In den letzten Jahren haben immer mehr Schauspieler den Schritt hinter die Kamera gewagt, um eigene Stoffe und persönliche Leidenschaften auf die Leinwand zu bringen. Auch Keanu Reeves versucht sich mit Man of Tai Chi erstmals als Regisseur. Dass er bekennender Kung-Fu-Fan ist, merkt man dem Film deutlich an. Sein Debüt setzt zwar klar auf Martial-Arts-Action, interessiert sich aber nicht nur für schnelle Fäuste und harte Treffer, sondern auch für die Frage, was ein Kampfstil mit innerer Haltung, Disziplin und Selbstkontrolle zu tun hat.
Die Handlung konzentriert sich auf Tiger Chen, ein junger Mann, der ein einfaches Leben führt und sein Geld als Paketfahrer verdient. Obwohl er sich bemüht, wird er von seinem Vorgesetzten regelmäßig zur Schnecke gemacht. Seine eigentliche Leidenschaft gilt dem Tai Chi. In seiner Freizeit trainiert er bei seinem Meister und nimmt an kleineren Kämpfen teil, bei denen er mit seinem Stil zunächst belächelt wird. Tai Chi gilt vielen eher als langsame Bewegungslehre oder Showkampf denn als ernsthafte Kampfkunst. Tiger beweist jedoch immer wieder, dass man ihn und seinen Stil deutlich unterschätzt.
Genau dadurch erregt er die Aufmerksamkeit von Donaka Mark, einem reichen Geschäftsmann, der im Hintergrund illegale Kämpfe organisiert. Donaka sucht einen neuen Kämpfer und sieht in Tiger nicht nur Talent, sondern auch formbares Material. Zunächst lehnt Tiger sein Angebot ab. Er will nicht für Geld kämpfen und hält an den Werten seines Meisters fest. Doch als das Kloster seines Lehrers, eine 600 Jahre alte Tai-Chi-Stätte, wegen Baufälligkeit abgerissen werden soll, gerät Tiger unter Druck. Er braucht dringend Geld und lässt sich schließlich doch auf Donakas Angebot ein.
Was zunächst wie eine pragmatische Entscheidung aus der Not heraus wirkt, entwickelt sich langsam zu einem gefährlichen Abstieg. Tiger merkt, wie viel ihm das Geld ermöglichen kann, wie sich sein Leben verändert und wie verführerisch der Erfolg wird. Gleichzeitig verliert er Stück für Stück den Kontakt zu dem, was Tai Chi für ihn eigentlich bedeutet. Die Kämpfe werden härter, die Gegner brutaler, und bald wird deutlich, dass Donaka weit mehr inszeniert als bloße Underground-Duelle. Rund um die Kämpfe entsteht eine Art zynische Reality-Show für reiche Zuschauer, die dabei beobachten wollen, wie aus einem disziplinierten Kämpfer langsam ein Werkzeug der Gewalt wird.
Parallel dazu ist die Polizei Donaka bereits auf der Spur, kommt aber nur schwer an ihn heran. Es fehlt ein Zeuge, der seine Machenschaften von innen heraus bestätigen kann. Tiger steckt damit immer tiefer zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite steht die Lehre seines Meisters, die auf Kontrolle, Ruhe und innerem Gleichgewicht beruht. Auf der anderen Seite locken Geld, Anerkennung und die unmittelbare Macht, die ihm seine Kampffähigkeiten verleihen. Genau aus diesem Konflikt zieht Man of Tai Chi seine stärksten Momente.
Martial-Arts-Filme sind nicht unbedingt dafür bekannt, besonders komplexe Geschichten zu erzählen. Oft dient die Handlung vor allem dazu, die Kämpfe miteinander zu verbinden. Man of Tai Chi bleibt ebenfalls recht geradlinig, schafft es aber, seine einfache Geschichte solide zu erzählen. Man weiß früh, wer auf welcher Seite steht, und große Überraschungen sollte man nicht erwarten. Trotzdem funktioniert der Film, weil Tigers innerer Konflikt nachvollziehbar bleibt. Er ist kein klassischer Held, der von Beginn an moralisch unerschütterlich ist, sondern ein junger Mann, der die eigene Grenze erst erkennen muss, als er sie bereits überschritten hat.
Tiger Chen überzeugt in der Hauptrolle. Er besitzt keine klassische Star-Aura, wirkt dadurch aber frisch und glaubwürdig. Gerade in den Kampfszenen zeigt er eine enorme Präzision und Körperbeherrschung. Keanu Reeves wiederum hat sich selbst die Rolle des Bösewichts gegeben. Das wirkt anfangs ungewohnt, weil man ihn sonst häufig als stillen, positiven Helden kennt. Als Donaka Mark spielt er sehr reduziert, kühl und kontrolliert. Diese fast regungslose Bedrohlichkeit passt zur Figur, auch wenn seine Darstellung stellenweise etwas steif wirkt. Donaka ist weniger ein vielschichtiger Charakter als eine dunkle Versuchung, die Tiger immer weiter in Richtung Gewalt zieht.
Als Regisseur macht Reeves vieles richtig. Besonders die Kampfszenen sind klar inszeniert und angenehm nachvollziehbar. Die Kamera bleibt so ruhig, dass man die Bewegungen, Treffer und Choreografien tatsächlich erkennen kann. Das ist im modernen Actionkino keine Selbstverständlichkeit. Statt hektischem Schnittgewitter setzt Man of Tai Chi auf Körper, Technik und Rhythmus. Gerade für Fans unterschiedlicher Kampfstile ist es reizvoll zu sehen, wie der Film Tai Chi nicht nur als dekorative Bewegung, sondern als ernstzunehmenden Kampfansatz zeigt.
Positiv fällt auch auf, dass der Film die Kämpfe nicht völlig losgelöst von der Figur erzählt. Immer wieder geht es darum, wie Tiger seine innere Ruhe verliert, wie Wut in seine Bewegungen dringt und wie sehr er sich von den Prinzipien seines Meisters entfernt. Dadurch bekommen die Duelle mehr Bedeutung als bloße Schauwerte. Der Film versucht, die Philosophie hinter dem Kampfstil zumindest anzureißen und deutlich zu machen, warum Kontrolle wichtiger ist als rohe Kraft.
Natürlich bleibt Man of Tai Chi erzählerisch eher schlicht. Die Dialoge sind funktional, einige Nebenfiguren bleiben blass, und die moralische Entwicklung verläuft ziemlich vorhersehbar. Auch der Polizeistrang wirkt mehr wie ein notwendiger Rahmen als wie ein wirklich spannender Thrillerteil. Trotzdem trägt der Film über seine Laufzeit, weil die Action überzeugt und Tiger Chen als Hauptfigur sympathisch genug ist, um sein Ringen zwischen Disziplin und Versuchung ernst zu nehmen.
Gerade als Regiedebüt ist Man of Tai Chi daher ein ordentlicher Einstand. Reeves zeigt Respekt vor dem Genre und vor der Kampfkunst, ohne den Film mit unnötiger Bedeutungsschwere zu überladen. Er weiß, dass das Publikum in erster Linie starke Kämpfe sehen will, liefert diese aber in einem Rahmen, der zumindest mehr bietet als bloße Gewalt. Das macht den Film nicht außergewöhnlich tiefgründig, aber deutlich ehrlicher und stimmiger als viele seelenlose Actionproduktionen.
Fazit
Besonders positiv ist, dass Man of Tai Chi nicht nur auf Kampf und Brutalität setzt, sondern auch die Philosophie hinter dem Kampfstil ernst nimmt. Der Film zeigt, wie schnell Disziplin in Aggression kippen kann, wenn Anerkennung, Geld und Macht ins Spiel kommen. Kein Meisterwerk, aber ein klar inszenierter, respektvoller und unterhaltsamer Martial-Arts-Film, mit dem Genre-Fans wenig falsch machen.











