Nach acht Jahren Pause schickt Dan Brown seinen wohl bekanntesten Helden erneut ins Feld: Robert Langdon, Harvard-Professor, Symbologe, wandelndes Lexikon. The Secret of Secrets ist bereits der sechste Langdon-Thriller und fühlt sich zugleich vertraut und leicht verschoben an. Diesmal führt die Schnitzeljagd nach Prag, eine Stadt, die wie gemacht scheint für Browns Mischung aus Mythos, Wissenschaft und Verfolgungsjagden. Inhaltlich greift der Roman hoch hinaus Es geht um nicht weniger als das menschliche Bewusstsein und darum, ob dessen Geheimnisse die Weltordnung ins Wanken bringen könnten.
Die Ausgangslage ist typisch Brown. Langdon begleitet seine langjährige Bekannte Katherine Solomon, Noetik-Wissenschaftlerin, zu einem Vortrag. Kurz darauf verschwinden sowohl Solomon als auch ihr brisantes Manuskript, das angeblich bahnbrechende Erkenntnisse über Bewusstsein, Wahrnehmung und Realität enthält. Mord, Entführung, eine geheim operierende Organisation und eine mysteriöse Gestalt aus der Prager Golem-Legende lassen nicht lange auf sich warten. Langdon hetzt durch Gassen, Bibliotheken, Kirchen und unterirdische Anlagen, immer verfolgt, immer knapp vor der Katastrophe.
Was zunächst hervorragend funktioniert, ist das Tempo. Die ersten zweihundert Seiten lesen sich wie im Rausch. Cliffhanger, Perspektivwechsel, Ortswechsel, dazu Browns bewährte Fähigkeit, historische Orte so zu beschreiben, dass sie zugleich Kulisse und Reiseführer sind. Prag wird zum heimlichen Star des Romans, atmosphärisch dicht, symbolisch aufgeladen, manchmal bis zur Selbstparodie detailverliebt. Hier zeigt sich Browns Routine ebenso wie sein Gespür für Schauplätze, die im Kopf bleiben.
Problematisch wird der Roman dort, wo er sein großes Thema entfalten will. The Secret of Secrets ist weniger Kunst- oder Religionsrätsel als Populärwissenschafts-Thriller. Katherine Solomons Forschung zur Noetik, zu dezentralem Bewusstsein, Präkognition und Realitätsebenen, wird ausführlich erklärt, oft sehr ausführlich. Brown greift dabei tief in den Werkzeugkasten der populären Wissenschaft und vermischt reale Studien, spekulative Theorien und philosophische Zitate. Als Gedankenexperiment ist das durchaus reizvoll, erzählerisch jedoch bremst es den Roman spürbar aus. Längere Passagen lesen sich eher wie ein Sachbuchkapitel als wie ein Thriller, und nicht jede Verbindung zwischen Theorie und Plot überzeugt.
Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht. Während früh eingeführte Handlungsstränge später kaum noch Relevanz besitzen, gewinnt die Geschichte ab der Mitte zunehmend den Charakter eines klassischen Superschurken-Szenarios. Geheime Hightech-Anlagen, größenwahnsinnige Pläne und ein Gegner, dessen Motivation in einem entscheidenden Moment eher behauptet als hergeleitet wird, erinnern stärker an James Bond als an die historisch grundierten Rätsel früherer Langdon-Romane. Brown erklärt sonst gern alles, hier setzt er an einer zentralen Stelle überraschend viel voraus.
Figurentechnisch bleibt alles im bekannten Rahmen. Robert Langdon ist der gleiche wie immer: neugierig, moralisch integer, erstaunlich fit für spontane Flusssprünge. Katherine Solomon rückt stärker ins Zentrum als in früheren Auftritten, bleibt aber primär Trägerin von Ideen, weniger eigenständige Figur. Dialoge dienen häufig der Informationsvermittlung, emotionale Tiefe entsteht eher selten.
Trotz aller Kritik liest sich The Secret of Secrets über weite Strecken ausgesprochen unterhaltsam. Brown beherrscht den Rhythmus des Pageturners weiterhin meisterhaft. Seine Mischung aus Wissenschaft, Mystik und Verschwörung funktioniert noch immer, auch wenn sie heute, in Zeiten realer Verschwörungsdiskurse, weniger provokant wirkt als früher. Wo einst kühne Fiktion irritierte, wirkt manches inzwischen erstaunlich nah an Alltagsrhetoriken.
Fazit
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