Disney setzt seit einigen Jahren verstärkt darauf, seine Zeichentrick-Klassiker als Realverfilmungen neu auf die Leinwand zu bringen. Nach Die Schöne und das Biest und The Jungle Book folgte zuletzt Dumbo, während mit Der König der Löwen bereits der nächste große Titel in den Startlöchern steht. Dazwischen darf nun Aladdin noch einmal durch Agrabah streifen, auf dem fliegenden Teppich abheben und eine Wunderlampe finden, die das Leben des jungen Straßendiebs gründlich auf den Kopf stellt. Wir haben uns die neue Version des Disney-Klassikers angesehen.
Die Geschichte dürfte den meisten bekannt sein. Aladdin lebt in Armut und schlägt sich gemeinsam mit seinem Affen Abu als Dieb durch die Straßen von Agrabah. Eines Tages begegnet er Prinzessin Jasmin, die sich heimlich aus dem Palast geschlichen hat, um das Leben außerhalb der Palastmauern kennenzulernen. Aladdin verliebt sich in sie, weiß aber zugleich, dass er als einfacher Junge aus der Unterschicht keine Chance auf eine gemeinsame Zukunft hat. Jasmin soll schließlich einen Prinzen heiraten und damit den politischen Erwartungen ihres Königreichs entsprechen.
Als Aladdin später in den Palast eindringt, um Jasmin wiederzusehen, wird er auf dem Heimweg von den Wachen gefasst. Großwesir Dschafar bietet ihm eine scheinbare Alternative zum Kerker an. Aladdin soll für ihn aus einer geheimnisvollen Höhle eine Wunderlampe stehlen, im Gegenzug verspricht Dschafar ihm Reichtum. Doch wie zu erwarten, spielt der machtgierige Wesir falsch. Aladdin bleibt mit Abu und der Lampe in der Höhle zurück. Als er sie reibt, erscheint ein ziemlich eigenwilliger Dschinni, der ihm drei Wünsche erfüllen kann. Für Aladdin scheint das die perfekte Gelegenheit zu sein, um Jasmin näherzukommen. Mit seinem ersten Wunsch verwandelt er sich in Prinz Ali, doch eine neue Identität löst nicht automatisch alte Probleme.
Vor der Veröffentlichung musste Aladdin einiges an Kritik einstecken. Besonders skeptisch wurde Will Smith als Dschinni betrachtet, schließlich trat er in große Fußstapfen. Robin Williams hatte die Figur im Zeichentrickfilm mit so viel Energie, Tempo und Improvisationslust geprägt, dass ein direkter Vergleich für jede Neuinterpretation schwierig werden musste. Zum Glück versucht der Film gar nicht erst, diese Version einfach zu kopieren. Will Smith macht den Dschinni stärker zu seiner eigenen Figur und bringt mehr Hip-Hop-Energie, Coolness und körperliche Komik in die Rolle. Das funktioniert überraschend gut und sorgt für einige der charmantesten Momente des Films.
Auch die kleine Liebesgeschichte zwischen Dschinni und Jasmins Dienerin Dalia fügt sich besser ein, als man zunächst erwarten würde. Sie gibt der Figur eine neue Note, ohne die Geschichte unnötig aufzublähen. Überhaupt zeigt sich der Film immer dann von seiner besten Seite, wenn er die Vorlage respektiert, aber nicht sklavisch nachspielt. Die Grundstruktur bleibt vertraut, doch einzelne Figuren bekommen etwas mehr Raum, vor allem Jasmin.
Naomi Scott spielt Jasmin nicht nur als Prinzessin, die sich gegen eine arrangierte Ehe wehrt, sondern als junge Frau mit politischem Anspruch. Sie will nicht bloß frei lieben dürfen, sondern selbst Verantwortung für Agrabah übernehmen. Ihr Wunsch, die erste weibliche Sultanin des Königreichs zu werden, gibt der Figur mehr Gewicht und macht ihre Geschichte zeitgemäßer, ohne den Kern des Märchens zu zerstören. Jasmin ist dadurch nicht mehr nur Aladdins romantisches Ziel, sondern eine Figur mit eigenen Ambitionen, Überzeugungen und Konflikten.
Mena Massoud passt gut in die Rolle des Aladdin. Er bringt genug Charme, Leichtigkeit und Unsicherheit mit, um den jungen Straßendieb glaubwürdig zu machen. Besonders in den Szenen mit Abu und später mit Jasmin funktioniert seine Darstellung gut. Aladdin ist hier kein glatter Märchenheld, sondern ein Junge, der sich nach einem besseren Leben sehnt und sich dabei immer wieder in Lügen verstrickt. Gerade diese Unsicherheit macht ihn sympathisch.
Visuell ist Aladdin ein farbenfroher, bewusst überhöhter Märchenfilm geworden. Agrabah wirkt wie eine Mischung aus orientalischer Fantasie, Musicalbühne und klassischem Disney-Abenteuer. Die Kostüme, Märkte, Palasträume und Tanzszenen setzen stark auf Farben, Muster und Bewegung. Nicht alles wirkt dabei vollkommen organisch, manche Kulissen haben einen leicht künstlichen Studiogefühl, doch grundsätzlich passt diese Überzeichnung zum Stoff. Aladdin will keine realistische Historienwelt entwerfen, sondern ein Märchen zum Leben erwecken.
Humorvoll funktioniert der Film ebenfalls ordentlich. Will Smith sorgt als Dschinni mehrfach für Lacher, ohne die Geschichte völlig an sich zu reißen. Auch Dalia bekommt einige witzige Momente, die dem Film guttun. Schade ist dagegen, dass Iago deutlich weniger Persönlichkeit besitzt als im Zeichentrickfilm. Der Papagei wirkt hier eher wie ein nerviger Handlanger Dschafars und verliert viel von jener frechen, bissigen Energie, die ihn im Original so unterhaltsam machte.
Wer genau hinschaut, entdeckt im Film immer wieder kleine Verweise auf das Disney-Universum. Der fliegende Teppich baut in einer Szene im Hintergrund das berühmte Schloss von Cinderella nach, und auch das Original wird mit kleinen Anspielungen gewürdigt. Solche Momente sind nett, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Der Film weiß, dass viele Zuschauerinnen und Zuschauer mit dem Zeichentrickklassiker aufgewachsen sind, versucht aber gleichzeitig, auch ein junges Publikum mitzunehmen, das Aladdin vielleicht zum ersten Mal im Kino erlebt.
Ein zentraler Bestandteil bleiben natürlich die Songs. Hier schlägt sich die Neuverfilmung insgesamt gut. Bekannte Nummern wie Ein Traum wird wahr oder Prinz Ali funktionieren auch in der Realfilmversion, wenngleich die Energie des Originals nicht immer ganz erreicht wird. Die neuen Songs ergänzen Jasmins stärkere Rolle sinnvoll, besonders weil Naomi Scott gesanglich überzeugt. In der deutschen Synchronfassung funktionieren einige Gesangseinlagen sogar überraschend rund, weil Stimmen und Musik gut aufeinander abgestimmt sind.
Etwas gemischter fallen die Tanzeinlagen aus. Der große Einmarsch von Prinz Ali in Agrabah ist bunt, laut und beeindruckend inszeniert. Andere Choreografien wirken dagegen etwas bemüht und wollen sichtbar moderner und cooler erscheinen, als es dem Film immer guttut. Gerade hier merkt man, dass die Realverfilmung zwischen klassischem Disney-Musical und zeitgemäßer Pop-Ästhetik vermitteln möchte. Das gelingt nicht in jeder Szene gleich gut.
Trotz einzelner Schwächen ist Aladdin aber eine der besseren Disney-Realverfilmungen dieser Phase. Der Film verändert die Geschichte nur in Feinheiten, bewahrt aber die zentrale Botschaft. Es geht weiterhin darum, dass innere Werte mehr zählen als äußere Erscheinung, dass Macht korrumpieren kann und dass man nicht jemand anderes werden muss, um geliebt zu werden. Die Modernisierungen stehen dem Film meist gut, besonders bei Jasmin, und auch Will Smiths Dschinni funktioniert deutlich besser, als viele vorab befürchtet hatten.
Fazit
Nicht alles funktioniert perfekt. Manche Kulissen wirken künstlich, einige Tänze etwas bemüht, und Iago verliert im Vergleich zum Original deutlich an Charme. Dennoch hat Disney hier klug genug an den richtigen Stellen gedreht, um Aladdin frisch wirken zu lassen, ohne seinen Ursprung zu verleugnen. Ein Oscar-Kandidat ist das nicht, aber ein unterhaltsamer Familienfilm, der Fans des Originals respektiert und jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauern eine schöne neue Version dieser Geschichte bietet.











