In den letzten Tagen gab es für Comic-Fans kaum ein anderes Thema als den lang erwarteten Kinostart von Avengers: Age of Ultron. Fast genau drei Jahre nach dem ersten großen Team-Abenteuer kehren Iron Man, Captain America, Thor, Hulk, Black Widow und Hawkeye zurück auf die Leinwand. Wieder steht die Welt am Abgrund, wieder müssen sehr unterschiedliche Heldinnen und Helden zusammenarbeiten, und wieder ist die Erwartungshaltung enorm. Wir haben uns angesehen, ob der zweite Avengers-Film dem Hype gerecht wird.
Der erste Avengers-Film lebte nicht nur von Loki und seinem Plan, die Erde mithilfe des Tesserakts zu unterwerfen. Mindestens genauso wichtig war die Dynamik innerhalb des Teams. Die Helden mussten einander erst kennenlernen, ihre Egos sortieren und begreifen, dass sie nur gemeinsam bestehen können. In Age of Ultron ist diese Phase vorbei. Die Avengers kennen einander, sie funktionieren als Einheit, und deshalb steigt der Film ohne große Vorrede direkt in die Action ein.
Zu Beginn befinden sich die Weltenretter in Sokovia, einem fiktiven osteuropäischen Land, wo sie eine Hydra-Basis angreifen. Dort wollen sie Lokis Zepter sicherstellen, das nach den Ereignissen der vorherigen Filme noch immer eine enorme Macht besitzt. Einfach wird diese Mission nicht, denn Hydra hat Unterstützung von den Zwillingen Pietro und Wanda Maximoff. Quicksilver ist blitzschnell, Scarlet Witch kann Gedanken manipulieren und Ängste sichtbar machen. Schon dieser Auftakt zeigt, dass Joss Whedon diesmal keine lange Anlaufzeit braucht. Der Film startet mit großem Tempo und macht sofort klar, dass die Avengers zwar eingespielt sind, aber längst nicht unverwundbar.
Nach dem erfolgreichen Einsatz kehrt das Team in den Avengers Tower nach New York zurück und feiert den Sieg. Gerade diese ruhigeren Momente gehören zu den Stärken des Films. Wenn Thor, Tony Stark, Steve Rogers, Bruce Banner, Natasha Romanoff und Clint Barton gemeinsam feiern, scherzen und einander herausfordern, entsteht jene Gruppendynamik, die das Marvel-Kino so erfolgreich gemacht hat. Der Film gibt seinen Figuren genug Raum, um nicht nur als Kampfmaschinen zu funktionieren. Man spürt Freundschaft, Rivalität, alte Spannungen und die Müdigkeit eines Teams, das ständig die Welt retten muss.
Doch die Erholung dauert nicht lange. Tony Stark kann nicht aufhören, an der nächsten großen Lösung zu arbeiten. Gemeinsam mit Bruce Banner nutzt er das im Zepter verborgene Potenzial, um eine künstliche Intelligenz zu erschaffen. Ultron soll die Erde schützen und den Avengers irgendwann ihre Arbeit abnehmen. Doch der Plan geht katastrophal schief. Ultron entwickelt ein eigenes Bewusstsein, sieht die Menschheit als größte Bedrohung für den Planeten und beschließt, Frieden durch Vernichtung zu schaffen. Aus Tonys Wunsch nach Sicherheit wird eine globale Gefahr.
Avengers: Age of Ultron ist damit ein Film über Kontrolle und ihre Grenzen. Tony Stark will die Welt retten, aber er tut es mit jener Hybris, die ihn immer wieder gefährlich macht. Steve Rogers misstraut genau solchen Abkürzungen. Bruce Banner erkennt zu spät, woran er mitgearbeitet hat. Und die anderen müssen die Folgen einer Entscheidung tragen, die aus Angst und Größenwahn entstanden ist. Der Film deutet diese Konflikte nicht immer so tief aus, wie es möglich gewesen wäre, aber er gibt dem Spektakel zumindest ein interessantes Fundament.
Action gibt es reichlich. Der Auftakt in Sokovia, die Verfolgungsjagd in Seoul, der Kampf zwischen Hulk und Hulkbuster sowie das große Finale bieten genau jene bombastischen Bilder, die man von einem Avengers-Film erwartet. Die Effekte sind stark, die Choreografien dynamisch, und Whedon versteht es weiterhin, viele Figuren gleichzeitig in Szene zu setzen, ohne völlig die Übersicht zu verlieren. Trotzdem lebt der Film nicht nur von seinen Kämpfen. Seine eigentliche Stärke liegt in den Momenten, in denen die Figuren kurz aus der Superheldenpose herausfallen.
Besonders Hawkeye profitiert diesmal davon. Clint Barton war im ersten Teil noch eher Nebenfigur, bekommt hier aber deutlich mehr Gewicht und Menschlichkeit. Auch Black Widow erhält mehr Raum, wobei ihre Geschichte mit Bruce Banner nicht in jeder Szene gleich überzeugend funktioniert. Wanda Maximoff wiederum bringt eine interessante neue Energie in das Team, weil sie die Avengers nicht nur körperlich angreift, sondern ihre tiefsten Ängste freilegt. Dadurch bekommt der Film eine psychologische Ebene, die ihn von reiner Effektunterhaltung abhebt.
Ultron selbst ist ein starker Gegenspieler, wenn auch kein durchgehend perfekter. Seine Idee, die Menschheit durch Zerstörung zu retten, passt gut zu Tonys Kontrollwunsch und macht ihn zu einer Art dunklem Spiegel seines Schöpfers. Gleichzeitig schwankt die Figur zwischen bedrohlicher Künstlicher Intelligenz und sarkastischem Marvel-Bösewicht. James Spader verleiht Ultron mit seiner Stimme viel Persönlichkeit, doch der Film nimmt sich nicht immer genug Zeit, um seine Ideologie wirklich greifbar zu machen. Als Bedrohung funktioniert er, als tragische Schöpfung hätte er noch stärker sein können.
Ein kleines Problem bleibt die Überfülle. Age of Ultron muss ein eigenes Abenteuer erzählen, neue Figuren einführen, alte Konflikte weiterentwickeln und gleichzeitig kommende MCU-Ereignisse vorbereiten. Das merkt man dem Film an. Manche Szenen wirken wie Ausblicke auf spätere Filme, manche Handlungsideen werden angerissen und dann wieder zur Seite geschoben. Wer nur den ersten Avengers-Film kennt, kann grundsätzlich folgen, doch etwas Vorwissen aus dem restlichen Marvel-Universum hilft deutlich. Der Film ist unterhaltsam, aber nicht ganz so elegant geschlossen wie sein Vorgänger.
Trotzdem macht Age of Ultron vieles richtig. Die Chemie des Ensembles funktioniert, der Humor sitzt meistens, die Action ist groß inszeniert, und unter dem Spektakel liegen echte Fragen nach Verantwortung, Angst und Zusammenhalt. Der Film ist nicht so frisch wie The Avengers, weil der Überraschungseffekt des ersten großen Team-Ups fehlt. Dafür wirkt das Team vertrauter, die Welt größer und die Bedrohung unmittelbarer mit den Fehlern der Helden verbunden.
Fazit
Der Film funktioniert am besten, wenn er seine Figuren miteinander spielen lässt, statt nur die nächste Zerstörung zu zeigen. Gerade Hawkeye, Black Widow und Scarlet Witch bekommen mehr Profil, während Iron Man, Captain America, Thor und Hulk weiterhin das große Spektakel tragen. Wer Marvel mag und den Vorgänger gesehen hat, bekommt hier genau das, was er erwarten darf: große Action, pointierten Humor, emotionale Reibung und Lust auf das nächste Kapitel.











