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Kino-Kritik: Annie

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Sony Pictures · YouGame Redaktion
Filmbild: Annie

Klassische Musikfilme sind im Kino seltener geworden, obwohl sie ihre ganz eigene Magie besitzen. Mit Annie kommt nun wieder ein Film auf die Leinwand, der an alte Musical-Tugenden anknüpfen möchte und zugleich versucht, den bekannten Stoff in die Gegenwart zu holen. Regisseur Will Gluck modernisiert das bereits mehrfach verfilmte Broadway-Musical deutlich und setzt auf ein buntes, zeitgemäßes New York, eingängige Songs und eine Hauptdarstellerin, die den Film mit viel Energie trägt. Nicht alles daran funktioniert perfekt, doch als familienfreundlicher Wohlfühlfilm hat Annie genug Charme, um zu unterhalten.

Mit der klassischen Ursprungsgeschichte hat diese Neuauflage nur noch das Grundgerüst gemeinsam. Schon die erste Szene macht deutlich, dass der Film den Übergang von der alten zur neuen Annie bewusst ausstellt. Die bekannte rothaarige Annie mit Steppschuhen und traditionellem Look wird kurz als augenzwinkernder Verweis auf die Vorlage eingeführt, bevor die neue Annie die Bühne übernimmt. Diese Version ist selbstbewusst, schlagfertig, warmherzig und alles andere als ein braves Waisenkind aus vergangenen Zeiten. Quvenzhané Wallis bringt vom ersten Moment an Leben in die Rolle und zeigt, warum sie bereits für Beasts of the Southern Wild eine Oscar-Nominierung erhielt. Sie besitzt eine natürliche Leinwandpräsenz, die viele Schwächen des Films auffängt.

Die Grundgeschichte bleibt vertraut. Annie ist ein Pflegekind und lebt mit anderen Mädchen bei der strengen und ziemlich überforderten Miss Hannigan. Sie träumt davon, ihre leiblichen Eltern zu finden, die sie als kleines Kind zurückgelassen haben. Außer einem Brief und einem Amulett ist ihr nichts geblieben. Jeden Freitag wartet sie vor dem Restaurant, das ihre Eltern angeblich mochten, in der Hoffnung, dass sie eines Tages doch wieder auftauchen.

Ihr Leben ändert sich, als der schwerreiche Unternehmer Will Stacks, der gerade für das Bürgermeisteramt kandidiert, Annie zufällig vor einem Unfall rettet. Die Begegnung wird gefilmt, verbreitet sich im Netz und bringt Stacks dringend benötigte Sympathiepunkte. Seine Berater erkennen sofort das politische Potenzial und überzeugen ihn, Annie für einige Zeit bei sich aufzunehmen. Was zunächst als kalkulierter PR-Schachzug beginnt, entwickelt sich langsam zu einer echten Verbindung. Annie bringt Bewegung in Stacks’ steriles Leben und zwingt ihn, über mehr nachzudenken als Umfragewerte, Termine und seine perfekt kontrollierte Außenwirkung.

Dass das Ende vorhersehbar ist, liegt in der Natur des Stoffes. Annie lebt nicht von großen Überraschungen, sondern von der Entwicklung zwischen seinen Figuren. Besonders die Chemie zwischen Quvenzhané Wallis und Jamie Foxx funktioniert gut. Wallis spielt Annie mit einer Mischung aus Frechheit, Sehnsucht und Optimismus, während Foxx als Will Stacks einen Mann zeigt, der sich hinter Kontrolle und geschäftlichem Erfolg verschanzt hat. Ihre gemeinsamen Szenen geben dem Film ein warmes Zentrum, auch wenn die emotionale Entwicklung manchmal etwas glatt verläuft.

Cameron Diaz spielt Miss Hannigan bewusst laut, überdreht und auf Kante. Das passt zum Ton des Films, wirkt aber nicht in jeder Szene gleich treffsicher. Manchmal ist ihre Darstellung witzig, manchmal etwas zu schrill. Dennoch bringt sie Energie in die Geschichte und sorgt dafür, dass die Pflegewohnung nicht bloß als trauriger Ort erscheint, sondern auch als chaotische Bühne für Slapstick und Musicalmomente. Auch der übrige Cast fügt sich gut ein, wobei besonders Annies Hund, ein liebenswerter Shiba Inu, schnell Sympathien sammelt.

Die größte Stärke und zugleich eine der Schwächen des Films sind die Songs. Natürlich darf Hard Knock Life nicht fehlen, das viele vermutlich auch durch die Version von Jay-Z kennen. Die Neuinterpretation funktioniert gut und passt zur modernen Ausrichtung des Films. Auch die weiteren Lieder sind eingängig und geben Annie ihren beschwingten Ton. In der deutschen Fassung wurden die Songs übersetzt und neu eingesungen, wobei die junge Schweizer Sängerin Chelsea Fontenel Annies Gesangsstimme übernimmt. Das ist sauber gemacht und dürfte gerade für ein jüngeres Publikum gut funktionieren.

Weniger überzeugend ist stellenweise die Inszenierung der Musicalnummern. Der Film hätte mutiger sein können. Gerade am Anfang entsteht kurz der Eindruck, als wolle Annie den Alltag komplett in Musik und Bewegung auflösen, doch viele spätere Gesangsszenen bleiben stärker im klassischen Filmrahmen gefangen. Statt die Stadt, die Umgebung und die Figuren stärker in die Choreografien einzubeziehen, wirkt manches etwas zurückhaltend. Hier hätte der Film die Chance gehabt, sich mehr von gewöhnlicher Familienunterhaltung abzuheben und echtes Musicalgefühl zu erzeugen.

Dafür funktioniert die Modernisierung insgesamt besser, als man zunächst erwarten könnte. Die Geschichte ist weniger düster als frühere Fassungen, stärker auf Lebensfreude, Optimismus und Pop-Energie ausgerichtet. Social Media, Wahlkampf, Imagepflege und Prominenz werden in die Handlung eingebunden, ohne den Kern komplett zu überdecken. Annie bleibt eine Geschichte über Hoffnung, Zugehörigkeit und die Frage, was Familie eigentlich bedeutet. Der Film verlegt diese Themen nur in eine Gegenwart, in der öffentliche Wahrnehmung und echte Nähe ständig miteinander konkurrieren.

Nicht alles ist elegant gelöst. Einige Konflikte werden sehr schnell geglättet, manche Nebenfiguren bleiben flach, und der Film vertraut gelegentlich zu sehr darauf, dass gute Laune schon ausreicht. Doch gerade als Familienfilm funktioniert Annie über weite Strecken. Er ist bunt, freundlich, musikalisch und zugänglich. Wer eine besonders tiefgehende Neuinterpretation des Musicals erwartet, wird eher enttäuscht sein. Wer einen charmanten Film mit Happy End, viel Musik und einer starken jungen Hauptdarstellerin sucht, bekommt solide Unterhaltung.

Fazit

YouGame Redaktion
YouGame Redaktion
Annie ist keine perfekte Neuverfilmung, aber ein sympathischer Musikfilm mit viel Herz und einer gelungen modernisierten Grundidee. Die Geschichte wurde sichtbar in die Gegenwart geholt, ohne den Kern des Stoffes aufzugeben. Besonders Quvenzhané Wallis trägt den Film mit Charme, Energie und natürlicher Präsenz, während Jamie Foxx als emotional verschlossener Will Stacks einen passenden Gegenpol bildet.

Schwächen gibt es vor allem bei der Inszenierung der Musicalnummern und bei einigen zu glatt erzählten Konflikten. Dennoch hinterlässt Annie ein warmes Gefühl. Der Film ist bunt, freundlich, modern und gerade für Familien gut geeignet. Kein Musical-Meilenstein, aber ein unterhaltsamer Wohlfühlfilm, der sein Publikum mit einem Lächeln aus dem Kino entlässt.

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