YouGame Logo

Kino-Kritik: Deadpool & Wolverine

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Andreas Zommer
Filmbild: Deadpool & Wolverine

Deadpool & Wolverine ist genau der Film, den viele Fans erwartet haben: laut, respektlos, blutig, voller Meta-Witze und mit einer Hauptfiguren-Kombination, die schon auf dem Papier wie ein Selbstläufer wirkt. Ryan Reynolds’ vorlauter Antiheld trifft auf Hugh Jackmans grimmigen Mutanten, und das Marvel-Multiversum wird einmal mehr zur Spielwiese für Cameos, Varianten, Insidergags und nostalgische Seitenhiebe. Das Ergebnis ist kein besonders eleganter Superheldenfilm, aber ein erstaunlich unterhaltsamer Ritt durch die Trümmer mehrerer Marvel-Ären.

Regisseur Shawn Levy setzt auf den bewährten Deadpool-Mix aus scharfzüngigem Humor, brutaler Action und ständiger Selbstkommentierung. Der Film weiß, dass das Multiversum im MCU längst überstrapaziert wirkt, und macht genau daraus einen seiner zentralen Witze. Figuren erklären Regeln, nur um sie kurz darauf wieder zu brechen. Dramatische Momente werden von Deadpool zerredet, Franchise-Logik wird offen verspottet, und selbst Marvels jüngere Schwächen bleiben nicht unkommentiert. Das ist manchmal sehr treffend, manchmal etwas bemüht, aber fast immer mit genug Tempo inszeniert, um nicht lange zu stören.

Die Handlung setzt bei Wade Wilson an, der seinen roten Anzug an den Nagel gehängt hat und sich als Autoverkäufer durchschlägt. Der einstige Chaos-Söldner wirkt seltsam domestiziert, fast ernüchtert vom eigenen Leben. Doch natürlich dauert es nicht lange, bis ihn die Time Variance Authority aus dieser neuen Normalität reißt. Wade erfährt, dass seine Welt vor dem Untergang steht, und sieht sich gezwungen, Hilfe zu suchen. Diese Hilfe findet er ausgerechnet bei einer alternativen Version von Wolverine, die alles andere als heldenhaft wirkt. Gebrochen, verbittert und von Schuld gezeichnet, ist dieser Logan nicht der strahlende Retter, den Wade gerne hätte, sondern ein Mann, der längst mit sich selbst abgeschlossen hat.

Genau in dieser Konstellation liegt die größte Stärke des Films. Ryan Reynolds und Hugh Jackman haben eine spürbare Chemie, die jede gemeinsame Szene antreibt. Deadpools unermüdliches Gerede trifft auf Wolverines mürrische Gewaltbereitschaft, und aus dieser Reibung entsteht ein erstaunlich funktionierendes Duo. Der Film lebt davon, dass beide Figuren einander permanent auf die Nerven gehen, sich beleidigen, bekämpfen und trotzdem langsam eine Form von Respekt entwickeln. Das ist keine harmonische Freundschaft, sondern eine dreckige, blutige Bromance mit sehr vielen Stichwunden.

Hugh Jackman fügt Wolverine dabei tatsächlich noch einmal eine neue Facette hinzu. Diese Variante ist nicht einfach ein nostalgisches Wiedersehen, sondern eine gebrochene Figur, die von Versagen und Verlust geprägt ist. Der Film nimmt seine Schuldgefühle ernster, als man inmitten all der Witze erwarten würde. Gerade weil Deadpool jede ernste Situation sofort sabotiert, bekommen Wolverines stillere Momente ein besonderes Gewicht. Jackman spielt das mit jener Mischung aus Erschöpfung, Wut und innerer Schwere, die ihn schon früher zur Idealbesetzung gemacht hat.

Gleichzeitig bleibt Deadpool & Wolverine selbstverständlich ein Film, der seine Schauwerte nicht versteckt. Die Action ist brutal, schnell und mit sichtbarer Lust an der Übertreibung inszeniert. Körper werden durchbohrt, Gliedmaßen abgetrennt, Knochen gebrochen, und Deadpools Regenerationsfähigkeit wird erneut als Freifahrtschein für groteske Gewalteskalationen genutzt. Besonders die Kämpfe gegen Agenten der TVA zeigen, wie gut der Film brutale Choreografie mit absurd fröhlicher Musik und schwarzem Humor verbinden kann. Genau diese Mischung aus Splatter, Slapstick und Popkultur-Zitat ist der Kern des Deadpool-Prinzips.

Die Reise durch verschiedene Realitäten bietet außerdem reichlich Gelegenheit für Fanservice. Manche Auftritte sind reine Gags, andere funktionieren als kleine Liebeserklärungen an vergangene Marvel-Filme, die längst außerhalb des aktuellen MCU zu liegen schienen. Dabei ist der Film am besten, wenn er Nostalgie nicht nur ausstellt, sondern sie zugleich kommentiert. Deadpool & Wolverine wirkt stellenweise wie eine Beerdigung und Wiederbelebung des alten Fox-Marvel-Universums zugleich. Das ist für langjährige Fans besonders reizvoll, kann aber auch überladen wirken, wenn ein weiterer Verweis wichtiger erscheint als die eigentliche Handlung.

Denn so unterhaltsam der Film ist, seine Story bleibt eher Mittel zum Zweck. Das Multiversum liefert Möglichkeiten, aber auch Ausreden. Wenn jede Figur in Varianten existieren kann und jedes Universum eigene Regeln besitzt, verlieren manche dramatischen Einsätze zwangsläufig an Gewicht. Deadpool & Wolverine begegnet diesem Problem mit Humor und Selbstironie, löst es aber nicht vollständig. Der Film weiß, dass das Multiversum chaotisch und ausgelaugt wirkt, nutzt es aber trotzdem weiter als große Spielzeugkiste.

Auch die Nebenfiguren bleiben unterschiedlich stark. Einige sind vor allem Stichwortgeber für Witze oder Cameos, andere bekommen zumindest kurze emotionale Momente. Die eigentliche Spannung entsteht aber fast immer dann, wenn Wade und Logan zusammen im Bild sind. Alles andere dient letztlich dazu, die beiden von einer absurden Situation in die nächste zu schicken. Das ist nicht besonders tief, aber meistens effektiv.

Interessant ist, was der Film für das MCU bedeutet. Deadpool & Wolverine zeigt, dass Marvel durchaus bereit ist, härtere, derbere und selbstkritischere Töne zuzulassen. Die explizite Gewalt, die Sprache und der respektlose Umgang mit der eigenen Franchise-Geschichte heben den Film deutlich von vielen glatteren MCU-Beiträgen ab. Gleichzeitig bleibt er aber auch sehr berechnetes Fanservice-Kino. So frei und anarchisch Deadpool wirkt, am Ende ist auch dieser Film Teil einer riesigen Markenmaschine, die genau weiß, welche Knöpfe sie drücken muss.

Trotzdem funktioniert Deadpool & Wolverine erstaunlich gut. Nicht, weil der Film das Superheldengenre neu erfinden würde, sondern weil er seine Stärken kennt. Reynolds darf reden, Jackman darf knurren, das Blut darf spritzen, und zwischendurch bekommt die Marvel-Nostalgie genug Raum, um alte Fans abzuholen. Wer mit Deadpools Humor nichts anfangen kann, wird hier vermutlich schon nach wenigen Minuten genervt sein. Wer diesen Ton aber mag, bekommt einen der kurzweiligsten Marvel-Filme der letzten Jahre.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Deadpool & Wolverine bleibt dem Geist der Vorgänger treu und erweitert ihn um eine starke zweite Hauptfigur. Die Chemie zwischen Ryan Reynolds und Hugh Jackman trägt den Film, die Action ist brutal und einfallsreich, und die Meta-Witze auf Marvel, Fox und das Multiversum treffen oft ins Schwarze. Gleichzeitig ist die Handlung dünn, der Fanservice manchmal überladen, und nicht jeder Gag sitzt.

Als respektloser, blutiger und überraschend melancholischer Superhelden-Trip funktioniert der Film aber sehr gut. Deadpool & Wolverine ist kein sauber gebauter Genre-Meilenstein, sondern ein lautes, chaotisches und sehr bewusst überdrehtes Kinovergnügen. Für Fans der Figuren ist das fast genau das, was man sich erhofft hat: viel Humor, viel Gewalt, viel Nostalgie und ein Wolverine, der noch einmal zeigt, warum Hugh Jackman diese Rolle so geprägt hat.

Weitere Kino-Kritiken

Top-Artikel der letzten 7 Tage