Slawische Mythen, schwarze Magie und ein Antiheld mit Humor, Bylina ist ein Action-RPG, das sich selbst nicht zu ernst nimmt, aber dafür umso ernster gespielt werden will. In der Gamescom-Demo lernen wir Falconet kennen: ein Möchtegern-Krieger ohne Kräfte, der beim ersten Auftrag direkt stirbt und dank eines mysteriösen Geistes doch wieder aufsteht. Was folgt, ist der Einstieg in eine schräge, melancholische und manchmal herrlich absurde Fantasywelt, irgendwo zwischen Witcher, South Park und Diablo.
Entwickelt vom Studio Far Far Games und veröffentlicht von Fulqrum Publishing, entführt Bylina in eine düstere, stilisierte Welt voller slawischer Legenden und ist dabei deutlich mehr als nur ein weiteres Eurojank-Revival. Die Geschichte beginnt klassisch: Falconet will in die Fußstapfen seines Vaters treten, einem berühmten Bogatyr, also einer Art slawischem Ritter oder Wanderheld. Doch bereits bei seiner ersten Mission im sogenannten Fernen Königreich stirbt er und wird durch einen rätselhaften Geist wieder zum Leben erweckt. Fortan teilt er sich den Körper mit diesem Wesen, das selbst auf der Flucht ist, und die Verbindung zwischen den beiden bildet das narrative Rückgrat der gesamten Handlung. Der Held hat nun drei Ziele: seine Seele zurückerlangen, das Geheimnis seines neuen Begleiters entschlüsseln und die Welt vor einer unklaren, aber unausweichlichen Katastrophe bewahren.
Die Demo, die auf der gamescom spielbar war, beginnt mit einer Anspielung, die wohl niemandem entgeht: Falconet erwacht auf einem Pferdewagen, umgeben von NPCs, ein direkter Seitenhieb auf Skyrim. Während der kurzen Fahrt wird die Grundstimmung der Welt vermittelt, dann folgt eine erste Begegnung mit einem verzweifelten Mann, dessen Frau von Banditen verschleppt wurde. Die Rettungsmission führt in ein Lager im Wald, das man sich mit präzisen Schwertstreichen, Ausweichrollen und Pariermanövern freikämpft. Wer unvorsichtig ist, stirbt schnell, denn das Kampfsystem setzt auf Skill statt Stats. Es gibt zwar Magie und Elixiere, doch die eigentliche Herausforderung liegt in der Beherrschung von Timing, Positionierung und Ressourcen.
Was sofort auffällt: Bylina spielt sich griffiger und bewusster als viele andere isometrische Action-RPGs. Die Kämpfe erinnern mehr an The Witcher 3 als an Diablo, obwohl die Perspektive eindeutig ARPG-typisch ist. Jeder Schlag hat Wucht, und vor allem größere Gegner sind keine Statisten, sondern verlangen Aufmerksamkeit. Dabei wirkt das Spiel nicht überladen, sondern angenehm fokussiert. Die Entwickler verzichten auf Loot-Casinos oder künstliche Komplexität, setzen stattdessen auf ein alternatives Fortschrittssystem über passive Fähigkeitenskarten, die clever kombiniert werden können. Klassische Skillbäume gibt es nicht, dafür taktische Entscheidungen mit echtem Gewicht. Dazu gesellen sich Spezialfähigkeiten, die durch Elixiere aktiviert werden, etwa übermenschliche Kraft oder das Feuerspeien mithilfe einer Zauberflöte. Und ja, auch das klingt absichtlich schräg, denn Bylina will nicht nur episch sein, sondern auch ironisch.
Tatsächlich zählt der Humor zu den großen Stärken des Spiels. Wer bei slawischer Mythologie an düstere, bierernste Geschichten voller Tragik denkt, wird hier angenehm überrasch.: Bylina spielt gekonnt mit Klischees, ohne sie einfach nur ins Lächerliche zu ziehen und findet genau darin seinen eigenen Ton. Immer wieder durchbrechen absurde Einfälle oder popkulturelle Anspielungen den düsteren Grundton: eine Nebenfigur, die sich wie Towelie aus South Park benimmt, ein Ausrüstungsmenü mit Balenciaga-ähnlichen Posen oder eine Parodie auf iPhone-Werbespots beim Vorstellen einer neuen Waffe. Selbst schwarze Gags fehlen nicht: Ein Baum mit großen Augen weint Tränen, die man wie Zitronensaft ausdrücken muss, optional mit einem entschuldigenden Umarmen, falls einem das schlechte Gewissen plagt. Der Humor ist manchmal derb, manchmal subtil, oft aber einfach so seltsam, dass man nicht anders kann als zu schmunzeln.
Visuell setzt Bylina auf eine stilsichere Mischung aus handgezeichnet anmutender Grafik, atmosphärischem Licht und bewusst fremdartigem Kreaturendesign. Die Welt wirkt alt, müde, manchmal surreal, aber immer mit Liebe zum Detail gestaltet. Das „Land der Städte“, durch das man sich im Spiel bewegt, ist in unterschiedliche Abschnitte gegliedert: verwunschene Wälder, melancholische Burgruinen, alptraumhafte Zwischenwelten und quirlige Dörfer mit tief in der Folklore verankerten Bewohnern. Hinter jeder Ecke wartet etwas, das überrascht, sei es ein moralisches Dilemma, eine bizarr designte Kreatur oder ein Dialog, der die eigenen Entscheidungen infrage stellt.
Narrativ hebt sich das Spiel ebenfalls positiv ab. Die Geschichte wirkt persönlich, geerdet und zugleich symbolisch aufgeladen. Die inneren Konflikte der Figuren sind glaubhaft, Entscheidungen haben spürbare Konsequenzen. Menschen sind nicht durchgehend gut oder böse, und selbst Monster können tragische Züge tragen. In der Demo entwickelt sich eine Tiefe, die viele große Titel erst nach Dutzenden Stunden erreichen, ein vielversprechender Vorgeschmack auf das fertige Spiel.
Wenn alles gut geht, erscheint Bylina noch 2025 für PC, PlayStation 5 und Xbox Series X|S. Bis dahin bleibt es eines der spannendsten Indie-Projekte, das die RPG-Landschaft derzeit zu bieten hat: ein melancholisch-humorvoller Bastard aus Witcher, Path of Exile, Attack on Titan und osteuropäischer Märchentradition mit genug Charakter, um sich zwischen all den Blockbustern nicht nur zu behaupten, sondern hervorzustechen.





