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Kino-Kritik: The Purge – Die Säuberung

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Universal Pictures · Julia Jessenitschnig
Filmbild: The Purge – Die Säuberung

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Wir befinden uns in den USA des Jahres 2022. Für eine Nacht treten fast alle Gesetze außer Kraft, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste sind nicht erreichbar, und zwölf Stunden lang darf jeder tun, was sonst verboten ist. Rauben, zerstören, morden. Alles ist erlaubt. Genau diese dystopische Ausgangslage bildet den Kern von The Purge – Die Säuberung, einem Thriller, der weniger durch große Schauplätze als durch seine unangenehme Grundidee funktioniert.

Einmal im Jahr findet die sogenannte Säuberung statt. In dieser Nacht sollen die Bürgerinnen und Bürger all ihre Aggressionen ausleben dürfen, angeblich zum Wohl der Gesellschaft. Die Regierung verkauft das Konzept als Erfolg: Die Kriminalitätsrate sei im restlichen Jahr drastisch gesunken, auch wirtschaftlich gehe es dem Land besser. Doch hinter dieser offiziellen Erzählung steckt eine brutale soziale Realität. Wer reich genug ist, kann sich mit teuren Sicherheitssystemen verbarrikadieren. Wer arm ist, bleibt schutzlos zurück und wird zum leichten Opfer einer Gesellschaft, die ihre Gewaltbereitschaft moralisch und gesetzlich freigesprochen bekommt.

Der Film setzt am Vorabend der diesjährigen Säuberung ein. James Sandin hat vom neuen System profitiert. Er verkauft Sicherheitssysteme und lebt mit seiner Frau Mary sowie den beiden Kindern Zoey und Charlie in einem wohlhabenden Vorort. Für seine Familie scheint die Purge-Nacht eher ein unangenehmes Ritual als eine echte Bedrohung zu sein. Das Haus wird abgeriegelt, die Kameras laufen, die Türen sind gesichert. James ist überzeugt, dass seine Familie diese Nacht bequem und ungefährdet überstehen wird.

Doch diese Sicherheit erweist sich schnell als trügerisch. Zoeys Freund hat sich heimlich ins Haus geschlichen, weil er die Nacht nutzen will, um die Beziehung zu ihr auf sehr fragwürdige Weise mit James zu klären. Gleichzeitig beobachtet der junge Charlie über die Überwachungskameras einen verletzten Fremden, der draußen um Hilfe bittet. Gegen die klaren Anweisungen seines Vaters öffnet Charlie das Sicherheitssystem und lässt den Mann ins Haus. Damit kippt die Situation endgültig.

James will den Fremden zunächst wieder loswerden, doch dieser verschwindet im weitläufigen Haus. Kurz darauf steht eine maskierte Gruppe vor der Tür, angeführt von einem höflich lächelnden, erschreckend ruhigen jungen Mann. Sie fordert die Herausgabe ihres Opfers. Sollte die Familie sich weigern, werde man das Sicherheitssystem überwinden und alle im Haus töten. Aus der vermeintlich sicheren Festung wird eine Falle, und aus der Purge-Nacht wird ein moralisches Katz-und-Maus-Spiel.

Genau hier liegt die Stärke von The Purge. Der Film stellt seine Figuren vor eine einfache, aber unangenehme Frage: Wie viel ist ein fremdes Menschenleben wert, wenn die eigene Familie in Gefahr ist? James und Mary müssen entscheiden, ob sie den verletzten Mann opfern, um sich selbst zu retten, oder ob sie an moralischen Grundsätzen festhalten, obwohl diese sie das Leben kosten könnten. Diese Entscheidung gibt dem Thriller mehr Gewicht, als seine recht einfache Grundstruktur zunächst vermuten lässt.

Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco inszeniert das Geschehen fast vollständig im Haus der Sandins. Dadurch entsteht ein klaustrophobisches Gefühl, das gut zur Ausgangslage passt. Die Bedrohung kommt nicht aus einer fernen Fantasiewelt, sondern steht direkt vor der eigenen Haustür. Über Radio- und Fernsehmeldungen erhält man zugleich immer wieder einen Blick auf das größere Geschehen im Land. So bleibt spürbar, dass die Ereignisse im Haus nur ein kleiner Ausschnitt einer viel umfassenderen gesellschaftlichen Katastrophe sind.

Als Home-Invasion-Thriller funktioniert The Purge ordentlich. Die Spannung entsteht aus engen Räumen, dunklen Fluren, Überwachungskameras und dem Wissen, dass die Schutzmechanismen der Familie jederzeit versagen könnten. Besonders Rhys Wakefield hinterlässt als Anführer der maskierten Gruppe einen starken Eindruck. Sein höfliches Auftreten, das kalte Lächeln und die fast spielerische Grausamkeit machen ihn zur unheimlichsten Figur des Films. Gerade weil er nicht wie ein rasender Wahnsinniger wirkt, sondern wie jemand, der die Regeln dieser Welt vollkommen akzeptiert hat, bleibt er im Gedächtnis.

Ethan Hawke und Lena Headey tragen den Film solide. Hawke spielt James als Mann, der lange von einem System profitiert hat, dessen wahre Grausamkeit er erst begreift, als sie sein eigenes Haus erreicht. Headey bringt als Mary jene Mischung aus Angst, Wut und moralischer Erschütterung mit, die dem Film in seinen besseren Momenten zusätzliche Spannung verleiht. Die Kinderfiguren sind dagegen problematischer geschrieben. Gerade Charlies Entscheidung, den Fremden ins Haus zu lassen, ist zwar menschlich nachvollziehbar, wird aber dramaturgisch sehr offensichtlich als Auslöser der Handlung gesetzt.

Überhaupt leidet The Purge immer wieder unter unlogischem Verhalten. Manche Figuren treffen Entscheidungen, die weniger aus ihrer Persönlichkeit entstehen als aus der Notwendigkeit, die Handlung voranzutreiben. Auch viele Wendungen sind vorhersehbar, und nicht jede moralische Frage wird so tief ausgespielt, wie es die starke Grundidee verdient hätte. Der Film deutet eine scharfe Gesellschaftskritik an, bleibt dann aber oft beim klassischen Thrillermechanismus. Das Konzept ist stärker als die konkrete Ausführung.

Trotzdem bleibt The Purge interessant, weil die Prämisse so unangenehm effektiv ist. Die Vorstellung einer Gesellschaft, die Gewalt nicht nur duldet, sondern ritualisiert und als notwendiges Ventil verkauft, besitzt eine beklemmende Kraft. Der Film zeigt, wie dünn die zivilisatorische Oberfläche sein kann, wenn Angst, Klassenunterschiede und staatlich erlaubte Brutalität zusammenkommen. Auch wenn DeMonaco diese Idee nicht vollständig ausschöpft, bleibt genug davon übrig, um den Film von vielen gewöhnlichen Home-Invasion-Thrillern abzuheben.

Fazit

Julia Jessenitschnig
Julia Jessenitschnig
YouGame Redaktion
The Purge – Die Säuberung ist kein perfekter Thriller, aber einer mit einer starken und erschreckend wirkungsvollen Grundidee. Die Handlung ist stellenweise vorhersehbar, einige Figuren verhalten sich wenig glaubwürdig, und die gesellschaftskritischen Ansätze hätten deutlich schärfer ausgearbeitet werden können. Dennoch entwickelt der Film eine beklemmende Atmosphäre und stellt eine unangenehme moralische Frage, die länger nachwirkt als manche Schockszene.

Besonders Rhys Wakefield überzeugt als unheimlich höflicher Anführer der Angreifer, während Ethan Hawke und Lena Headey dem Familiendrama genug Gewicht geben. Wer einen etwas anderen Home-Invasion-Thriller sucht, bekommt hier solide Spannung, eine verstörende Zukunftsvision und ein Szenario, das man nach dem Abspann nicht sofort abschüttelt.

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