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Kino-Kritik: Schneewittchen

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Walt Disney Studios Motion Pictures · Andreas Zommer
Filmbild: Schneewittchen

Mit der Realverfilmung von Schneewittchen wagt Disney sich an einen der legendärsten Titel seiner langen Märchen-Historie. Schon im Vorfeld wurde der Film von so vielen Kontroversen, Vorurteilen und Debatten begleitet, dass es beinahe unmöglich schien, ihn noch unbefangen zu betrachten. Zwischen Diskussionen um das Casting von Rachel Zegler, politischen Grabenkämpfen und der Frage nach der Darstellung der sieben Zwerge stand lange weniger der Film selbst im Mittelpunkt als das, was im Internet aus ihm gemacht wurde. Umso spannender ist die eigentliche Frage. Ist Schneewittchen wirklich die filmische Katastrophe, als die der Film oft verschrien wurde, oder steckt darin doch ein Stück Disney-Magie?

Die Geschichte ist bekannt, wird von Disney aber auch diesmal für ihre Zeit neu ausgelegt. Im Mittelpunkt steht Schneewittchen, gespielt von Rachel Zegler, die nach dem Tod ihrer Mutter und dem mysteriösen Verschwinden ihres Vaters unter der Herrschaft ihrer eifersüchtigen Stiefmutter lebt. Als der magische Spiegel Schneewittchen zur Schönsten im Land erklärt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Königin trachtet ihr nach dem Leben, Schneewittchen flieht in den Wald und findet schließlich bei den sieben Zwergen Unterschlupf. Doch der Film belässt es nicht bei der reinen Fluchtgeschichte. Diese Schneewittchen-Version soll nicht nur überleben, sondern Verantwortung übernehmen und das Königreich von der Tyrannei der Königin befreien.

Schon die ersten Szenen setzen klar auf Märchenstimmung. Ein Buch öffnet sich, Tiere huschen durchs Bild, die Farben leuchten, und alles wirkt bewusst künstlich. Das kann man kritisieren, passt aber grundsätzlich zum Ansatz des Films. Schneewittchen will keine realistische Mittelalterfantasie sein, sondern ein klassisches Disney-Märchen im Gewand einer modernen Realverfilmung. Die Sets und Kostüme sind detailverliebt, bunt und voller kleiner Verweise auf das Original. Die märchenhafte Atmosphäre erinnert immer wieder an das Fantasyland eines Disney-Parks, was dem Film eine gewisse Wärme gibt, die vielen anderen Realfilm-Remakes gefehlt hat.

Die größte Schwäche liegt allerdings in der digitalen Umsetzung. Besonders die Zwerge bleiben schwierig. Ihr Look schwankt zwischen stilisierter Märchenfigur und digitalem Fremdkörper, wodurch sie sich nicht immer organisch in die realen Kulissen einfügen. Auch viele Tiere sind deutlich animiert, was zwar zum Ton des Films passt, aber gelegentlich die Immersion bricht. Die Entscheidung, die Zwerge nicht mit kleinwüchsigen Schauspielern zu besetzen, war offensichtlich ein Versuch, problematische Klischees zu vermeiden. Ganz überzeugend ist das Ergebnis trotzdem nicht, weil die digitale Lösung ihrerseits neue Distanz schafft.

Musikalisch bleibt der Film angenehm klassisch. Bekannte Melodien wie Hei-ho sind geblieben und werden durch neue Songs ergänzt, die sich weitgehend stimmig ins Gesamtbild einfügen. Rachel Zegler ist dabei das klare Zentrum. Ihre Stimme gibt dem Film viele seiner stärksten Momente und sorgt dafür, dass Schneewittchen auch dann Präsenz hat, wenn die Figur selbst etwas brav geschrieben ist. Besonders schön ist, wie einzelne Bewegungen, Geräusche und Slapstick-Momente mit der Musik verschmelzen und dadurch an die Rhythmik alter Disney-Filme erinnern. Hier findet die Neuverfilmung tatsächlich zu jenem Zauber, den man sich von einem solchen Projekt erhofft.

Inhaltlich bleibt vieles vertraut, einige zentrale Motive wurden aber sichtbar modernisiert. Schneewittchen ist nicht mehr die passive Prinzessin, die auf Rettung wartet, sondern eine junge Frau, die Verantwortung übernimmt, Widerstand organisiert und das Gute aktiv zurück ins Land bringen will. Auch die Liebesgeschichte ist weniger auf den berühmten Kuss der wahren Liebe fixiert. An die Stelle des klassischen Prinzen tritt Jonathan, ein Robin-Hood-artiger Dieb, mit dem Schneewittchen gemeinsam handelt. Diese Anpassungen sind nachvollziehbar und funktionieren meist besser, als manche Vorab-Debatten vermuten ließen. Gleichzeitig wirken sie nicht immer elegant in die Märchenlogik eingebettet. Man spürt gelegentlich, dass der Film alte Motive bewahren und zugleich möglichst viele moderne Erwartungen erfüllen möchte.

Die Debatte um Rachel Zeglers Besetzung begleitet den Film stärker, als sie es sollte. Die Frage, ob eine Latina Schneewittchen spielen darf, wurde vorab oft überhitzt geführt. Der Film beantwortet sie gleich zu Beginn, indem er die Namensherleitung anpasst. Inhaltlich hat das kaum größere Folgen. Entscheidend ist eher, dass diese Schneewittchen-Version vielen Kindern eine Identifikationsfigur anbietet, die sich in klassischen Märchenwelten früher seltener wiederfinden konnten. In einer Fantasiewelt sollte das kein Problem sein. Dass daraus dennoch ein Kulturkampf wurde, sagt am Ende mehr über die Debatte als über den Film.

Auch bei den Zwergen zeigt sich, wie schwer Disney inzwischen den Spagat zwischen Nostalgie, Repräsentation und Zeitgeist meistert. Die animierte Lösung wirkt wie ein Kompromiss, der möglichst niemanden verletzen soll, am Ende aber auch nicht vollkommen zufriedenstellt. Das ist symptomatisch für den gesamten Film. Schneewittchen möchte respektvoll mit dem Original umgehen, aktuelle Sensibilitäten berücksichtigen und zugleich ein kindgerechtes Märchen bleiben. Manchmal gelingt diese Balance, manchmal sieht man die Nähte sehr deutlich.

Darstellerisch überzeugt Rachel Zegler vor allem durch Stimme und Natürlichkeit. Sie bringt Wärme, Präsenz und eine gewisse Unschuld in die Rolle, auch wenn das Drehbuch Schneewittchen nicht immer die interessantesten Konflikte gibt. Gal Gadot hat als böse Königin sichtlich Freude am großen Gestus. Ihre Darstellung ist bewusst theatralisch, gelegentlich etwas steif, aber in den besten Szenen genau so überhöht, wie es zu einem Märchen passt. Andrew Burnap als Jonathan bleibt dagegen blasser. Seine Figur soll moderner und aktiver wirken als der klassische Prinz, bekommt aber zu wenig Kontur, um wirklich im Gedächtnis zu bleiben.

Regisseur Marc Webb inszeniert das alles solide und meist angenehm zügig. Der Film vermeidet große Längen, hat aber nicht immer den saubersten Rhythmus. Manche Übergänge wirken gehetzt, einige Schnitte seltsam abrupt, und die emotionale Tiefe bleibt zugunsten von Tempo und Märchenlogik gelegentlich auf der Strecke. Gerade die Beziehung zwischen Schneewittchen, dem Volk und dem Königreich hätte mehr Raum vertragen. Wenn der Film politischer und aktiver erzählen will als das Original, müsste er diese Entwicklung stärker ausspielen.

Trotzdem ist Schneewittchen weit von jenem Desaster entfernt, als das der Film vorab oft dargestellt wurde. Er hat sichtbare Schwächen, vor allem bei CGI, Figurenzeichnung und erzählerischer Balance. Gleichzeitig besitzt er aber auch Charme, musikalische Kraft und eine märchenhafte Ausstattung, die ihn von vielen blasseren Disney-Remakes abhebt. Besonders für Kinder dürfte der Film deutlich besser funktionieren als für Erwachsene, die jede Änderung am Original abgleichen oder jede Debatte im Hinterkopf behalten.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Schneewittchen ist kein Meisterwerk und sicher nicht der große Befreiungsschlag unter Disneys Realfilm-Remakes. Die CGI-Zwerge bleiben gewöhnungsbedürftig, manche Modernisierung wirkt etwas bemüht, und nicht jede Figur bekommt genug Tiefe. Trotzdem ist der Film deutlich solider, wärmer und märchenhafter, als es die aufgeheizten Vorab-Debatten vermuten ließen.

Vor allem Rachel Zeglers Stimme, die liebevolle Ausstattung und die klassische Disney-Atmosphäre tragen diese Neuverfilmung. Wer ein mutiges Neudenken des Stoffes erwartet, wird nur bedingt fündig. Wer sich aber auf ein buntes, kindgerechtes Märchen mit Nostalgie, Musik und einigen schönen Momenten einlässt, bekommt einen Film, der seine Schwächen hat, aber durchaus wieder etwas von jenem Disney-Zauber erkennen lässt, den viele längst vermisst haben.

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