Mit Kreuzweg der Raben kehrt Andrzej Sapkowski an den Anfang zurück: Bevor Geralt zum legendären Hexer von Riva wurde, war er ein junger Mann frisch aus Kaer Morhen, mit zwei Runenschwertern, einem Kodex im Kopf und einer Welt, die beides immer wieder in Frage stellte. Das Prequel reiht sich als „Witcher 6“ offiziell in die Saga ein, steht aber zeitlich vor den bekannten Kurzgeschichten und bietet damit den Blick auf die Lehrjahre, die den zynischen Profi von später geprägt haben.
Die Handlung setzt bodenständig an: Kaedwen ist Bühne, aber keine Kulisse für große Schlachten, sondern für kleine, konkrete Begegnungen. Geralt mischt sich in einen Streit ein, verteidigt Unschuldige und merkt sofort, dass Dankbarkeit selten ist. Statt Ruhm drohen ihm Strafen, Misstrauen und Verrat. Nur das Eingreifen des erfahrenen Hexers Preston Holt bewahrt ihn vor Schlimmerem. Aus dieser Begegnung erwächst ein ambivalentes Verhältnis. Holt wird Mentor und Gegenspieler zugleich, ein Spiegel für das, was Geralt selbst einmal werden könnte. Ergänzt wird das Figurenensemble durch die Zauberin Vrai Natteraven, deren Machtspiel mehr auf Verhandlungen als auf Zaubersprüchen beruht und den jungen Hexer in Intrigen verstrickt.
Sapkowski bleibt seinem Ton treu: lakonisch, dialoggetrieben, mit sarkastischen Untertönen. Statt pathetischer Welterklärungen entstehen Szenen, die eher wie Protokolle wirken, kleine Entscheidungen, die schwer wiegen. Gerade darin liegt die Stärke des Romans. Der berühmte Witcher-Kodex entsteht nicht abstrakt, sondern Fall für Fall. Neutralität erweist sich als brüchiges Prinzip, Loyalität als zweischneidige Pflicht.
Die Stärken von Kreuzweg der Raben liegen klar im Charakterfokus. Geralt ist verletzlich, unerfahren, manchmal impulsiv und genau dadurch nahbar. Holt und Natteraven fügen dem Kosmos interessante neue Figuren hinzu, die mehr sind als Staffage. Auch das Worldbuilding überzeugt: Kaedwen wird mit Amtsstuben, Zöllnern und Pfaden greifbar, realistisch im Kleinen, statt monumental im Großen. Wer allerdings episches Spektakel erwartet, wird enttäuscht. Das Buch nimmt sich Zeit, setzt auf Atmosphäre statt auf Actionfeuerwerk. Manche Passagen wirken fast gemächlich, Nostalgie überwiegt gegenüber Nervenkitzel.
Im Ergebnis ist Kreuzweg der Raben weniger Blockbuster als Fundament. Sapkowski zeigt, wie aus dem frisch ausgebildeten Hexer Schritt für Schritt der Geralt wird, den Fans kennen: ein Kämpfer mit Prinzipien, die im Alltag permanent auf die Probe gestellt werden. Für Reihenleser ist das Prequel ein lohnendes Mosaikstück, das vieles erklärt, ohne den Mythos zu zerstören. Neueinsteiger können ebenfalls zugreifen, sollten aber wissen, dass sie eher einen nachdenklichen Entwicklungsroman als ein Actionspektakel erwartet.
Fazit
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