YouGame Logo

Kino-Kritik: Drachenzähmen leicht gemacht

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Universal Pictures · YouGame Redaktion
Filmbild: Drachenzähmen leicht gemacht

Nachdem die Shrek-Reihe mit ihrem vierten Teil zu Ende geht, musste DreamWorks nach neuen Stoffen suchen, die das Animationsstudio in die Zukunft tragen können. Fündig wurde man bei der Kinderbuchreihe von Cressida Cowell, die eine Welt voller Wikinger, Drachen und Außenseiter erzählt. Herausgekommen ist mit Drachenzähmen leicht gemacht ein Animationsfilm, der auf den ersten Blick wie ein klassisches Abenteuer für jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer wirkt, sich aber schnell als deutlich wärmer, klüger und emotionaler entpuppt, als man zunächst erwarten würde.

Die Geschichte spielt im kleinen Wikingerdorf Berk, weit oben im Norden. Ein idyllischer Ort ist das allerdings nicht. Der Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner besteht vor allem daraus, Häuser wieder aufzubauen, Vorräte zu sichern und immer neue Drachenangriffe abzuwehren. Seit Generationen lernen die Kinder von Berk, dass Drachen gefährliche Feinde sind, die man bekämpfen und töten muss. Stärke, Mut und der richtige Umgang mit Axt und Schild gelten als wichtigste Eigenschaften, um in dieser Welt zu bestehen.

Ausgerechnet Hicks, der schmächtige Sohn des Häuptlings Haudrauf, passt überhaupt nicht in dieses Bild. Er ist klug, erfinderisch und voller Ideen, aber körperlich kein typischer Wikingerheld. Während die anderen Jugendlichen vom Kampf gegen Drachen träumen, wird Hicks von seiner Umgebung eher belächelt. Sein Vater wünscht sich einen Sohn, der eines Tages das Dorf anführen kann, doch Hicks stolpert mehr durch das Wikingerleben, als dass er darin wirklich seinen Platz findet.

Um endlich Anerkennung zu bekommen, bastelt Hicks an einer eigenen Abschussvorrichtung. Tatsächlich gelingt es ihm, während eines Angriffs einen der gefürchtetsten Drachen zu treffen: einen Nachtschatten, eine seltene und nahezu legendäre Drachenart, die kaum jemand je aus der Nähe gesehen hat. Das Problem ist nur, dass niemand seinen Treffer bemerkt. Also macht sich Hicks am nächsten Tag allein auf die Suche nach der Absturzstelle, fest entschlossen, den Drachen zu töten und damit seinen Wert zu beweisen.

Doch als er den verletzten Drachen findet, bringt er es nicht übers Herz, ihm den Todesstoß zu versetzen. Stattdessen lässt er ihn frei. Aus dieser Entscheidung entsteht langsam eine Freundschaft, die alles infrage stellt, was Hicks über Drachen gelernt hat. Der Nachtschatten, den er später Ohnezahn nennt, ist nicht das seelenlose Monster, für das ihn die Wikinger halten. Er ist gefährlich, ja, aber auch neugierig, verspielt, verletzlich und erstaunlich ausdrucksstark. Gerade diese Mischung macht ihn zu einer der liebenswertesten Animationsfiguren der letzten Jahre.

Die Grundidee des Films ist nicht völlig neu. Ein Außenseiter findet seinen eigenen Weg, ein vermeintliches Monster entpuppt sich als Freund, und eine festgefahrene Gesellschaft muss lernen, alte Feindbilder zu hinterfragen. Dennoch schaffen es die Regisseure Dean DeBlois und Chris Sanders, aus bekannten Zutaten einen Film zu formen, der frisch und eigenständig wirkt. Das liegt vor allem am Zusammenspiel zwischen Hicks und Ohnezahn. Ihre Annäherung kommt fast ohne Worte aus und lebt von Gesten, Blicken, kleinen Missverständnissen und wachsendem Vertrauen.

Gerade Ohnezahn ist großartig animiert. Der Drache wirkt zugleich wie ein gefährliches Raubtier, ein neugieriges Haustier und ein verspieltes Wesen, das man sofort ins Herz schließt. Die Nähe zu Stitch aus Lilo & Stitch ist durchaus spürbar, was kaum überrascht, da DeBlois und Sanders auch dort beteiligt waren. Doch Ohnezahn ist keine Kopie. Seine Bewegungen, seine Mimik und seine Mischung aus Wildheit und Zuneigung geben dem Film ein emotionales Zentrum, das weit über bloße Niedlichkeit hinausgeht.

Auch Hicks funktioniert als Hauptfigur sehr gut. Er ist kein klassischer Held, sondern ein Junge, der sich selbst erst finden muss. Seine Stärke liegt nicht in Muskelkraft oder Kampfeslust, sondern in Beobachtung, Mitgefühl und der Bereitschaft, Dinge anders zu sehen als alle anderen. Genau dadurch wird er für Berk wichtiger, als es zunächst jemand erkennt. Der Film erzählt damit nicht nur ein Abenteuer, sondern auch eine schöne Geschichte darüber, dass Mut manchmal bedeutet, nicht das zu tun, was alle von einem erwarten.

Natürlich spielt auch Astrid eine wichtige Rolle. Sie ist ehrgeizig, stark und zunächst alles, was Hicks nicht ist. Ihr Misstrauen gegenüber ihm und später gegenüber Ohnezahn ist nachvollziehbar, und ihre langsame Veränderung bringt zusätzliche Spannung in die Geschichte. Auch die anderen jungen Wikinger sorgen für Humor und Tempo, bleiben aber stärker Nebenfiguren. Der klare Fokus liegt auf Hicks, Ohnezahn und dem Konflikt zwischen Tradition und neuer Erkenntnis.

Optisch ist Drachenzähmen leicht gemacht ein großer Schritt für DreamWorks. Berk, die rauen Küsten, die Felsen, der Himmel und vor allem die Flugszenen sehen beeindruckend aus. Wenn Hicks und Ohnezahn zum ersten Mal gemeinsam durch die Luft gleiten, entfaltet der Film eine Freiheit und Weite, die man auf der großen Leinwand besonders stark spürt. Das optionale 3D unterstützt diese Szenen sinnvoll, ohne bloß als Effektspielerei zu wirken. Gerade die Flugsequenzen gehören zu den schönsten Momenten des Films.

Der Humor funktioniert ebenfalls gut. Es gibt Slapstick, schnelle Dialoge und viele kleine Gags, doch der Film verlässt sich nicht nur darauf. Anders als manche Animationskomödien überdreht Drachenzähmen leicht gemacht seine Figuren nicht permanent, sondern lässt ihnen auch ruhige und emotionale Momente. Dadurch wirkt die Geschichte runder und nachhaltiger. Kinder bekommen ein spannendes Drachenabenteuer, Erwachsene finden genug Herz, Witz und visuelle Kraft, um ebenfalls gut unterhalten zu werden.

Auch die Synchronisation ist gelungen. Die Stimmen passen gut zu den Figuren und geben der Welt von Berk eine eigene Farbe. Manche Charaktere erhalten einen leicht norddeutschen Einschlag, was überraschend gut zur rauen Wikingeratmosphäre passt. Wie so oft haben die englischen Originalstimmen vielleicht noch etwas mehr Nuancen, doch die deutsche Fassung funktioniert insgesamt sehr ordentlich.

Ganz frei von Schwächen ist der Film nicht. Manche Wendung ist vorhersehbar, und die Botschaft ist klar erkennbar, ohne besonders subtil zu sein. Auch die Grundstruktur folgt bekannten Mustern des Animationskinos. Doch das fällt kaum negativ ins Gewicht, weil Drachenzähmen leicht gemacht seine Geschichte mit so viel Charme, Tempo und emotionaler Aufrichtigkeit erzählt. Der Film muss nicht völlig neu sein, um zu funktionieren. Er muss seine Figuren ernst nehmen, und genau das tut er.

Fazit

YouGame Redaktion
YouGame Redaktion
Drachenzähmen leicht gemacht wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Animationsfilm für jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer, bietet aber deutlich mehr. Die Geschichte rund um Hicks, Ohnezahn und das Wikingerdorf Berk verbindet Abenteuer, Humor und eine berührende Freundschaft zu einem sehr gelungenen Familienfilm. Besonders die Beziehung zwischen Junge und Drache trägt den Film und sorgt für einige der schönsten Momente.

Ganz die Originalität von Pixar-Höhepunkten wie Oben oder Ratatouille erreicht der Film nicht, doch DreamWorks liefert hier einen starken neuen Animationsstoff mit viel Herz, großartigen Flugszenen und sympathischen Figuren. Drachenzähmen leicht gemacht ist spannend, lustig, visuell beeindruckend und nicht nur für Kinder sehenswert. Ein Film, den man am besten auf der großen Leinwand erlebt.

Weitere Kino-Kritiken

Top-Artikel der letzten 7 Tage