Krieg ist immer auch eine Geschichte der Familien, die zurückbleiben. Letters of War will genau diese Perspektive einfangen – mit Briefen, die zwischen Front und Heimat zirkulieren, und mit Szenen, die zeigen, wie eine Tochter auf die Rückkehr ihres Vaters hofft. Klingt nach einem emotionalen Erlebnis, nach einem kleinen Bruder von Valiant Hearts. Doch so groß die Ambition, so holprig ist die Umsetzung. Wer hier wirklich mitfühlen möchte, muss viel Geduld mitbringen und eine hohe Fehlertoleranz gegenüber Technik und Erzählung. Ob sich das trotzdem lohnt?
Das Spiel wechselt konsequent die Perspektive. Auf der einen Seite Rosie, die Tochter, die im Elternhaus kleine Aufgaben erledigt, Briefe bastelt, ein verletztes Tier versorgt oder der Mutter beim Kochen hilft. Auf der anderen Seite Liam, der Vater, der als Veteran in den Zweiten Weltkrieg zieht, nach Sizilien, Monte Cassino oder in die Normandie. Diese Parallelität funktioniert auf dem Papier hervorragend: Rosie wartet sehnsüchtig auf Post von der Front, Liam antwortet aus den Schützengräben und die Mutter Katherine überbrückt die Distanz. Die Briefe sind teils ehrlich und bewegend, schaffen es aber nur selten, wirklich Nuancen des Krieges einzufangen. Stattdessen dominiert ein klischeehafter Tonfall, der wichtige historische Dimensionen eher vereinfacht.
Besonders problematisch: An mehreren Stellen werden Täter- und Opferrollen verwischt. Ein deutscher Soldat, der plötzlich zum moralischen Gegengewicht aufgebaut wird, oder eine Szene, in der die Mutter erklärt, im Krieg gebe es „keine Guten und Schlechten“ – das alles steht in krassem Gegensatz zu historischen Realitäten und lässt die Botschaft des Spiels schief wirken. Der Holocaust bleibt vollkommen unerwähnt, die Leiden der Zivilbevölkerung nur randständig thematisiert.
Spielerisch pendelt Letters of War zwischen ruhigen Abschnitten und überzeichneten Actionsequenzen. Mit Rosie erledigen wir simple Aufgaben im Haus, die zwar Abwechslung bieten, aber schnell ins Banale kippen. Mit Liam dominieren Chase-Sequenzen, in denen wir Granaten oder Artillerie ausweichen müssen. Diese Szenen sind beim ersten Mal spannend, wiederholen sich aber bis zur Monotonie. Dazu kommen Quick-Time-Events und kleine Rätsel, etwa das Durchsuchen einer Hütte oder das Hacken von Schlössern.
An anderen Stellen versucht das Spiel, groß aufzutrumpfen – Panzerkämpfe, Flugzeugschlachten, ein Gefängnisausbruch. Doch die Steuerung ist hakelig, die Trefferabfrage unsauber und viele Aufgaben fühlen sich wie halbfertige Kopien aus Valiant Hearts an. Besonders ärgerlich sind zahlreiche Bugs: Figuren verschwinden, Minigames starten nicht, Quick-Time-Events reagieren nicht oder das Spiel friert komplett ein. Zwar patcht das Studio bereits nach, doch im aktuellen Zustand ist die Frustrationsgrenze schnell erreicht.
Grafik
Optisch lehnt sich Letters of War stark an Valiant Hearts an: 2D-Kulissen, die an ein illustriertes Bilderbuch erinnern, mit farbigen Hintergründen und stilisierten Figuren. Einige Schauplätze, wie das verschneite Monte Cassino oder die familiäre Wohnküche, wirken atmosphärisch. Doch im Detail fehlt es an Sorgfalt. Figuren bewegen sich steif, Animationen brechen abrupt ab, und in größeren Szenen bleibt die Welt oft leer: zu wenige NPCs, zu wenig Trubel, um die Dimensionen der historischen Schlachten glaubwürdig darzustellen.
Sound
Auch akustisch gibt es Licht und Schatten. Die Musik passt grundsätzlich zu Stimmung und Szenen, leidet aber unter schwacher Abmischung, oft übertönt sie die Stimmen, manchmal herrscht völlige Stille. Die Synchronisation schwankt stark: einige Dialoge klingen ergreifend, andere wirken so hölzern, dass man sie kaum ernst nehmen kann. Besonders misslungen sind die englischen Stimmen von Nebenfiguren, die unauthentisch und aufgesetzt wirken. Hier fehlt schlicht die Qualität, um den emotionalen Anspruch des Spiels zu tragen.
Fazit
Wer ein Herz für Indie-Experimente hat, kann Letters of War auf die Wunschliste setzen, in der Hoffnung, dass Patches die gröbsten Fehler ausmerzen. Allen anderen sei gesagt: Für eine packende, nuancierte Kriegserzählung lohnt sich nach wie vor der Griff zu Valiant Hearts oder ähnlichen Titeln.






