Auf der gamescom 2025 konnten wir erstmals selbst Hand anlegen: Anno 117: Pax Romana entführt uns zur Blütezeit des Römischen Reiches – und verbindet die bewährte Serienformel mit überraschend komplexen neuen Spielsystemen. Zwei völlig unterschiedliche Startregionen, flexible Kulturpfade, Götterglauben, ein verzweigter Forschungspfad und eine differenzierte Militärmechanik sorgen für Tiefe. Doch kann das alles auch langfristig überzeugen?
Anno 117: Pax Romana ist nicht einfach Anno 1800 in Sandalen. Ubisoft Mainz wagt sich an das bislang ambitionierteste Szenario der traditionsreichen Aufbaustrategiereihe: das Römische Imperium auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wir haben das Spiel ausführlich angespielt und schnell gemerkt: Hinter dem historischen Flair verbirgt sich ein vielschichtiger Strategietitel, der überraschend neue Wege geht.
Wo frühere Teile mit Entdeckerlust und Koloniallogik arbeiteten, dominiert diesmal das komplexe Nebeneinander kultureller Identitäten, kluger Stadtplanung und politischer Entscheidungen. Wer glaubt, mit einem Imperium im Goldenen Zeitalter gehe es nur um Wohlstand, liegt falsch. Die wahre Herausforderung liegt in den Details und in der Frage, wessen Kultur am Ende den Ton angibt.
Zwei Startregionen, zwei Philosophien
Schon beim Start bietet Anno 117 eine zentrale Neuerung: die Wahl zwischen zwei völlig unterschiedlichen Regionen – Latium und Albion. Beide sind nicht Teil einer klassischen Fortschrittslogik, sondern vollwertige, gleichwertige Startprovinzen mit eigenen Rohstoffen, Bevölkerungsgruppen, Bauketten und klimatischen Besonderheiten.
Latium ist das klassische, von Rom geprägte Herz des Imperiums: sanfte Hügel, Lavendelfelder, bewährte Infrastruktur. Hier dominieren mediterrane Güter wie Oliven, Tonziegel, Wein und Fisch. Die Bürger wohnen in ziegelgedeckten Häusern, genießen Tavernen, Märkte und – typisch Anno – klar strukturierte Bedürfnisse. Wer sich mit Anno grundsätzlich auskennt, fühlt sich hier schnell heimisch.
Ganz anders dagegen Albion: Eine feucht-kühle, keltisch geprägte Grenzprovinz, voller dunkler Wälder, Moorlandschaften und geheimnisvoller Atmosphäre. Hier leben sogenannte „Waders“, die sich von Aalen, Muscheln und Sumpfpflanzen ernähren. Die Rohstoffkette basiert auf Wattle-and-Daub – einem Mix aus Lehm und Schilfrohr – statt auf römischem Ziegelbau. Die Siedlungen wachsen auf hölzernen Stegen, die über das Marschland gezogen werden. Diese Boardwalks kosten wertvolles Holz und ersetzen klassische Straßen, was bereits im Early Game einen deutlichen Ressourcendruck erzeugt.
Spannend ist, dass manche Gebäude in Albion nur direkt im Sumpf gebaut werden könnenm etwa Schilfplantagen oder Viehgehege auf Stelzen. Diese benötigen zusätzlich Platz und gute Logistik, da sie über Lagerhäuser angebunden sein müssen. So entsteht eine urbane Struktur, die sich organisch in die Landschaft fügt oder gegen sie kämpft, wenn man versucht, römische Ordnung hineinzubringen.
Doch das ist noch nicht alles: Sobald die erste Bevölkerungsschicht in Albion aufsteigt, steht eine entscheidende Frage im Raum - Romanisierung oder kulturelle Eigenständigkeit? Spieler wählen aktiv, ob die neue soziale Schicht „Romano-Kelten“ werden soll – also keltische Bürger mit römischem Lebensstil – oder ob man bewusst den alten Traditionen treu bleibt. Diese Wahl bestimmt nicht nur das Stadtbild, sondern auch neue Bedürfnisse, Produktionsketten und Bonussysteme.
Diese Mechanik ist kein Gimmick, sondern ein echtes Gameplay-Feature mit Langzeitwirkung. Wer sich auf Romanisierung einlässt, muss Sumpf trockenlegen, Aquädukte bauen und Platz für große Städte schaffen. Wer keltisch bleibt, lebt in Harmonie mit der Landschaft – auf Kosten der Effizienz. Besonders spannend: Diese Entscheidung ist nicht final – bei höheren Ausbaustufen kann man erneut wählen oder auch den Pfad wechseln. So bleibt man flexibel, kann aber auch Chaos erzeugen, wenn kulturelle Identitäten innerhalb der Stadt kollidieren.
Stadtplanung, Einflussbereiche und der Discovery Tree
Ubisoft Mainz legt in Anno 117 besonderen Wert auf Stadtplanung mit Bedeutung. Produktionsgebäude wirken sich nun direkt auf benachbarte Wohnhäuser aus – positiv wie negativ. Ein Tunikenproduzent steigert das Einkommen angrenzender Häuser, ein Holzkohlenbrenner senkt die Lebensqualität. Spieler sind gezwungen, funktionale Zonen zu bilden, Wohn- und Industriegebiete bewusst zu trennen und wirtschaftliche Effekte gezielt zu nutzen. Das fühlt sich deutlich organischer und strategischer an als bisher.
Zusätzlich kommt ein völlig neues Fortschrittssystem ins Spiel: Der sogenannte Discovery Tree ersetzt das klassische Aufstiegssystem früherer Anno-Titel. Statt stufenweise freigeschalteter Bedürfnisse gibt es nun einen verzweigten Forschungsbaum mit über 100 Knotenpunkten. Spieler entscheiden sich für konkrete Entwicklungen, etwa bessere Verwaltung, technologische Neuerungen, militärische Optionen, religiöse Spezialgebäude oder kulturelle Synergien. Der Discovery Tree eröffnet damit langfristige Spezialisierungspfade und reflektiert stärker den individuellen Spielstil.
Ein weiteres Novum ist das Göttersystem: Je nach Region, Kultur und Forschungsstand können Tempel errichtet werden, die Einfluss auf Zufriedenheit, Bildung, Glauben oder Produktivität haben. Auch hier zeigt sich die strategische Ausrichtung von Anno 117: Der Glaube ist kein atmosphärisches Element, sondern ein taktischer Hebel – abhängig von der kulturellen Prägung der Bevölkerung.
Militär, Diplomatie und zukünftige Regionen
Trotz des klaren Fokus auf Kultur und Wirtschaft bleibt das Militär ein Bestandteil des Spiels, allerdings bewusst als letztes Mittel inszeniert. Spieler können sowohl auf dem Land als auch zur See Armeen aufstellen, Schiffe bauen und Schlachten führen, allerdings nur mit hoher Vorbereitung und wirtschaftlicher Absicherung.
Der Clou: Kampf ist nur einer von vielen Wegen zur Expansion. Diplomatie, kulturelle Assimilation und wirtschaftlicher Druck sind ebenfalls möglich. Diese Offenheit macht Anno 117 zu einem Spiel, das mehr über „Zivilisation“ sagt als viele klassische Strategiespiele.
Bereits angekündigt ist zudem die kommende Erweiterung der Spielwelt um Ägypten. Diese Region wird neue kulturelle Eigenheiten, Ressourcen, Technologien und vermutlich auch ein eigenes Göttersystem mitbringen. Damit könnte Pax Romana langfristig zur umfassenden Antike-Simulation werden – weit über das hinaus, was bisherige Anno-Spiele je abgebildet haben.
Fazit
Besonders hervorzuheben ist die Gleichwertigkeit der Startregionen, der bewusste Umgang mit kultureller Divergenz und die Betonung von langfristigen, nachhaltigen Spielentscheidungen. Anno 117 ist komplex, aber nie überfordernd – herausfordernd, aber belohnend. Und vor allem: historisch eingebettet, ohne sich zu sehr zu knebeln.
Für Fans von Aufbaustrategie, Antike, Entscheidungsspielraum und kluger Langzeitplanung dürfte Anno 117 ein Pflichtkauf werden. Bleibt nur zu hoffen, dass auch das Endgame hält, was die Demo verspricht. Doch was wir bisher gesehen und gespielt haben, stimmt optimistisch.
Pressestimmen
ANNO 117: Pax Romana hat schon mal einen sehr guten Eindruck hinterlassen.





