Wenn man über prägende Regisseure aus Deutschland spricht, fällt der Name Fatih Akin fast zwangsläufig. Der Hamburger Filmemacher hat sich längst einen eigenen Platz im europäischen Kino erarbeitet und legt mit Soul Kitchen nun eine Komödie vor, die spürbar leichter daherkommt als manche seiner früheren Arbeiten. Für den Film erhielt Akin den Spezialpreis der Jury in Venedig. Grund genug, sich diese warmherzige, chaotische und sehr hamburgische Geschichte genauer anzusehen.
Im Mittelpunkt steht Zinos Kazantsakis, ein griechischstämmiger Gastronom, der im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg das Restaurant Soul Kitchen betreibt. Viel Glanz besitzt dieser Ort zu Beginn allerdings nicht. Das Lokal liegt neben überwucherten Gleisen, die Küche ist heruntergekommen, das Essen kommt eher aus der Tiefkühltruhe als aus echter Leidenschaft, und abgesehen von ein paar treuen Stammgästen verirrt sich kaum jemand dorthin. Zinos hält den Laden irgendwie am Laufen, doch von einem erfolgreichen Restaurant ist er weit entfernt.
Auch privat läuft es nicht besser. Seine Freundin Nadine zieht aus beruflichen Gründen nach Shanghai, während sein Bruder Illias aus dem Gefängnis heraus versucht, sich mit einem angeblichen Job Freigang zu verschaffen. Arbeiten will er natürlich nicht wirklich. Illias ist ein notorischer Spieler, charmant, unzuverlässig und genau jene Art von Familienmitglied, die man liebt und gleichzeitig am liebsten auf Abstand halten würde. Für Zinos bedeutet das noch mehr Chaos in einem Leben, das ohnehin schon aus allen Fugen gerät.
Die Rettung soll ausgerechnet der exzentrische Koch Shayn bringen. Er versteht etwas von gutem Essen, hat aber wenig Geduld mit Gästen, die lieber Schnitzel, Fischstäbchen und vertraute Hausmannskost wollen. Statt das Lokal sofort zu retten, vertreibt er zunächst die letzten Stammkunden. Als Zinos dann auch noch einen Bandscheibenvorfall bekommt, das Finanzamt Geld sehen will und Nadine von ihm erwartet, ihr nach China zu folgen, scheint endgültig alles gegen ihn zu laufen.
Doch Soul Kitchen ist eine Komödie, die ihre Figuren zwar leiden lässt, sie aber nie fallen lässt. Als im Lokal mehr Musik, mehr Leben und bessere Küche Einzug halten, verändert sich die Stimmung. Plötzlich zieht das Soul Kitchen ein neues Publikum an. Menschen kommen wegen der Atmosphäre, wegen der Musik, wegen des Essens und wegen jenes besonderen Gefühls, das entsteht, wenn ein Ort mehr wird als nur ein Restaurant. Für Zinos scheint sich endlich etwas zum Guten zu wenden, auch wenn natürlich schon die nächsten Katastrophen vor der Tür stehen.
Fatih Akin erzählt diese Geschichte mit viel Wärme und sichtbarer Liebe zu Hamburg. Die Stadt ist hier nicht bloß Kulisse, sondern Teil der Stimmung. Speicherstadt, Elbe, Industrieflächen, heruntergekommene Ecken und lebendige Straßen ergeben ein Bild, das weniger touristisch als atmosphärisch wirkt. Besonders Wilhelmsburg bekommt durch den Film eine eigene Energie. Soul Kitchen zeigt eine Stadt im Wandel, rau, laut, multikulturell und voller kleiner Brüche.
Die große Stärke des Films liegt in seinem Ensemble. Adam Bousdoukos spielt Zinos als sympathischen Pechvogel, der immer wieder aufsteht, obwohl ihm das Leben ständig neue Hindernisse vor die Füße wirft. Moritz Bleibtreu bringt als Illias genau die richtige Mischung aus Frechheit, Charme und Unzuverlässigkeit mit. Birol Ünel sorgt als Shayn für viele der besten Momente, weil seine Figur zwischen Kochkunst, Wutausbruch und völliger Eigenwilligkeit pendelt. Gemeinsam mit dem restlichen Cast entsteht ein lebendiges Figurenpanorama, das den Film auch dann trägt, wenn die Handlung eher episodisch bleibt.
Soul Kitchen lebt weniger von einer strengen Dramaturgie als von Situationen, Dialogen und Stimmung. Immer wieder rutscht Zinos von einer Krise in die nächste, und der Film findet darin viel Komik, ohne seine Hauptfigur bloßzustellen. Man lacht über das Chaos, fühlt aber gleichzeitig mit diesem Mann, der eigentlich nur sein Lokal, seine Beziehung, seine Familie und seinen Rücken irgendwie retten möchte. Gerade diese Mischung aus Überforderung und Lebensfreude macht den Film so sympathisch.
Dabei ist Soul Kitchen bewusst leichte Kost, aber nicht belanglos. Akin erzählt von Freundschaft, Familie, Heimat, Veränderung und der Frage, was ein Ort für Menschen bedeuten kann. Das Restaurant wird zum Treffpunkt für Außenseiter, Freunde, Glücksritter und Menschen, die für einen Abend dem Alltag entkommen wollen. Dass dabei viel Musik im Spiel ist, passt perfekt. Der Soundtrack gibt dem Film Rhythmus, Wärme und eine Seele, die dem Titel gerecht wird.
Ganz frei von Schwächen ist der Film nicht. Manche Wendung ist recht grob gebaut, einige Figuren bleiben eher skizzenhaft, und nicht jeder Gag sitzt gleich gut. Doch Soul Kitchen macht diese Unebenheiten mit Tempo, Charme und Spielfreude wett. Der Film will kein schweres Sozialdrama sein, sondern eine Komödie, die aus dem Durcheinander des Lebens Energie zieht.
Fazit
Getragen von einem starken Ensemble, vielen gelungenen Dialogen und einem großartigen Soundtrack ist Soul Kitchen einer jener Filme, die weniger durch perfekte Handlung als durch Atmosphäre überzeugen. Nicht jede Szene sitzt, aber das Gesamtgefühl stimmt. Wer charmantes deutsches Kino mit Witz, Musik und Herz sucht, sollte diesen Film nicht verpassen.











