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Preview: Hollow Home

von Andreas · ca. 2 Min. Lesezeit
Hollow Home

Die Sirenen heulen nicht mehr. Nur noch das gedämpfte Knirschen von Trümmern unter den Schuhen ist zu hören, während Maksym durch die leeren Straßen geht, auf der Suche nach etwas, das geblieben ist. Seine Schulfreundin. Sein Zuhause. Ein Hund, der davongelaufen ist. Oder einfach ein Moment der Normalität, der in der Besatzung keinen Platz mehr hat. Hollow Home, das neue Projekt des ukrainischen Indie-Studios Twigames, ist ein Spiel, das nicht laut werden muss, um zu erschüttern.

Im Mittelpunkt steht Maksym, ein 14-jähriger Junge, dessen Leben sich über Nacht radikal verändert. Bomben fallen, die Stadt ist nicht mehr sicher, und der Schulweg wird zur Mutprobe. Was folgt, ist kein klassisches RPG-Abenteuer, sondern ein eindringliches Porträt des zivilen Überlebens. Ohne Kämpfe, ohne Gewaltmechaniken, aber mit moralischen Dilemmata, knappen Ressourcen und einer sich stetig verändernden Umwelt.

Die Spieler:innen erleben die Handlung in Tagen. Jeder Tag beginnt mit neuen Möglichkeiten und endet mit neuen Verlusten. Wer tags zuvor noch Hilfe brauchte, ist am nächsten Morgen womöglich verschwunden. Entscheidungen haben Konsequenzen, nicht immer erkennbare, nicht immer gerechte. Und manchmal ist der Preis für eine gute Tat das eigene Weiterkommen. Vergleiche mit Disco Elysium oder This War of Mine drängen sich auf, doch Hollow Home geht eigene Wege. Die Geschichte wird aus Sicht eines Kindes erzählt, und genau das macht sie so erschütternd nahbar. Man hilft Nachbarn, repariert Fahrräder, sucht entlaufene Hunde, während im Hintergrund der Krieg seine Schatten wirft. Der Kontrast zwischen Alltag und Ausnahmezustand ist konstant spürbar.

Visuell setzt das Spiel auf eine Mischung aus Low-Poly-3D und handgemalten Texturen. Keine spektakulären Effekte, sondern eine bewusste Reduktion, die das Geschehen nicht überlagert, sondern betont. Der Soundtrack wirkt atmosphärisch und melancholisch, komponiert von einem Musiker, der selbst aus Mariupol stammt.

Was dieses Spiel jedoch so besonders macht, ist die erzählerische Tiefe: Die Entwickler:innen haben über 600 Seiten an Erfahrungsberichten und Dokumenten gesammelt. Die Charaktere sind fiktiv, die Situationen erschreckend real. Kinder, die im Flur schlafen, um sich vor Fensterexplosionen zu schützen. Großeltern, die plötzlich verschwinden. Der Verlust von Struktur, Hoffnung und manchmal auch Sprache. Hollow Home will dabei nicht schockieren. Es will erinnern. Und es gelingt ihm mit erstaunlicher Feinfühligkeit. Selbst Crafting-Mechaniken wie das Kochen oder Herstellen von Medizin sind in das Szenario eingebettet, ohne je wie bloße Spielsysteme zu wirken. Alles ist Teil der Welt und der Versuch, sie irgendwie zusammenzuhalten.

Sehr gut

Fazit

Andreas
Andreas
YouGame Redaktion
Hollow Home ist kein Spiel für zwischendurch, sondern ein bewusst gesetztes Statement. Die Entwickler:innen zeigen eindrucksvoll, wie Krieg das Leben Einzelner zerschneidet, ohne auf plakative Gewalt zurückzugreifen. Stattdessen setzen sie auf subtile Erzählung, starke Figuren und ein bedrückend authentisches Szenario.

Wer Geschichten sucht, die zum Nachdenken anregen und noch lange nachwirken, sollte dieses Spiel im Auge behalten. Hollow Home erinnert daran, dass Games auch Erinnerungskultur sein können und vielleicht gerade deshalb gespielt werden sollten.