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Review: Indiana Jones und der Große Kreis

von Andreas · ca. 5 Min. Lesezeit
Indiana Jones und der Große Kreis

Wenige Namen stehen so sehr für Abenteuer und Nostalgie wie Indiana Jones. Jahrzehnte nach seinem letzten großen Videospielauftritt schwingt sich der beliebteste Archäologe der Popkultur endlich zurück auf PC und Konsole – und zwar mit einer Überraschung: In der Ego-Perspektive! Ob das funktioniert, wie viel echtes Indy-Feeling tatsächlich im Großen Kreis steckt, wo die Schwächen liegen und was dich sonst noch erwartet, haben wir ausgiebig getestet.

Schon der Einstieg macht klar: Du bist nicht einfach Zuschauer, du bist Indy – oder besser gesagt, du siehst die Abenteuer durch seine Augen. Als Dr. Jones 1937 nach einem nächtlichen Einbruch in seinem College die Spur eines seltsamen Artefakts verfolgt, schickt dich das Spiel quer durch den Vatikan, nach Gizeh, Thailand, in die Himalaya und nach Shanghai. Die Handlung – zwischen „Jäger des verlorenen Schatzes“ und „Der letzte Kreuzzug“ angesiedelt – setzt auf eine komplett neue Story, die sich angenehm eigenständig entwickelt und trotzdem alles bedient, was Indiana-Jones-Fans schätzen: antike Mythen, Nazi-Bösewichte, übernatürliche Geheimnisse, vergrabene Gräber und ein Wettrennen gegen die Zeit. Besonders schön: Das Drehbuch gönnt Indy auch menschliche Momente. Er trauert seiner Beziehung zu Marion Ravenwood nach, hadert mit sich selbst und gerät – wie gewohnt mit schlagfertigen Sprüchen von einer brenzligen Situation in die nächste.

Die Figuren tragen das Abenteuer spürbar: Mit Gina Lombardi gibt es eine wortgewandte Begleiterin, die nicht nur Stichwortgeberin, sondern echte Hilfe ist. Auch der neue Antagonist, Emmerich Voss, überzeugt als kauziger Nazi-Archäologe, der fast schon karikaturhaft immer einen Schritt voraus sein will. Es sind genau diese Dynamiken, die die Story angenehm ins Rollen bringen – und bis zum Schluss tragen.

Filmreife Inszenierung – aber auch viel Zeit im „Kinosaal“

Was sofort auffällt: Die Zwischensequenzen nehmen viel Raum ein. Rund vier Stunden Cutscenes erwarten dich – auf Kinoniveau, mit hervorragender deutscher Synchronisation, in der Troy Baker (engl.) und Florian Clyde (deutsch) ihr Bestes geben. Wolfgang Pampel, die gewohnte Indy-Stimme, ist zwar nicht an Bord, aber der Ersatz macht seinen Job besser als befürchtet. Die Qualität der Animationen schwankt: Gesichter und Mimik in den Nahaufnahmen überzeugen, die Bewegungen beim Klettern oder Rennen wirken teils hölzern und erinnern eher an ein Spiel von vor ein paar Jahren. Trotzdem: Die Atmosphäre reißt dich durch Licht, Kamerafahrten und Musik (viele Originalthemen, sparsam eingesetzt) fast immer mit – und immer dann, wenn der ikonische Soundtrack einsetzt, ist echtes Gänsehaut-Feeling garantiert.

Indy zum Anfassen: Gameplay, Kämpfe, Rätsel, Sammeltrieb

Natürlich ist Indiana Jones nicht nur Film, sondern ein Spiel – und hier überrascht der Große Kreis mit einer gelungenen Mischung aus Erkundung, Schleichen, klassischer Action und cleveren Rätseln. Der Kern des Gameplays ist simpel: Du kletterst, hangelst, löst Umgebungsrätsel, prügelst dich mit Fäusten und Peitsche durch Nazi-Lager, sammelst Artefakte und erkundest drei große, offene Hub-Areale (Vatikan, Gizeh, Sukhothai). Die Open-World-Ansätze sind angenehm zurückhaltend: Statt Ubisoft-typischer Karte voller Marker findest du liebevoll designte, verwinkelte Areale, in denen sich das Suchen wirklich lohnt. Überall warten kleine Rätsel, versteckte Schätze, Bücher, die neue Fähigkeiten freischalten, und Nebenquests, die mehr sind als bloße Beschäftigungstherapie.

Das Spiel nimmt sich Zeit. Häufig bist du minutenlang damit beschäftigt, Hinweise zu suchen, Kombinationen zu knacken oder die beste Route durch Ruinen zu finden. Die Kamera dient dabei nicht nur zum Lösen von Aufgaben, sondern auch als verstecktes Hilfesystem: Fotografierst du oft genug einen Hinweis, gibt es einen Tipp oder sogar die Lösung. Das ist charmant und nie aufdringlich.

Die Kämpfe dagegen bleiben meist Nebensache. Klar, du kannst Gegner mit der Peitsche entwaffnen, mit Fäusten, Fliegenklatschen oder Bratpfannen k.o. schlagen. Das macht anfangs Spaß, wird aber spätestens nach der Hälfte etwas monoton. Waffen gibt es genug, aber Munition ist knapp, und wer zu laut ballert, lockt Verstärkung an. Die KI der Gegner ist einer der größten Schwachpunkte: Häufig laufen Nazis stur an ihren bewusstlosen Kollegen vorbei, niesen auffällig oft (kein Witz!) und lassen sich in der „Hitman-Queue“ einzeln ausschalten. Das ist manchmal lustig, aber selten spannend.

Der Schwierigkeitsgrad lässt sich flexibel einstellen. Vor allem, wenn du die Abenteuerpunkte (XP) in Bücher steckst, die dir neue Fähigkeiten bringen, wird das Spiel mit der Zeit eher leichter, auch, weil Heilkram und Snacks überall herumliegen. Immerhin: Die Bosskämpfe sind nicht übertrieben episch, sondern setzen auf clevere Ideen statt reine Gewalt. Das passt zum Setting.

Das große Sammeln: Motivation und Belohnung

Wofür lohnt sich das alles? Klar, für die Story – aber auch, weil du jeden Fund in Punkte, neue Skills und geheime Räume umsetzen kannst. Wer wirklich jeden Winkel absucht, spielt locker doppelt so lange wie jemand, der nur der Hauptstory folgt. Die Motivation ist hoch, weil das Spiel die Liebe zum Detail in zahllosen kleinen Gags, Sprüchen und Fun-Facts ausspielt. Auch die Nebenquests (Feldforschung, Entdeckungen, Fotos) machen Spaß und weil du zu jedem Schauplatz später zurückreisen kannst, gibt es keinen Zeitdruck, irgendwas zu verpassen.

Grafik

Gerade die Grafik trägt einen enormen Teil zur Atmosphäre bei. MachineGames hat für Der Große Kreis eine beeindruckende Welt erschaffen, die voller kleiner Details steckt: Ob du durch enge Gassen im Vatikan schleichst, im Sonnenuntergang durch die Wüste von Gizeh stapfst oder dich in thailändischen Dschungeltempeln an Lianen und Ruinen entlang hangelst – überall gibt es liebevoll gestaltete Umgebungen und zahllose Objekte, die du dir aus der Nähe anschauen kannst. Das Licht ist oft spektakulär: Sonnenstrahlen brechen durch Kirchenfenster, Staub wirbelt in alten Katakomben, Schatten tanzen über bröckelnde Mauern. Viele dieser Momente wirken wie direkt aus einem Abenteuerfilm geschnitten.

Was die Grafik aber besonders auszeichnet, ist der starke Fokus auf Atmosphäre und Stimmung statt bloßer Technik-Show. Besonders die großen Areale laden zum Erkunden ein, weil es ständig etwas Neues zu entdecken gibt – von versteckten Schätzen über vergessene Wandmalereien bis zu scheinbar unwichtigen Alltagsdetails wie Essensständen oder alten Zeitungen. Auch die Gesichtsanimationen in den Zwischensequenzen sind gelungen und geben den Figuren Charakter und Emotionen, selbst wenn die Bewegungen beim Rennen oder Klettern manchmal etwas steif wirken.

Allerdings hat diese grafische Opulenz ihren Preis: Die Hardware-Anforderungen sind hoch. Wer auf dem PC alles ausreizen will, braucht eine echte High-End-Maschine – andernfalls muss man mit weniger Details, Pop-ins und gelegentlichen Framerate-Drops leben. Auf PS5 und Xbox Series X läuft das Spiel dagegen angenehm stabil mit 60 FPS und überzeugt mit satten Farben, schöner Schärfe und tollen Lichtstimmungen. Nur in ganz großen Arealen wie dem Dschungel gibt es kurze Einbrüche oder nachladende Objekte. Unschön: Auf schwächerer Hardware leidet die Grafik sichtbar, und einige Bugs wie schwebende Leichen, plötzlich auftauchende Texturen oder unruhige Schatten ziehen einen gelegentlich aus der Immersion.

Sound

Was Der Große Kreis noch einmal besonders macht, ist das Sounddesign. Hier hat MachineGames wirklich keine Mühen gescheut, ein authentisches und kinoreifes Klangerlebnis zu schaffen. Von Anfang an fällt auf, wie satt und präsent die Umgebungsgeräusche sind: Wind fegt durch verlassene Ruinen, knarrende Türen hallen durch enge Gänge, das Surren von Insekten in tropischen Nächten mischt sich mit entfernten Rufen und den Schritten deiner Gegner.

Die Musik nutzt bekannte Indiana-Jones-Themen, bringt aber auch viele neue, passend orchestrierte Melodien ins Spiel, die die Stimmung fast unmerklich unterstreichen und in den entscheidenden Momenten für emotionale Höhepunkte sorgen. Ob leises Pianospiel beim Durchsuchen antiker Tempel oder bombastische Orchesterthemen in Actionszenen, der Soundtrack weiß immer genau, wie er dich abholen muss, ohne aufdringlich zu sein. Gänsehaut ist garantiert, wenn die berühmten Töne aus dem Originalsoundtrack genau im richtigen Moment einsetzen.

Eine echte Besonderheit ist die Sprachausgabe: Nicht nur Indy und seine Hauptcharaktere sind toll gesprochen (englisch und deutsch!), sondern auch alle Nebenfiguren reden in ihrer Landessprache – deutsche Nazis reden deutsch, italienische Priester italienisch, in Thailand wird thailändisch gesprochen. Das gibt dem Spiel nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern hebt die Immersion noch einmal spürbar an. Auch die deutschen und englischen Synchronsprecher machen ihre Sache sehr gut, wobei gerade Troy Baker im Original verblüffend nah am jungen Harrison Ford ist.

Abgerundet wird das Ganze durch jede Menge kleine akustische Details: Mal raschelt Papier, mal klimpert Kleingeld, mal knarzt eine alte Holztruhe – so lebendig klang Archäologie noch nie. Wer auf guten Sound Wert legt, sollte mit Kopfhörern spielen oder die Anlage aufdrehen.

Fazit

Andreas
Andreas
YouGame Redaktion
Indiana Jones und der Große Kreis ist das Indy-Spiel, das Fans sich seit Jahren wünschen – vielleicht nicht in jeder Disziplin ein Überflieger, aber auf ganzer Linie ein ehrliches, liebevoll produziertes Abenteuer, das den Geist der Filme mit einer modernen Spielerfahrung kombiniert. Die Ego-Perspektive sorgt für Nähe, Atmosphäre und ein einzigartiges Mittendrin-Gefühl, auch wenn dabei klassische Third-Person-Action ein wenig auf der Strecke bleibt.<p>

Die größte Schwäche bleibt die künstliche Intelligenz und der wenig fordernde Schwierigkeitsgrad, wenn du einmal weißt, wie der Hase läuft. Auch technisch wäre weniger manchmal mehr gewesen, weniger Hardwarehunger, weniger Pop-ins, weniger Bugs. Doch das Spiel macht diese Schwächen mit einer Story, Präsentation und Atmosphäre wett, die den „großen Namen“ verdient.<p>

Wenn du Lust auf ein echtes, langes Indiana-Jones-Abenteuer hast, in dem Suchen, Erkunden, Lachen und Knobeln mehr zählen als pure Action, dann ist Der Große Kreis ein Pflichtkauf – für Fans, Nostalgiker und alle, die das Kino der 80er endlich selbst erleben wollen.
Grafik
8/10
Sound
9/10
Gameplay
8/10
Spielspaß
8/10