Eigentlich war alles anders geplant. Der Hobbit, die Vorgeschichte zu Der Herr der Ringe, sollte zunächst aus zwei Filmen bestehen, und Guillermo del Toro war als Regisseur vorgesehen. Nach zahlreichen Verzögerungen im Produktionsablauf stieg er jedoch aus, und Peter Jackson übernahm schließlich selbst die Regie, obwohl er ursprünglich nur als Produzent beteiligt sein wollte. Mit moderner 3D-Technik und der damals viel diskutierten High Frame Rate von 48 Bildern pro Sekunde wollte Jackson ein neues Mittelerde-Abenteuer erschaffen, das visuell noch einmal andere Wege geht.
Der Hobbit zählt zu den bekanntesten Werken von J.R.R. Tolkien und erzählt die Vorgeschichte zu Der Herr der Ringe. Das Buch erschien erstmals 1937 und war ursprünglich stärker als Kinderbuch angelegt. Genau darin liegt auch eine der großen Herausforderungen dieser Verfilmung. Während Der Herr der Ringe als epische Trilogie nahezu natürlich ins Kinoformat passte, ist Der Hobbit deutlich schlanker, verspielter und märchenhafter. Drei lange Filme daraus zu machen, war deshalb von Beginn an eine gewagte Entscheidung. Eine unerwartete Reise zeigt sehr deutlich, warum diese Entscheidung zugleich reizvoll und problematisch ist.
Der Film beginnt in jener Zeit, in der auch Der Herr der Ringe seinen Anfang nimmt. Der ältere Bilbo Beutlin bereitet seine große Geburtstagsfeier vor und hält für Frodo die Geschichte seines größten Abenteuers fest. Dieses liegt 60 Jahre zurück und führt in eine Zeit, in der Bilbo noch ein zurückgezogen lebender Hobbit war, der von Abenteuern wenig wissen wollte. Doch genau dieses geordnete Leben wird auf den Kopf gestellt, als Gandalf vor seiner Tür auftaucht und wenig später eine Gruppe von 13 Zwergen sein Haus in Beschlag nimmt.
Angeführt wird die Gruppe von Thorin Eichenschild, dem Erben des einst mächtigen Zwergenreiches Erebor. Dieses Reich im Einsamen Berg wurde vor langer Zeit vom Drachen Smaug überfallen und besetzt. Seit Jahren hat niemand mehr etwas von dem Drachen gesehen, und so wächst die Hoffnung, dass der Berg vielleicht wieder betreten werden kann. Thorin will das verlorene Heimatland seines Volkes zurückerobern, und Gandalf ist überzeugt, dass ausgerechnet Bilbo für diese gefährliche Reise gebraucht wird. Er bezeichnet ihn kurzerhand als Meisterdieb, obwohl Bilbo weder Erfahrung noch Interesse an Diebstahl, Drachen oder lebensgefährlichen Unternehmungen hat.
Nach anfänglichem Widerstand lässt sich Bilbo doch auf das Abenteuer ein. Damit beginnt eine Reise, die ihn weit über die Grenzen des Auenlandes hinausführt. Trolle, Orks, Warge, Goblins und andere Gefahren warten auf die Gruppe, während Thorin und seine Gefährten von alten Feinden verfolgt werden. Besonders Azog, ein mächtiger Ork, hat mit Thorins Vergangenheit noch eine Rechnung offen und wird zur wiederkehrenden Bedrohung. Gleichzeitig deutet der Film bereits an, dass in Mittelerde ein größeres Böses erwacht, das weit über die Rückeroberung Erebors hinausweist.
Ein wichtiger Zwischenstopp führt die Gruppe nach Bruchtal. Dort treffen Gandalf, Bilbo und die Zwerge auf Elrond sowie den Weißen Rat mit Galadriel und Saruman. Diese Szenen schlagen die deutlichste Brücke zu Der Herr der Ringe und zeigen, dass Jackson Der Hobbit nicht nur als eigenständiges Abenteuer erzählen will, sondern als Teil einer größeren Mythologie. Das hat seinen Reiz, weil Mittelerde dadurch wieder vertraut und gewaltig wirkt. Gleichzeitig entfernt sich der Film damit spürbar vom leichteren Ton der Buchvorlage.
Genau hier liegt eine der zentralen Spannungen von Eine unerwartete Reise. Der Film möchte zugleich märchenhaftes Abenteuer, nostalgische Rückkehr nach Mittelerde und episches Vorspiel zu Der Herr der Ringe sein. Der Anfang im Auenland, besonders die chaotische Ankunft der Zwerge bei Bilbo, trifft den Ton der Vorlage sehr gut. Hier gibt es Humor, Musik, Gemütlichkeit und jenen leicht verschrobenen Charme, der Der Hobbit von Tolkiens späterem Epos unterscheidet. Je weiter die Reise voranschreitet, desto stärker zieht Jackson den Film aber in Richtung großer Fantasy-Blockbuster.
Das funktioniert nicht immer gleich gut. Einige Szenen wirken gestreckt, manche Actionpassagen länger, als sie sein müssten, und besonders Figuren wie Radagast bekommen mehr Raum, als sie für Bilbos eigentliche Geschichte bräuchten. Man merkt dem Film an, dass aus einem vergleichsweise kompakten Buch ein großes Kinoepos werden soll. Dadurch entstehen wunderbare Momente, aber auch Längen. Gerade im Mittelteil hätte eine straffere Erzählweise dem Film gutgetan.
Visuell ist Eine unerwartete Reise dennoch beeindruckend. Mittelerde sieht vertraut aus und wirkt zugleich technischer, schärfer und detailreicher als noch in Der Herr der Ringe. Die Landschaften Neuseelands entfalten wieder ihre große Wirkung, die Kostüme, Masken und Sets sind liebevoll gestaltet, und viele Bilder besitzen jene epische Qualität, die man mit Jacksons Tolkien-Welt verbindet. Besonders Erebor, Bruchtal und die Höhlen der Goblins zeigen, wie viel Sorgfalt in der Ausstattung steckt.
Die High Frame Rate bleibt dagegen Geschmackssache. Für manche Zuschauerinnen und Zuschauer wirken die 48 Bilder pro Sekunde besonders klar und unmittelbar, für andere entsteht dadurch ein ungewohnt glatter, fast künstlicher Eindruck. Gerade in Kombination mit 3D und schnellen Kamerafahrten ist der Effekt gewöhnungsbedürftig. Der Detailreichtum ist enorm, doch nicht jeder wird diese neue Bildwirkung als Vorteil empfinden.
Darstellerisch ist der Film stark besetzt. Martin Freeman ist als junger Bilbo Beutlin nahezu ideal. Er bringt Unsicherheit, Humor, Nervosität und wachsenden Mut wunderbar zusammen. Man versteht sofort, warum Gandalf gerade in diesem vorsichtigen Hobbit mehr sieht als Bilbo selbst. Ian McKellen gibt Gandalf erneut mit jener Mischung aus Wärme, Geheimnis und Autorität, die der Figur Gewicht verleiht. Richard Armitage spielt Thorin deutlich ernster und tragischer, als man es aus dem Buch vielleicht erwartet hätte, passt damit aber gut zu Jacksons düstererem Ansatz.
Die Zwerge selbst sind sympathisch, bekommen aber nicht alle gleichermaßen viel Profil. Einige bleiben eher Typen als ausgearbeitete Figuren, was bei einer so großen Gruppe kaum zu vermeiden ist. Dennoch funktioniert das Zusammenspiel, besonders in den ruhigeren Momenten, wenn sichtbar wird, dass hinter dem Abenteuer eine echte Sehnsucht nach Heimat steht. Der Film ist dann am stärksten, wenn er nicht nur auf Spektakel setzt, sondern auf das Gefühl, dass diese Reise für die Zwerge mehr bedeutet als Gold und Ruhm.
Der große Höhepunkt ist Bilbos Begegnung mit Gollum. Diese Szene erinnert daran, wie stark Tolkien-Kino sein kann, wenn es sich auf Figuren, Dialoge und Atmosphäre konzentriert. Andy Serkis spielt Gollum erneut grandios, und Martin Freeman hält in diesem Kammerspiel hervorragend dagegen. Das Rätselduell in der Dunkelheit ist spannender als viele der größeren Actionsequenzen, weil hier alles zusammenkommt: Humor, Bedrohung, Tragik und der Beginn jener Geschichte, die später das Schicksal Mittelerdes bestimmen wird.
Fazit
Trotzdem besitzt der Film viel von jenem Zauber, der Jacksons Mittelerde so besonders gemacht hat. Martin Freeman ist ein hervorragender Bilbo, die Welt ist liebevoll gestaltet, und einzelne Szenen wie das Treffen mit Gollum gehören zu den stärksten Momenten des gesamten Films. Eine unerwartete Reise ist kein Meisterwerk auf dem Niveau von Der Herr der Ringe, aber ein sehenswertes Fantasy-Abenteuer, das Lust auf die kommenden Kapitel macht.











