälert.
Beim Sounddesign selbst zeigt sich ein gemischtes Bild. Während Explosionen, Drachenattacken und manche Waffeneffekte wuchtig klingen, fehlt es den Standardangriffen oft an Durchschlagskraft. Treffer mit dem Schwert oder der Sense hören sich gelegentlich dumpf an und vermitteln nicht die gewünschte Wucht, was die Dynamik der Kämpfe ein Stück weit mindert. Auch die englische Sprachausgabe trägt wenig zur Atmosphäre bei, da sie oft hölzern klingt, zum Teil emotionslos synchronisiert. Insgesamt liefert Lost Soul Aside eine starke musikalische Begleitung, verschenkt aber Potenzial beim eigentlichen Sounddesign und der Sprachausgabe.
Fazit
Für Fans von Devil May Cry oder Bayonetta, die primär wegen der Action zugreifen, lohnt sich Lost Soul Aside trotz seiner Schwächen. Wer jedoch auf eine packende Geschichte, tiefere Charaktere oder eine polierte Präsentation hofft, sollte die Erwartungen herunterschrauben. Am Ende bleibt ein ambitioniertes Werk, das viel Potenzial zeigt, aber seine Seele nicht vollständig entfalten kann.






