Baymax? Big Hero 6? Vor dem Kinostart dürften viele mit diesen Namen noch wenig anfangen können, obwohl die Vorlage aus dem Marvel-Kosmos stammt. Disney hat sich des eher unbekannten Stoffes angenommen und daraus keinen klassischen Superheldenfilm gemacht, sondern ein modernes Animationsabenteuer über Verlust, Freundschaft, Verantwortung und einen Roboter, den man nach wenigen Minuten am liebsten selbst umarmen würde.
Die Geschichte folgt Hiro Hamada, einem hochbegabten Jungen, der mit seinem Talent zunächst wenig Sinnvolles anzufangen weiß. Statt seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln, vertreibt er sich die Zeit mit illegalen Roboterkämpfen und riskiert dabei regelmäßig Ärger mit der Polizei. Sein älterer Bruder Tadashi ist ebenfalls außergewöhnlich begabt, geht aber deutlich verantwortungsvoller mit seinem Können um. Er studiert an einer renommierten Universität bei Professor Callaghan und versucht, Hiro ebenfalls für diesen Weg zu begeistern.
Nach einer Führung durch Tadashis Labor lernt Hiro dessen Freundeskreis kennen und bekommt erstmals einen Eindruck davon, was er mit seinem Talent erreichen könnte. Um an der Universität aufgenommen zu werden, muss er allerdings etwas Besonderes präsentieren. Hiro entwickelt daraufhin sogenannte Microbots, winzige Roboter, die sich per Gedankensteuerung kontrollieren lassen und nahezu jede erdenkliche Form annehmen können. Seine Erfindung sorgt für Begeisterung, doch noch am selben Abend kommt es zu einer Katastrophe. Bei einem Feuer im Universitätsgebäude sterben Professor Callaghan und Tadashi.
Hiro wird zwar an der Universität angenommen, doch der Verlust seines Bruders reißt ihn aus seinem bisherigen Leben. Er zieht sich zurück, will niemanden sehen und verliert jedes Interesse an der Außenwelt. In dieser Phase aktiviert er zufällig Tadashis letzte Erfindung. Baymax ist ein persönlicher Gesundheitsassistent, ein sanfter, aufblasbarer Roboter, der darauf programmiert ist, Schmerzen zu erkennen und zu lindern. Was zunächst wie eine absurde Begegnung wirkt, wird schnell zum emotionalen Zentrum des Films.
Baymax folgt Hiro auf Schritt und Tritt, weil er dessen seelische Verletzung erkennt und helfen möchte. Gerade diese einfache Programmierung macht ihn so liebenswert. Er versteht vieles wörtlich, bewegt sich tollpatschig durch die Welt und sorgt mit seiner weichen, unbeholfenen Art immer wieder für Lacher. Gleichzeitig ist er nie bloß eine Witzfigur. Baymax verkörpert Tadashis Fürsorge und wird für Hiro zu einer Brücke zurück ins Leben.
Als Hiro entdeckt, dass seine Microbots offenbar in großer Zahl weiterproduziert werden, beginnt er am vermeintlichen Unfall zu zweifeln. Bald stößt er auf eine geheimnisvolle Gestalt mit Kabuki-Maske, die seine Erfindung kontrolliert und offensichtlich mehr über die Katastrophe weiß, als zunächst bekannt war. Aus Trauer wird Wut, aus Wut ein Racheplan. Hiro rüstet Baymax zu einer Kampfmaschine um und holt Tadashis Freunde an seine Seite. Gemeinsam werden sie zu Big Hero 6 und stellen sich dem maskierten Gegner.
Die Geschichte ist im Kern recht einfach und in manchen Wendungen vorhersehbar. Große Überraschungen sollte man nicht erwarten. Baymax – Riesiges Robowabohu lebt weniger von einer komplizierten Handlung als von seiner emotionalen Grundidee und der liebevollen Figurenzeichnung. Der Film erzählt davon, wie Trauer Menschen verändern kann und wie gefährlich es ist, Schmerz in blinde Rache zu verwandeln. Für einen Familienfilm ist das durchaus ernst, wird aber nie zu schwer erzählt.
Der klare Star des Films ist Baymax. Der aufblasbare Roboter gehört zu den charmantesten Disney-Figuren der letzten Jahre. Seine Form, seine Stimme, seine langsamen Bewegungen und seine unbeirrbare Hilfsbereitschaft machen ihn sofort sympathisch. Viele der besten Gags entstehen daraus, dass Baymax für dramatische Superheldenmomente schlicht zu rund, zu weich und zu höflich ist. Gerade dieser Kontrast zwischen knuddeligem Gesundheitsroboter und späterem Kampfanzug funktioniert hervorragend.
Hiro ist als Hauptfigur ebenfalls gelungen. Er ist klug, wütend, verletzlich und manchmal egoistisch, ohne unsympathisch zu werden. Sein Wunsch nach Gerechtigkeit ist nachvollziehbar, doch der Film zeigt klar, dass Rache keine Heilung bringt. Besonders schön ist, dass Baymax nicht einfach zum Werkzeug für Hiros Wut wird, sondern immer wieder daran erinnert, wofür Tadashi ihn eigentlich gebaut hat. Nicht zum Kämpfen, sondern zum Helfen.
Die übrigen Mitglieder von Big Hero 6 kommen dagegen etwas kürzer. GoGo, Wasabi, Honey Lemon und Fred bringen zwar unterschiedliche Fähigkeiten und Persönlichkeiten mit, erhalten aber nicht alle genug Raum, um wirklich aus dem Schatten von Hiro und Baymax herauszutreten. Sie funktionieren als Team und sorgen für Tempo, Humor und Superheldenenergie, bleiben aber eher Nebenfiguren. Hier merkt man, dass der Film viele Figuren einführt und gleichzeitig eine sehr persönliche Geschichte erzählen möchte.
Optisch ist Baymax – Riesiges Robowabohu sehr stark. Die futuristische Stadt San Fransokyo, eine Mischung aus San Francisco und Tokio, ist eine wunderbare Kulisse voller Farben, Details und visueller Ideen. Der Film verbindet Disney-Wärme mit Superhelden-Ästhetik und wirkt dadurch moderner als viele klassische Studioabenteuer. Besonders die Flugszenen über der Stadt gehören zu den schönsten Momenten, weil sie Hiros Begeisterung, Baymax’ Unbeholfenheit und das Gefühl von Freiheit perfekt zusammenbringen.
Auch tonal findet der Film eine gute Balance. Es gibt Slapstick, schnelle Action, kindgerechten Humor und viele niedliche Momente, aber darunter liegt eine ernstere Geschichte über Verlust und Verantwortung. Gerade diese Mischung erinnert weniger an den ganz klassischen Disney-Märchenfilm und stellenweise eher an Pixar. Baymax ist bunt, witzig und zugänglich, traut sich aber auch dunklere Momente zu, ohne das junge Publikum zu überfordern.
Fazit
Vor allem Baymax selbst macht den Film besonders. Er ist lustig, rührend und sofort sympathisch, ohne je zu aufdringlich niedlich zu wirken. Die Nebenfiguren hätten etwas mehr Raum verdient, doch die Botschaft sitzt. Mit Herz, Verstand und Zusammenhalt kommt man weiter als mit bloßer Gewalt. Ein moderner, warmherziger und sehr unterhaltsamer Familienfilm, den man sich nicht entgehen lassen sollte.











