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Kino-Kritik: Send Help

· ca. 4 Min. Lesezeit · Kino · Walt Disney Studios Motion Pictures · Andreas Zommer
Filmbild: Send Help

Was passiert, wenn man eine übersehene Büroangestellte, ein selbstgefälliges Nepo-Baby und Sam Raimi auf eine einsame Insel schickt? Die Antwort ist kein gemütliches Castaway-Szenario, sondern ein bösartiges Machtspiel mit Blut, Galle und ziemlich viel Schadenfreude. Send Help ist kein sanfter Survivalfilm, sondern eine pervertierte Robinsonade, in der Hierarchien so gründlich zerlegt werden wie der Privatjet, der seine Figuren überhaupt erst dorthin bringt.

Nach Jahren im Blockbuster-Modus kehrt Sam Raimi mit Send Help spürbar zu einer kleineren, giftigeren und persönlicher wirkenden Form des Filmemachens zurück. Statt Multiversen, Superhelden und Weltrettungsspektakel interessiert ihn diesmal ein überschaubares Szenario, das gerade durch seine Begrenzung an Schärfe gewinnt. Zwei Menschen, die einander schon unter normalen Umständen kaum ertragen, werden nach einem Flugzeugabsturz gezwungen, auf einer menschenleeren Insel miteinander auszukommen. Aus dem Bürokrieg wird ein Überlebenskampf, aus passiver Aggression offene Feindseligkeit.

Linda Liddle ist brillant, akribisch, im Unternehmen unverzichtbar und dennoch weitgehend unsichtbar. Rachel McAdams spielt sie als Frau, die gelernt hat, ihre Kränkungen herunterzuschlucken, weil Kompetenz allein in dieser Umgebung offenbar nicht reicht. Ihr verstorbener Chef wollte sie befördern, doch dessen Sohn Bradley Preston übernimmt das Ruder und richtet sich umgehend einen Boys Club aus Golfkumpels, Karrieristen und Ego-Verwaltern ein. Dylan O’Brien gibt diesen Bradley als Mann, der seine Privilegien so selbstverständlich trägt wie andere eine Armbanduhr. Kompetenz interessiert ihn nur, wenn sie ihm nützt oder ihn nicht bedroht.

Dann stürzt der Privatflieger auf dem Weg zu einer Geschäftsreise ab, und plötzlich wird aus sozialer Ungerechtigkeit eine sehr konkrete Überlebensfrage. Auf der Insel zählen keine Titel, keine Firmenwagen, kein Familienname und kein geerbter Status. Dort zählt, wer Wasser findet, Feuer macht, Nahrung organisiert und einen Plan hat. Linda, die jahrelang Survival-Shows wie Survivor verschlungen hat, blüht unter diesen Bedingungen auf. Bradley hingegen steht mit verletztem Bein, gekränktem Ego und sehr wenig praktischer Begabung im Dschungel und muss zum ersten Mal akzeptieren, dass seine gewohnten Machtmittel hier wertlos sind.

Raimi beginnt genau an diesem Punkt sein eigentliches Spiel. Send Help ist weniger ein klassisches Überlebensabenteuer als ein psychologisches Duell, bei dem die Insel zur Bühne eines Geschlechter- und Klassenkampfs wird. Linda genießt ihre neue Autorität sichtbar, und der Film ist klug genug, diese Machtverschiebung nicht nur als Befreiung zu erzählen. Aus der lange Übersehenen wird nicht automatisch eine moralisch reine Heldin. Bradley wiederum schwankt zwischen gespielter Reue, Manipulation, Trotz und echter Angst. Mal scheint eine fragile Annäherung möglich, dann kippt die Dynamik innerhalb weniger Sekunden wieder in Misstrauen, Demütigung und Gewalt. Raimi lässt die Sympathien bewusst wandern, wodurch niemand dauerhaft bequem in der Opfer- oder Täterrolle bleibt.

Dass dieses Kammerspiel unter Palmen funktioniert, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Rachel McAdams spielt Linda mit einer Härte und Uneitelkeit, die dem Film guttun. Ihre Verwandlung von der unterschätzten Angestellten zur dominanten Überlebenskünstlerin wirkt nie wie ein einfacher Triumphbogen, sondern zunehmend beunruhigend. Je mehr Kontrolle Linda gewinnt, desto sichtbarer wird, dass auch ihre neue Macht nicht frei von Rachelust ist. Dylan O’Brien wiederum hat erkennbar Spaß daran, Bradleys Arroganz auszukosten, lässt die Figur aber nicht völlig zur Karikatur verkommen. Gerade wenn Bradley hilflos wird und seine Abhängigkeit nicht mehr überspielen kann, entsteht eine unangenehme Intimität, die den Film stärker trägt als jede Actionszene.

Und natürlich gibt es dennoch genug Momente, in denen Raimi seine Freude an der grotesken Eskalation auslebt. Ein Wildschwein-Duell wird zum kleinen Splatter-Spektakel, eine Wiederbelebung endet in einer bewusst widerwärtigen Körperflüssigkeits-Orgie, und immer wieder blitzt jener makabre Humor auf, der an Raimis frühere Arbeiten erinnert. Send Help bewegt sich dabei zwischen schwarzer Komödie, Survival-Thriller und bitterböser Satire. Nicht alles daran ist elegant, manches ist absichtlich überzogen, aber gerade diese Lust am geschmacklosen Ausbruch macht einen Teil des Reizes aus.

Im Mittelteil verliert der Film etwas an Straffheit, weil die Machtverschiebungen zwischen Linda und Bradley mehrfach variiert werden, ohne immer neue Erkenntnisse zu liefern. Einige Szenen drehen sich dadurch länger um dieselben Abhängigkeiten, als es dem Rhythmus guttut. Trotzdem bleibt die Dynamik interessant, weil sich beide Figuren nie vollständig berechenbar verhalten. Die entscheidende Frage lautet irgendwann nicht mehr nur, ob Linda und Bradley gerettet werden, sondern ob Rettung überhaupt noch das ist, was beide wollen.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Send Help ist keine subtile Gesellschaftsanalyse und auch kein klassischer Horrorfilm. Der Film ist eine bissige, blutige Machtfantasie, die Bürohierarchien in tropischer Isolation zerlegt und dabei spürbar Spaß an ihrer eigenen Eskalation hat. Raimi interessiert sich weniger für moralische Läuterung als für die Frage, wie schnell Rollen, Abhängigkeiten und Selbstbilder kippen, wenn die gewohnten Strukturen plötzlich wegfallen.

Nicht jeder Ton sitzt perfekt, und nicht jede Szene wäre zwingend nötig gewesen. Als schwarzhumoriger Survival-Trip mit zwei stark aufgelegten Hauptdarstellern funktioniert Send Help aber erstaunlich gut. Das ist kein elegantes, fein austariertes Kino, sondern ein fieser, manchmal überdrehter und bewusst unangenehmer Spaß. Genau darin liegt seine Stärke.

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