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Kino-Kritik: Snowpiercer

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Thimfilm · YouGame Redaktion
Filmbild: Snowpiercer

Obwohl Snowpiercer auf dem französischen Comic Schneekreuzer basiert, war der Film in Österreich lange eher ein Geheimtipp. Die Ausgangslage klingt zunächst absurd und faszinierend zugleich. Die Erde ist nach einem gescheiterten Versuch, die Erderwärmung zu stoppen, in eine neue Eiszeit gestürzt. Die letzten Überlebenden der Menschheit befinden sich in einem gigantischen Zug, der ohne Halt um die Welt fährt. Was auf dem Papier wie eine schräge Science-Fiction-Idee wirkt, entwickelt sich auf der Leinwand zu einem düsteren, wuchtigen und überraschend klugen Genrefilm.

Die Katastrophe beginnt mit einem Rettungsversuch. Um den Klimawandel aufzuhalten, wird der Stoff CW-7 in die Atmosphäre eingebracht. Doch das vermeintliche Wundermittel wirkt viel stärker als geplant. Die Temperaturen fallen drastisch, die Erde friert zu, und fast die gesamte Menschheit wird ausgelöscht. In dieser lebensfeindlichen Welt, in der Menschen außerhalb des Zuges nach wenigen Minuten erfrieren würden, fährt der Snowpiercer weiter. Er ist Zuflucht und Gefängnis zugleich, ein geschlossenes System auf Schienen, in dem die Menschheit überlebt, aber keineswegs gleichberechtigt.

Erschaffen wurde dieser Zug vom reichen Industriellen Wilford, der an der Spitze des Zuges sitzt und über das gesamte System herrscht. Die Privilegierten leben in den vorderen Waggons in Luxus, Sicherheit und Überfluss. Im hinteren Teil des Zuges dagegen kämpfen die Ärmsten täglich ums Überleben. Dort gibt es keine Fenster, kaum Platz, keine Freiheit und als Nahrung nur widerliche Proteinriegel. Die Menschen im Heck sind der Willkür der Mächtigen ausgeliefert und haben längst verstanden, dass sie für das System nur so lange zählen, wie sie nützlich bleiben.

Aus dieser Unterdrückung heraus formiert sich Widerstand. Curtis, einer der Bewohner des hintersten Zugteils, wird zur zentralen Figur eines Aufstands. Gemeinsam mit dem alten Gilliam und einer Gruppe Entschlossener plant er, sich von Waggon zu Waggon nach vorne zu kämpfen. Das Ziel ist klar. Sie wollen Wilford erreichen, die Ordnung des Zuges stürzen und die brutale Klassengesellschaft aufbrechen. Was als verzweifelter Aufstand beginnt, wird zu einer Reise durch den gesamten Mikrokosmos des Snowpiercers.

Hilfe erhalten die Rebellen von Namgoong Minsoo, einem geheimnisvollen koreanischen Techniker, der einst die Sicherheitssysteme der Türen entwickelt hat. Begeistert ist er von der Revolution allerdings nicht. Er hilft nur unter der Bedingung, dass seine Tochter Yona mitkommen darf und er für jede geöffnete Tür die Droge Kronol erhält. Schon diese Figur zeigt, dass Snowpiercer nicht einfach eine klare Heldengeschichte erzählen will. Fast alle Menschen in diesem Zug sind beschädigt, getrieben oder kompromittiert. Es geht nicht nur um Gut gegen Böse, sondern um Überleben in einem System, das alle verformt.

Regisseur Bong Joon-ho erzählt mit Snowpiercer eine Revolution im engen Raum eines Zuges. Jeder Waggon ist eine eigene Welt, jeder Abschnitt des Zuges ein neues Kapitel dieser Gesellschaft. Aus den dreckigen, überfüllten Endwaggons führt der Weg über technische Bereiche, Wasseraufbereitung, Klassenzimmer, Gewächshäuser, Sushi-Bar, Sauna und Aquarium bis in jene luxuriösen Räume, in denen die Elite ihre eigene Realität lebt. Diese Struktur macht den Film enorm reizvoll, weil man als Zuschauer nie genau weiß, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt.

Dabei wechselt Bong Joon-ho geschickt zwischen brutaler Action, grotesker Satire und ruhigen, fast surrealen Momenten. Manchmal wirkt Snowpiercer wie ein harter Endzeitthriller, dann wieder wie eine bitterböse Gesellschaftsparabel, dann wie ein Albtraum aus Stahl, Schnee und Klassenkampf. Gerade diese Mischung macht den Film so besonders. Er ist nicht glatt, nicht bequem und auch nicht immer subtil, aber konsequent eigenwillig.

Die zentrale Stärke des Films liegt in seiner Gesellschaftskritik. Snowpiercer zeigt eine Welt, in der soziale Ungleichheit nicht nur existiert, sondern räumlich organisiert ist. Je weiter vorne man im Zug lebt, desto besser ist das Leben. Hinten herrschen Hunger, Gewalt und Entmenschlichung. Vorne gibt es gutes Essen, Bildung, Kunst und Dekadenz. Der Zug wird damit zum Modell einer Gesellschaft, die nur funktioniert, weil ein Teil der Menschen dauerhaft ausgebeutet wird.

Gleichzeitig stellt der Film eine unangenehme Frage. Was passiert, wenn ein ungerechtes System nicht einfach durch einen besseren Willen verändert werden kann, sondern tief in seiner gesamten Struktur verankert ist? Curtis und seine Mitstreiter wollen nach vorne, doch mit jedem Waggon wird klarer, dass Revolution nicht nur Mut und Wut braucht, sondern auch Opfer fordert. Snowpiercer zeigt Gewalt nicht als einfache Befreiung, sondern als Teil eines Kreislaufs, der schwerer zu durchbrechen ist, als es zunächst scheint.

Optisch ist der Film faszinierend, auch wenn nicht alles makellos funktioniert. Die Innenräume des Zuges sind stark gestaltet, voller Kontraste und immer wieder überraschend. Besonders der Wechsel von den düsteren Endwaggons zu den absurden Luxusbereichen erzeugt eine starke Wirkung. Die Außenwelt dagegen wirkt in manchen Momenten deutlich künstlicher. Einige computeranimierte Eislandschaften haben einen leicht trashigen Eindruck und reichen nicht an die stärksten Bilder im Inneren des Zuges heran. Dennoch passt auch diese Überzeichnung irgendwie zum Stil des Films, der ohnehin nie rein realistisch sein will.

Die Darsteller tragen viel zur Wucht des Films bei. Chris Evans spielt Curtis als erschöpften, innerlich zerrissenen Anführer, weit entfernt von seiner sauberen Captain-America-Heldenfigur. Song Kang-ho bringt als Namgoong Minsoo eine müde, unberechenbare Energie in die Geschichte, während Go Ah-sung als Yona dem Film etwas Rätselhaftes gibt. Tilda Swinton stiehlt als groteske Funktionärin Mason fast jede Szene, weil sie die Grausamkeit des Systems mit einer Mischung aus Absurdität, Bürokratie und Fanatismus verkörpert.

Snowpiercer ist kein Film für alle. Manche Szenen sind bewusst überzeichnet, einige Ideen wirken grotesk, und die Mischung aus Action, Sozialkritik und schwarzem Humor kann irritieren. Doch gerade diese Unbequemlichkeit macht den Film interessant. Bong Joon-ho vertraut seinem Publikum genug zu, um keine einfache Erklärung zu liefern. Er zeigt eine Welt, die gleichzeitig absurd und erschreckend plausibel wirkt. Eine Welt, in der die Menschheit überlebt hat, aber vielleicht zu einem Preis, der sie innerlich längst zerstört hat.

Fazit

YouGame Redaktion
YouGame Redaktion
Snowpiercer hatte es auf dem Weg in die europäischen Kinos nicht leicht. Umso erfreulicher ist, dass der Film in seiner vollständigen Form zu sehen ist, denn jede Minute trägt zu dieser seltsamen, düsteren und faszinierenden Welt bei. Bong Joon-ho liefert keinen gewöhnlichen Science-Fiction-Thriller, sondern eine wuchtige Parabel über Klassenkampf, Kontrolle und die Frage, wie viel Menschlichkeit in einem unmenschlichen System noch übrig bleibt.

Nicht jede Szene ist perfekt, und manche Effekte wirken sichtbar künstlich. Doch Snowpiercer besitzt eine Eigenständigkeit, die im Kino selten geworden ist. Der Film ist brutal, grotesk, überraschend tiefgründig und deutlich interessanter als vieles, was sonst als Genreware im Kino landet. Wer ungewöhnliche Science-Fiction mag und sich auf eine düstere Reise durch einen Zug als Modell der Welt einlassen kann, sollte Snowpiercer unbedingt sehen.

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