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Kino-Kritik: Vaiana

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Walt Disney Studios Motion Pictures · Andreas Zommer
Filmbild: Vaiana

Disneys Realverfilmungen haben es längst nicht mehr leicht. Kaum wird ein neuer Titel angekündigt, steht sofort die Frage im Raum, ob es diese Neuauflage wirklich gebraucht hätte. Bei Vaiana ist diese Skepsis besonders verständlich, denn der Animationsfilm von 2016 ist keine 10 Jahre alt und gehört für viele längst zu den schönsten modernen Disney-Abenteuern. Umso erfreulicher ist, dass die neue Realverfilmung trotz aller berechtigten Vorbehalte erstaunlich gut funktioniert. Sie erfindet die Geschichte nicht neu, trägt sie aber mit viel Herz, starken Songs und einer überzeugenden Hauptdarstellerin auf die Leinwand.

Die Handlung bleibt nahezu unverändert. Vaiana lebt mit ihrer Familie auf der polynesischen Insel Motunui, wo sie eines Tages die Nachfolge ihres Vaters als Anführerin antreten soll. Doch schon seit ihrer Kindheit fühlt sie sich vom Ozean angezogen, obwohl ihr Volk das Riff rund um die Insel nicht überqueren darf. Als die Natur auf Motunui aus dem Gleichgewicht gerät, die Kokosbäume krank werden und die Fische ausbleiben, erfährt Vaiana von ihrer Großmutter Tala, dass ihre Vorfahren einst große Seefahrer waren. Um ihr Volk zu retten, muss sie hinaus aufs Meer, den Halbgott Maui finden und das gestohlene Herz der Göttin Te Fiti zurückbringen.

Wer den Animationsfilm kennt, wird hier kaum überrascht. Regisseur Thomas Kail hält sich sehr eng an die Vorlage, viele Szenen, Dialoge und emotionale Wendepunkte sind fast identisch übernommen. Das kann man als mangelnde Eigenständigkeit kritisieren, zugleich zeigt sich aber auch, wie stark diese Geschichte immer noch ist. Vaianas Weg von der pflichtbewussten Häuptlingstochter zur selbstbestimmten Anführerin funktioniert auch in der Realverfilmung, weil die zentralen Themen nichts von ihrer Kraft verloren haben. Es geht um Mut, Herkunft, Verantwortung und die Frage, ob man den eigenen Weg gehen darf, auch wenn alle anderen Sicherheit mit Stillstand verwechseln.

Vaiana | Finaler Trailer

Besonders viel gewinnt der Film durch Catherine Lagaʻaia. Die junge Hauptdarstellerin bringt eine natürliche Wärme, Energie und Entschlossenheit mit, die Vaiana sofort sympathisch machen. Sie spielt die Figur nicht wie eine bloße Kopie der animierten Vorlage, sondern verleiht ihr eine greifbare Menschlichkeit. Gerade in den Szenen mit ihrer Großmutter, ihrer Mutter oder allein auf dem Meer profitiert der Film davon, echte Gesichter und echte Blicke zeigen zu können. Hier findet die Realverfilmung tatsächlich einen eigenen Zugang zur Geschichte.

Dwayne Johnson kehrt als Maui zurück und wirkt dabei so, als hätte er spürbar Freude daran, diese Figur nun auch körperlich zu verkörpern. Seine Perücke bleibt gewöhnungsbedürftig, doch Johnsons Charisma, sein Humor und seine Selbstironie tragen vieles davon locker weg. Maui ist wieder großspurig, eitel und sehr von sich selbst überzeugt, bekommt aber auch genügend Momente, in denen hinter der Show Unsicherheit und Verletzlichkeit durchscheinen. Die Dynamik zwischen ihm und Vaiana funktioniert erneut sehr gut, weil beide Figuren einander ständig herausfordern und langsam voneinander lernen.

Musikalisch bleibt Vaiana ohnehin eine sichere Bank. Die Songs gehören weiterhin zu den größten Stärken des Films. "Ich bin bereit" funktioniert auch in dieser Version als großer Disney-Sehnsuchtssong, ohne an Energie zu verlieren. "Voll gerne" wird von Dwayne Johnson mit sichtbarer Spielfreude präsentiert und bekommt im Realfilm sogar einen leicht bühnenhaften Showcharakter. Auch die chorischen und von polynesischen Klängen geprägten Momente verleihen dem Film eine emotionale Weite, die wunderbar zu dieser Geschichte passt. Dass die Lieder so gut funktionieren, liegt nicht nur am bekannten Material, sondern auch daran, dass Lagaʻaia sie mit viel Überzeugung trägt.

Visuell ist der Film am stärksten, wenn er seine reale Ausstattung ausspielen kann. Die Kostüme, die Boote, das Dorfleben auf Motunui und viele kulturelle Details wirken liebevoll gestaltet und geben der Gemeinschaft eine schöne Lebendigkeit. Gerade die Szenen auf der Insel zeigen, wie viel Atmosphäre in dieser Welt steckt, wenn Menschen, Stoffe, Körper und Räume tatsächlich greifbar werden. Dann bekommt die Realverfilmung eine Wärme, die sich angenehm vom reinen Kopieren des Originals löst.

Nicht ganz so stark ist Vaiana dort, wo der massive CGI-Einsatz besonders sichtbar wird. Der Ozean, die Kreaturen, Heihei, die Kakamora und einige der großen mythologischen Momente bewegen sich in einem Zwischenraum aus Realfilm und Animation, der nicht immer perfekt aufgeht. Manches wirkt etwas zu glatt, manches etwas künstlich. Gerade weil der Animationsfilm so leuchtend, farbenfroh und frei war, fällt auf, dass die Realverfilmung diese visuelle Magie nicht ganz erreicht. Der neue Film sieht oft schön aus, aber selten so überwältigend wie seine Vorlage.

Auch der Humor funktioniert nicht in jeder Szene gleich treffsicher. Einige Gags mit Heihei und den überzeichneten Kreaturen waren im Animationsfilm schlicht natürlicher aufgehoben. Zeichentrick kann Albernheit leichter tragen, während der Realfilm manchmal zwischen emotionaler Ernsthaftigkeit und cartoonhafter Überzeichnung pendelt. Wirklich störend wird das aber selten, weil der Film insgesamt charmant genug bleibt und seine Figuren emotional gut verankert.

Was Vaiana letztlich auszeichnet, ist seine Aufrichtigkeit. Der Film versucht nicht, aus der Vorlage etwas völlig anderes zu machen, sondern vertraut auf ihre bewährten Stärken. Das mag künstlerisch nicht besonders mutig sein, ist aber für ein Familienabenteuer durchaus wirkungsvoll. Die Geschichte ist klar, die Figuren sind sympathisch, die Songs tragen, und die emotionale Reise der Heldin erreicht auch in dieser Form ihr Ziel. Vor allem jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer, die Vaiana vielleicht zum ersten Mal im Kino erleben, bekommen ein großes, warmherziges Disney-Abenteuer mit einer starken Heldin.

Am Ende ist Vaiana damit keine notwendige, aber eine gelungene Realverfilmung. Sie bleibt sehr nah am Original und kann dessen Farbenpracht nicht vollständig ersetzen, findet aber durch Catherine Lagaʻaia, Dwayne Johnson und die musikalische Kraft der Vorlage genug eigene Wirkung. Wer den Animationsfilm liebt, wird weiterhin gute Gründe haben, ihn zu bevorzugen. Wer sich aber noch einmal von dieser Geschichte tragen lassen möchte, bekommt ein liebevoll gemachtes, schön gespieltes und emotional stimmiges Familienkino.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Vaiana gehört zu den besseren Disney-Realverfilmungen der letzten Jahre. Der Film bleibt zwar sehr eng am Animationsklassiker, macht daraus aber ein warmherziges, musikalisch starkes und sympathisch besetztes Abenteuer. Catherine Lagaʻaia überzeugt als Vaiana mit viel Natürlichkeit und Ausstrahlung, während Dwayne Johnson als Maui erneut Charisma, Humor und Spielfreude einbringt.

Ganz erreicht die Realverfilmung die visuelle Magie des Originals nicht. Der starke CGI-Einsatz fällt immer wieder auf, und wirklich neue Impulse setzt der Film nur selten. Trotzdem funktioniert Vaiana als farbenfrohes Familienkino mit Herz, schönen Songs und einer Heldin, deren Reise auch in dieser Form berührt.

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