Die Nürnberger Prozesse sind einer jener Stoffe, bei denen jeder Film sofort unter Beobachtung steht. Zu groß ist das historische Gewicht, zu heikel jede Zuspitzung, zu schnell kippt so etwas entweder in trockene Geschichtsstunde oder in prestigeträchtige Vereinfachung. Nürnberg umgeht das nur teilweise, findet aber dort zu Stärke, wo er das Tribunal nicht als bloße Kulisse nutzt, sondern als Schauplatz eines psychologischen Machtkampfs zwischen Hermann Göring und Douglas Kelley.
Im Zentrum des Films steht der amerikanische Militärpsychiater Douglas Kelley, der kurz nach Kriegsende den Auftrag erhält, die inhaftierten NS-Hauptkriegsverbrecher zu begutachten. Er soll prüfen, ob die Angeklagten verhandlungsfähig sind, Suizide verhindern und zugleich helfen, ihre Persönlichkeiten besser zu verstehen. Vor allem Göring zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Der einstige Reichsmarschall ist auch in der Zelle noch eitel, kontrolliert und gefährlich gut darin, sich selbst zu inszenieren. Aus den Gesprächen zwischen Kelley und Göring entwickelt Regisseur James Vanderbilt das eigentliche Zentrum des Films. Nürnberg ist deshalb weniger ein klassisches Gerichtsdrama als ein Film darüber, wie sich ein Täter selbst erklärt, wie er andere um den Finger wickelt und wie leicht die Faszination für so eine Figur jede klare moralische Distanz unterwandern kann.
Das funktioniert zunächst sehr gut, weil der Film die Grundkonstellation sauber setzt. Kelley ist kein routinierter Held, sondern ein ehrgeiziger Beobachter, der an den historischen Ausnahmezustand mit dem Glauben herangeht, man könne das Böse mit genug Intelligenz, Analyse und Nüchternheit greifbar machen. Göring dagegen erkennt sofort, mit wem er es zu tun hat. Er weiß, dass er beobachtet wird, und macht aus dieser Beobachtung seinerseits ein Spiel. Der Film lebt genau von dieser Spannung. Nicht aus vordergründiger Dramatik, sondern aus Gesprächen, Blicken und kleinen Verschiebungen von Macht.
Russell Crowe spielt Göring mit einer Präsenz, die der Film dringend braucht. Sein Göring ist kein bloß schreiender Fanatiker, sondern ein Mann, der seine Wirkung kennt und sie gezielt einsetzt. Crowe gibt ihm Charme, Selbstgewissheit und jene unangenehme Ruhe, die fast noch verstörender ist als offener Hass. Man versteht, warum die Alliierten ihn im Gerichtssaal für so gefährlich hielten. Das Problem ist nur, dass Nürnberg selbst dieser Wirkung manchmal zu sehr erliegt. Der Film will zeigen, wie verführerisch Macht auftreten kann, bleibt aber stellenweise so dicht an dieser Aura, dass Göring fast zu groß wirkt.
Damit hängt auch zusammen, dass Crowe Stärke und Schwäche zugleich ist. Schauspielerisch trägt er den Film über weite Strecken, weil er jede Szene mit Energie auflädt. Gleichzeitig bleibt immer auch Russell Crowe sichtbar. Man sieht nicht nur Hermann Göring, sondern auch einen Star, der dieser Figur zusätzliche Wucht verleiht. Das macht die Rolle effektvoll, verschiebt aber die Balance des Films. Denn ausgerechnet dort, wo Nürnberg kritisch bleiben müsste, ist er manchmal fast ein wenig zu fasziniert.
Rami Malek hat es als Kelley schwerer. Seine Figur ist die Brücke ins Geschehen, moralischer Bezugspunkt, Ermittler und Zuschauerersatz zugleich. Malek gelingt das nicht immer gleich gut. In manchen Szenen wirkt sein Spiel zu kontrolliert, fast etwas steif, als würde Kelley seine innere Anspannung zu sehr ausstellen, statt sie einfach entstehen zu lassen. Ganz fällt die Figur deshalb nicht auseinander, aber sie gewinnt nie die Selbstverständlichkeit, die sie als Zentrum des Films bräuchte. Gerade im direkten Zusammenspiel mit Crowe wird das sichtbar.
Stark wird Nürnberg immer dann, wenn er den Blick wieder weitet und den eigentlichen historischen Rahmen ernst nimmt. Michael Shannon als Robert H. Jackson und Richard E. Grant als britischer Ankläger bringen genau jene Schwere mit, die dem Film spürbar guttut. In diesen Szenen erinnert Nürnberg daran, dass es hier eben nicht nur um ein Psychoduell geht, sondern um einen juristischen Wendepunkt. Zum ersten Mal überhaupt sollen führende Vertreter eines Staates für Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor ein internationales Tribunal gestellt werden. Dann bekommt der Film jene Wucht, die seinem Stoff angemessen ist.
Weniger überzeugend ist er dort, wo er sich allzu sehr auf klassisches Prestige-Kino verlässt. Nürnberg sieht hochwertig aus, ist sauber gebaut und ernsthaft gespielt, aber oft auch sehr vertraut in seiner Machart. Bedeutungsvolle Dialoge, schwere Räume, klar gesetzte Konflikte, ein Erzählrhythmus, der lieber erklärt als verstört. Das macht den Film zugänglich, nimmt ihm aber auch Schärfe. Man spürt den Respekt vor dem Thema jederzeit, nur wird daraus manchmal eine Vorsicht, die den Film zu sehr absichert.
Besonders heikel ist der Einsatz der dokumentarischen Aufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern. Natürlich treffen diese Bilder mit voller Wucht, und natürlich ist ihre Verwendung in diesem Zusammenhang nachvollziehbar. Sie markieren im Film den Moment, in dem jede taktische, psychologische oder rhetorische Auseinandersetzung von der Realität des Verbrechens eingeholt wird. Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch, wie groß die Differenz zwischen dokumentarischer Wahrheit und konventionell inszeniertem Drama bleibt. Diese Bilder erschüttern auf eine Weise, die der Film aus eigener Kraft nur selten erreicht.
Trotzdem ist Nürnberg kein gescheiterter Film. Dafür ist er zu ernsthaft, zu konzentriert und in seinen besten Szenen schlicht zu stark. Gerade heute bekommt dieser Stoff automatisch zusätzliche Aktualität, weil Fragen nach Recht, Verantwortung, Täterinszenierung und politischer Verdrängung wieder bedrückend gegenwärtig wirken. Der Film muss das gar nicht laut aussprechen, weil es ohnehin im Raum steht. Er erinnert daran, wie mühsam es ist, Schuld nicht nur moralisch zu benennen, sondern öffentlich und juristisch fassbar zu machen.
So bleibt am Ende ein Film, der nicht die ganze Größe seines Themas erreicht, aber genug Substanz mitbringt, um hängen zu bleiben. Nürnberg ist stärker, wenn er den Prozess und seine historische Tragweite in den Vordergrund rückt, und schwächer, wenn er sich zu sehr vom Duell Kelley gegen Göring tragen lässt. Ganz rund ist das nicht. Sehenswert ist es trotzdem.
Fazit
Ganz gelingt die Balance zwar nicht. Dafür bleibt Nürnberg zu konventionell und gelegentlich zu sehr von Görings Wirkung eingenommen. Trotzdem ist das ein sehenswerter, schwerer Film, der seinem Stoff nicht vollständig gerecht wird, aber genug starke Momente hat, um Eindruck zu hinterlassen.
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