Derek Cianfrance interessiert sich nicht für klassische Helden. Ihn faszinieren Menschen, die scheitern, obwohl sie es ernst meinen, oder vielleicht gerade deshalb. Mit Der Hochstapler – Roofman kehrt er nach fast einem Jahrzehnt ins Kino zurück und erzählt eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Auf den ersten Blick klingt das wie der Stoff für einen skurrilen Heist-Film. Ein Mann raubt Fast-Food-Filialen aus, bricht aus dem Gefängnis aus und versteckt sich ausgerechnet in einem Spielzeuggeschäft. Doch Cianfrance macht daraus keine schräge True-Crime-Nummer, sondern eine melancholische Charakterstudie über Schuld, Sehnsucht und den verzweifelten Versuch, nicht vollends aus dem Leben zu fallen.
Im Zentrum steht Jeffrey Manchester, gespielt von Channing Tatum. Er ist ehemaliger Soldat, geschiedener Vater und ein Mann, der im zivilen Alltag keinen festen Halt findet. Das Geld reicht nicht, die Erwartungen an sich selbst sind zu groß, und der Wunsch, seiner Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen, wird zur Rechtfertigung für immer riskantere Entscheidungen. Jeffrey beginnt, Fast-Food-Filialen auszurauben. Nicht brutal, nicht chaotisch, sondern höflich, kontrolliert und fast widerwillig. Genau darin liegt die bittere Komik und Tragik dieser Figur. Er sieht sich nicht als Kriminellen, sondern als jemanden, der versucht, Verantwortung zu übernehmen. Dass er dabei anderen schadet, blendet er aus.
Cianfrance interessiert sich weniger für den Nervenkitzel der Taten als für die innere Logik dahinter. Der Film fragt nicht, wie clever Jeffrey vorgeht, sondern warum er immer tiefer in eine Rolle rutscht, aus der es keinen sauberen Ausweg mehr gibt. Dieser Selbstbetrug macht ihn zur tragischen Figur. Jeffrey möchte anständig sein, möchte ein guter Vater sein, möchte gebraucht werden. Doch je stärker er versucht, dieses Bild von sich selbst zu retten, desto weiter entfernt er sich von der Wirklichkeit.
Nach seiner Verhaftung und einem spektakulären Ausbruch nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Jeffrey verschwindet nicht in einer anderen Stadt und legt sich keine neue Identität zu, sondern versteckt sich in einer Toys “R” Us-Filiale. In einem Hohlraum hinter Regalen richtet er sich ein provisorisches Zuhause ein. Dieses Bild ist absurd, aber auch erstaunlich treffend. Zwischen Plüschtieren, Videospielen und Süßigkeiten lebt ein erwachsener Mann wie ein Geist in einer künstlichen Kinderwelt, während draußen das Leben weitergeht. Der Ort wird zum Symbol für seine Flucht vor Verantwortung und zugleich für seine Sehnsucht nach einem Leben, das einfacher, weicher und verzeihender sein könnte.
Cianfrance inszeniert diese Passagen mit großer Ruhe. Die Kamera bleibt nah an den Gesichtern, beobachtet kleine Bewegungen und lässt Pausen zu. Der Film verweigert sich konsequent der Versuchung, Jeffreys Geschichte als cleveres Katz-und-Maus-Spiel oder als schrullige Außenseiterkomödie zu erzählen. Stattdessen entwickelt sich Der Hochstapler – Roofman zu einer Studie über Einsamkeit, Schuld und den Wunsch nach Zugehörigkeit in einer Gesellschaft, die Wertschätzung oft über Leistung, Status und finanzielle Sicherheit definiert. Jeffrey scheitert nicht, weil ihm alles egal wäre. Er scheitert, weil er unbedingt jemand sein will, auf den andere stolz sein können.
Channing Tatum liefert dabei eine seiner bemerkenswertesten Leistungen ab. Er spielt Jeffrey nicht als charmanten Gauner, sondern als erschöpften Idealisten, der an seinen eigenen Ansprüchen zerbricht. Tatums Körperlichkeit trägt viel zur Wirkung der Figur bei. Er wirkt groß, stark und zugleich seltsam ausgehöhlt, als würde dieser Körper längst mehr versprechen, als Jeffrey innerlich noch halten kann. Seine stärksten Momente hat Tatum nicht in großen emotionalen Ausbrüchen, sondern im Zögern, im Blick zur Seite, im Versuch, Normalität vorzutäuschen, obwohl längst klar ist, dass nichts normal ist.
Kirsten Dunst bildet als Leigh, eine alleinerziehende Mitarbeiterin des Spielzeugladens, das emotionale Gegengewicht. Ihre Figur ist kein romantisches Heilsversprechen und keine einfache Rettungsfigur, sondern eine Frau mit eigenem Leben, eigenen Routinen und begrenzter Geduld. Die Beziehung zwischen Jeffrey und Leigh entwickelt sich unspektakulär, fast beiläufig, und gerade das macht sie glaubwürdig. Dunst spielt diese Bodenständigkeit sehr präzise. Sie verhindert, dass der Film ins Sentimentale kippt, weil Leigh nie nur Projektionsfläche für Jeffreys Sehnsucht wird. Peter Dinklage setzt als zynischer Filialleiter einen scharf gezeichneten Akzent und bringt eine trockenere Energie in den Film, ohne zur bloßen Karikatur zu werden.
Formal bleibt Der Hochstapler – Roofman nah an Cianfrances Handschrift. Lange Einstellungen, ein zurückhaltender Score und eine Bildsprache, die Nähe sucht, ohne die Figuren zu bedrängen, bestimmen den Ton. Der Film nimmt sich Zeit für Stimmungen und innere Zustände, manchmal vielleicht sogar etwas zu viel. Einige Nebenfiguren bleiben skizzenhaft, und im letzten Drittel verliert die Geschichte etwas von ihrer Spannung. Gerade weil der Film so stark auf Atmosphäre und Charakterbeobachtung setzt, fallen diese Längen deutlicher auf.
Trotzdem passt diese Unebenheit auf eigentümliche Weise zum Film. Der Hochstapler – Roofman ist keine glatte Erzählung über einen genialen Verbrecher, sondern das Porträt eines Mannes, der sich selbst nie ganz versteht. Cianfrance romantisiert Jeffrey nicht, aber er stellt ihn auch nicht aus. Er zeigt die Absurdität seines Verstecks, die Tragik seiner Entscheidungen und die Schäden, die er verursacht. Daraus entsteht ein Film, der leiser ist, als die Prämisse vermuten lässt, aber gerade deshalb länger nachwirkt.
Fazit
Getragen von einem starken Channing Tatum und einer angenehm bodenständigen Kirsten Dunst ist Roofman erwachsenes, ruhiges Kino, das sich Zeit nimmt und diese Zeit auch einfordert. Nicht jede Nebenfigur sitzt, nicht jeder Abschnitt hält die Spannung gleich hoch, doch der Film bleibt im Kern bemerkenswert. Weil er den Blick auf Menschen richtet, die nicht böse sein wollen und trotzdem Schaden anrichten.











