Nach Jahren der Stille rund um die traditionsreiche Reihe meldet sich Prince of Persia gleich mit mehreren Spielen zurück. Nach dem Metroidvania The Lost Crown wagt Ubisoft mit The Rogue Prince of Persia den Schritt ins Roguelite-Genre – ein mutiger Versuch, der die DNA der Serie mit einem modernen, fordernden Gameplay-Loop verknüpft. Entwickelt wurde das Spiel von Evil Empire, dem Studio hinter Dead Cells, und schon nach den ersten Stunden merkt man, wie sehr deren Erfahrung in das Projekt eingeflossen ist.
Die Handlung bleibt bewusst schlank, dient aber als stimmiger Rahmen. Persien wird von den Hunnen überfallen, der Prinz fällt früh im Kampf, nur um dank eines magischen Anhängers immer wieder in einer Oase zu erwachen. Diese Endlosschleife bildet den narrativen Anker für das Roguelite-Prinzip: Nach jedem Tod beginnt ein neuer Versuch, ausgestattet mit der Hoffnung auf bessere Waffen, stärkere Medaillons oder den entscheidenden Fortschritt, der im vorherigen Run noch gefehlt hat. Die Geschichte wird größtenteils in Textboxen erzählt und mag oberflächlich wirken, doch sie fügt sich organisch in die Mechanik ein. Mit jeder befreiten Figur, jeder gelösten Mission und jedem besiegten Boss erweitert sich die Welt ein Stück, und langsam entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit. Das mag nicht die epische Tiefe eines Hades haben, funktioniert aber überraschend gut.
Das Herzstück ist jedoch das Gameplay. Schon von Beginn an fühlt sich die Steuerung flüssig und präzise an. Wandläufe, Dashes, Kettensprünge und akrobatische Kombinationen gehen schnell in Fleisch und Blut über. Selten zuvor hat sich Bewegung in einem Roguelite so elegant angefühlt. Die Entwickler haben das Traversal nicht als schmückendes Beiwerk integriert, sondern als Kernmechanik und genau darin liegt die große Stärke des Spiels. Viele Abschnitte lassen sich auf kreative Weise bewältigen: ein riskanter Sprung, eine geschickte Kombination aus Dash und Wandlauf oder ein perfekt getimter Kick, der Gegner in eine Stachelfalle schleudert. Es ist dieser Flow, der für ständige Motivation sorgt.
Die Kämpfe bauen auf diesem Fundament auf. Unterschiedliche Waffen wie Schwerter, Dolche, Äxte oder Speere verändern Tempo, Reichweite und Kampfstil spürbar. Ergänzt werden sie durch Sekundärwaffen wie Bögen oder Chakrams, die taktisch eingesetzt werden müssen, da sie nur begrenzt verfügbar sind. Besonders spannend sind die Medaillons, die pro Run zufällig verteilt werden und spürbare Vor- und Nachteile bringen können. Manche verstärken die eigene Angriffskraft, machen aber gleichzeitig verwundbarer, andere entfalten ihre Wirkung nur in Kombination mit bestimmten Waffen. Dadurch entsteht Abwechslung, auch wenn nicht jeder Durchgang die perfekte Synergie bietet. Genau dieser Unsicherheitsfaktor gehört jedoch zum Kern des Genres und sorgt dafür, dass kein Run dem anderen gleicht.
Die Gegnerpalette reicht von einfachen Soldaten über Bombenwerfer und Schamanen bis hin zu teleportierenden Assassinen, die im Chaos ganzer Gegnermischungen schnell zur Herausforderung werden. Höhepunkte sind die Bosskämpfe, die stark inszeniert und fordernd sind, manchmal aber etwas zu viel Durchhaltevermögen erfordern, weil die Lebensleisten schlicht zu groß geraten sind. Dennoch bleiben diese Kämpfe ein Kernmoment, der den Spielfluss immer wieder intensiviert und den Triumph über einen besiegten Gegner besonders befriedigend macht.
Was The Rogue Prince of Persia von vielen Genrekollegen abhebt, ist der Fortschritt zwischen den Runs. Zwar verliert man nach jedem Tod Waffen, Amulette und Gold, doch permanente Verbesserungen wie zusätzliche Heiltränke, mehr Lebenspunkte oder neue Waffenoptionen bleiben erhalten. Hinzu kommen kleine Missionen, die im Verlauf freigeschaltet werden: Gefangene müssen befreit, Hebel gefunden oder bestimmte Gebiete erkundet werden, um neue Biome zugänglich zu machen. Diese Quests verleihen der Endlosschleife Struktur und ein Gefühl von Entwicklung. Besonders clever ist das Awakening-System, mit dem man nach einem vollständigen Durchlauf selbst Modifikatoren aktivieren kann, die Gegner härter machen, dafür aber bessere Belohnungen bringen. So bleibt auch für Veteranen die Motivation hoch.
Grafik
Visuell schlägt The Rogue Prince of Persia eine mutige Richtung ein, die sich klar von früheren Serienteilen unterscheidet. Statt fotorealistischer Darstellungen oder opulenter 3D-Welten setzt Evil Empire auf einen handgezeichneten, frankobelgisch inspirierten Comicstil. Gerade zu Beginn wirkt das ungewohnt, vor allem wenn man die stilistisch doch recht unterschiedliche Präsentation aus The Lost Crown im Hinterkopf hat. Nach einigen Spielstunden entfaltet der Look aber eine erstaunliche Stärke: Er ist klar, übersichtlich und schafft es, selbst in hektischen Kämpfen die Lesbarkeit der Action zu garantieren.
Die Biome reichen von Hunnenlagern über Minen und Bibliotheken bis hin zu prachtvollen Gärten, die einst von der Mutter des Prinzen gepflegt wurden. Jeder dieser Schauplätze besitzt seine eigene Stimmung, mal bedrohlich, mal melancholisch, mal hell und weitläufig. Besonders eindrucksvoll sind die Übergänge zwischen den Jahreszeiten, wenn dieselben Orte durch neue Farbpaletten oder veränderte Details frisch wirken. Zwar wiederholen sich die Versatzstücke innerhalb eines Bioms nach mehreren Runs, doch die stilvolle Präsentation kaschiert diese Schwäche ein Stück weit. Die Animationen des Prinzen sind flüssig, gleichzeitig bewusst minimalistisch gehalten, um an klassische orientalische Zeichnungen zu erinnern. Effekte wie Staubwolken bei einem Sturz oder Funken beim Aufprall eines Schwerts sorgen für zusätzliche Dynamik.
Sound
Wenn die Grafik das Auge anspricht, ist es der Soundtrack, der Herz und Tempo des Spiels bestimmt. Komponiert von ASADI, verbindet die Musik traditionelle persische Instrumente wie Daf oder Setar mit modernen elektronischen Beats. Das Ergebnis ist ein einzigartiger „Persian Trap“-Mix, der sich perfekt in die Spielmechanik einfügt. In ruhigen Momenten dominieren weiche, fast melancholische Klänge, während in Kämpfen harte, treibende Rhythmen übernehmen, die den Spieler unbewusst schneller reagieren lassen. Es ist diese Dynamik zwischen Entspannung und Anspannung, die den Soundtrack so stark macht – und die dafür sorgt, dass man oft noch lange nach der Session einzelne Melodien im Kopf behält. Besonders gelungen ist, wie sich die Musik an die jeweilige Spielsituation anpasst. In Bosskämpfen wird der Rhythmus aggressiver, die Bässe intensiver, wodurch die Dramatik spürbar steigt. In den stilleren Passagen der Oase hingegen wirkt die Musik fast meditativ und unterstreicht den Moment des Durchatmens zwischen zwei Runs.
Die Soundeffekte selbst sind solide, aber effektiv. Schwertschläge klingen wuchtig, Dashes haben einen klaren, dynamischen Ton, und auch die Tritte gegen Wände oder Stachelfallen sind akustisch befriedigend umgesetzt. Gegnergeräusche wiederholen sich zwar etwas zu stark und hätten mehr Varianz vertragen können, doch sie erfüllen ihren Zweck. Insgesamt gelingt es der Audiokulisse, Atmosphäre und Spielfluss entscheidend zu verstärken. Besonders in Kombination mit Kopfhörern entfaltet sich die volle Wirkung: Man fühlt sich noch stärker in die Welt hineingezogen, als sei man selbst Teil dieses endlosen Tanzes aus Bewegung und Kampf.
Fazit
Wer Roguelites mag, findet hier ein Spiel, das viele Stunden motivieren und fordern kann. Fans der Reihe erleben eine Neuinterpretation, die den Kern der Serie, akrobatische Bewegung und präzises Timing, in den Mittelpunkt stellt. Nach jedem Scheitern packt sofort die Lust auf den nächsten Versuch, und genau das macht den besonderen Reiz dieses Spiels aus. Ubisoft beweist mit diesem Projekt Mut, und Evil Empire zeigt erneut, wie man ein Genre mit Feinsinn und spielerischem Flow ausfüllt.






