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Preview: Washington Prime

von Andreas · ca. 5 Min. Lesezeit
Washington Prime

Das Neonlicht flackert über endlosen Schreibtischreihen, irgendwo hinter der nächsten Bürowand lädt jemand seine Waffe nach, und mein Gesundheitsbalken erlaubt genau noch einen Fehler. Washington Prime sieht auf den ersten Blick wie ein schneller Retro-Shooter aus, spielt sich aber eher wie eine Schießerei aus einem Neunzigerjahre-Thriller. Türen vorsichtig öffnen, um Ecken spähen, Räume lesen und dann in wenigen Sekunden zuschlagen. Gerade diese Mischung aus Doom-Technik, Stirb-langsam-Gefühl und überraschend taktischem Vorgehen macht das Spiel so interessant.

Washington, D.C., im Jahr 1998. Blake Kincaid hat sein früheres Leben als Spezialagent hinter sich gelassen und arbeitet mittlerweile als Immobilienmakler. Ein Anruf eines alten Freundes zieht ihn jedoch zurück in eine Welt, die er eigentlich verlassen wollte. Innerhalb einer einzigen Nacht kämpft er sich durch ein Bürogebäude voller bewaffneter Gegner, um seinen Freund zu retten und herauszufinden, was dort vor sich geht.

Schon die Ausgangslage macht deutlich, welche Filme Washington Prime als Vorbilder dienen. Die Grundidee erinnert stark an Stirb langsam, während die Verschwörung, die kantigen Figuren und die Inszenierung auch an politische Actionthriller der 90er denken lassen. Erzählt wird die Geschichte unter anderem über Live-Action-Szenen, die bewusst etwas günstig und überzeichnet wirken. Das passt allerdings überraschend gut. Washington Prime möchte kein realistisches Drama sein, sondern wie ein vergessener Actionfilm aussehen, den man nachts irgendwo in einer Videothek entdeckt hätte.

Auch technisch orientiert sich das Spiel deutlich an der Vergangenheit. Washington Prime basiert auf GZDoom und übernimmt viele Strukturen klassischer Ego-Shooter. Türen sind verschlossen, farbige Schlüsselkarten öffnen neue Bereiche, und die Levels laden dazu ein, jeden Raum gründlich zu durchsuchen. Trotzdem spielt sich Washington Prime nicht wie ein gewöhnlicher Boomer-Shooter. Wer mit Dauerfeuer durch die Gänge rennt, wird schnell feststellen, dass Blake nur wenige Treffer aushält.

Die Büroetage der Preview-Version wird dadurch zu einem überraschend bedrohlichen Schauplatz. Dicht aneinandergereihte Schreibtische, niedrige Trennwände, Konferenzräume und ähnlich aussehende Korridore bilden ein Labyrinth, in dem hinter jeder Ecke ein Gegner lauern kann. Die Räume wirken absichtlich unübersichtlich. Immer wieder öffnet man die Karte, prüft den eigenen Standort und versucht herauszufinden, wie man zur nächsten Schlüsselkarte oder verschlossenen Tür gelangt.

Das kann gelegentlich verwirrend werden, trägt aber auch viel zur Spannung bei. Jeder neue Raum ist eine kleine taktische Aufgabe. Gibt es einen zweiten Eingang? Wo stehen die Gegner? Welche Möbel bieten zumindest etwas Schutz? Und kann man den ersten Schützen ausschalten, bevor seine Kollegen reagieren? Die Umgebung ist dabei nicht bloß Kulisse. Türen, Trennwände und enge Korridore unterbrechen Sichtlinien und lassen sich nutzen, um Gegner voneinander zu trennen.

Besonders wichtig ist die Möglichkeit, seitlich um Ecken zu spähen. Was in anderen Shootern kaum mehr als eine nette Zusatzfunktion wäre, gehört hier zum Kern des Spiels. Bevor man einen Raum betritt, kontrolliert man möglichst viele Winkel und sucht nach Bewegungen. Washington Prime ist kein realistischer Taktik-Shooter, verlangt aber deutlich mehr Vorsicht als seine schnelle Bewegung und die Retro-Optik zunächst vermuten lassen.

Die besten Gefechte beginnen deshalb langsam und enden innerhalb weniger Sekunden. Zuerst beobachtet man den Raum, sucht nach einer günstigen Position und entscheidet, welcher Gegner zuerst fallen muss. Danach wird geschossen, die Deckung gewechselt und möglichst schnell verhindert, dass weitere Feinde eingreifen. Funktioniert das, fühlt sich Washington Prime tatsächlich wie ein interaktiver Actionfilm an. Ein unüberlegter Schritt reicht allerdings, um denselben Raum kurz darauf erneut versuchen zu müssen.

Dabei sind nicht nur die Gegner gefährlich. Heilung ist knapp, und die ersten Waffen fühlen sich teilweise noch etwas schwach an. Kopfschüsse werden deutlich belohnt, doch Körpertreffer zeigen nicht immer die Wirkung, die man sich wünschen würde. Sobald stärkere Waffen wie Schrotflinten oder Revolver verfügbar sind, verbessert sich das Treffergefühl spürbar. Dann können Räume aggressiver angegangen werden, ohne dass Blake plötzlich unverwundbar wird. Diese Entwicklung erzeugt ein gutes Gefühl von Fortschritt. Anfangs bewegt man sich vorsichtig durch jedes Büro und spart Munition, später darf man zumindest kurzzeitig offensiver auftreten. Washington Prime verhindert aber, dass daraus eine dauerhafte Machtfantasie wird. Größere Gegnergruppen, ungünstige Positionen und Angriffe aus mehreren Richtungen sorgen dafür, dass man aufmerksam bleiben muss.

Noch nicht vollständig überzeugt die künstliche Intelligenz. Manche Gegner reagieren schnell, suchen nach Blake und bestrafen Fehler konsequent. Andere marschieren nacheinander durch dieselbe Tür oder brechen ihre Suche plötzlich ab. Dadurch lassen sich einzelne Gefechte leicht austricksen. Gelegentlich entsteht zudem der Eindruck, dass Gegner bereits genau wissen, wo man sich befindet, obwohl sie Blake eigentlich nicht gesehen haben dürften. Gerade bei einem Spiel mit hohem Schwierigkeitsgrad muss nachvollziehbar bleiben, warum man entdeckt oder getroffen wurde. Washington Prime ist herausfordernd, aber meistens nicht unfair. Einzelne Gegnerwellen und kaum sichtbare Schützen können diese Grenze derzeit jedoch überschreiten. Auch kleinere technische Probleme wie Figuren, die sich merkwürdig bewegen oder durch Teile der Umgebung laufen, zeigen, dass noch Feinschliff nötig ist.

Erfreulich umfangreich fallen dafür die Möglichkeiten aus, den Schwierigkeitsgrad anzupassen. Unter anderem lassen sich die Anzahl und Stärke der Gegner, die verfügbare Munition und die Menge an Heilung verändern. Wer es besonders anspruchsvoll möchte, kann sogar auf das Fadenkreuz oder Teile der Benutzeroberfläche verzichten. Dadurch lässt sich Washington Prime wesentlich besser an die eigenen Vorlieben anpassen.

Die Preview zeigt bereits, dass das Spiel stark davon lebt, seine Levels kennenzulernen. Beim ersten Versuch überrascht ein Gegner hinter einer Tür. Beim zweiten kontrolliert man diese Ecke bereits, wird dafür aber von einer anderen Position getroffen. Einige Anläufe später sitzt der Ablauf, und ein zuvor chaotischer Raum lässt sich innerhalb weniger Sekunden räumen. Dieses Lernen ist ein wichtiger Teil der Erfahrung und erinnert an ältere Shooter, in denen Fortschritt oft stärker durch Wissen als durch Werte oder Ausrüstung entstand.

Gut

Fazit

Andreas
Andreas
YouGame Redaktion
Washington Prime versucht nicht, das Genre neu zu erfinden. Man sucht Schlüsselkarten, öffnet Türen, beseitigt Gegner und arbeitet sich durch verschachtelte Levels. Seine Persönlichkeit gewinnt das Spiel durch den Schauplatz und die Inszenierung. Statt durch Dämonenhöhlen oder futuristische Militärbasen bewegt man sich zwischen Kopierern, Aktenschränken, Großraumbüros und Parkgaragen. Dazu kommen Live-Action-Szenen und eine Handlung, die sich selbst ernst genug nimmt, ohne den leicht übertriebenen Ton alter Actionfilme zu verlieren.

Washington Prime weiß bereits ziemlich genau, was es sein will. Die Mischung aus klassischem Shooter, vorsichtigem Vorgehen und Actionfilm-Hommage funktioniert überraschend gut. Besonders die kurzen, tödlichen Feuergefechte und die klaustrophobischen Bürolevels sorgen für eine eigene Identität. Wer ältere Rainbow-Six- oder Ghost-Recon-Spiele ebenso schätzt wie schnelle Retro-Shooter, könnte hier eine ungewöhnliche Verbindung beider Richtungen finden.

Noch schwanken die künstliche Intelligenz und das Treffergefühl zu stark, während die ähnlich aussehenden Korridore stellenweise mehr verwirren als nötig. Trotzdem überwiegt der positive Eindruck. Washington Prime zwingt einen dazu, sich die Actionfilmfantasie durch vorsichtiges Vorgehen und präzise Schüsse zu verdienen. Wenn Ultra CDG die vorhandenen Schwächen bis zur Veröffentlichung glättet, könnte daraus ein richtig starker Indie-Shooter werden.