Spider-Man ist zurück, doch statt die Geschichte der bisherigen Filme fortzuführen, beginnt Sony noch einmal von vorne. The Amazing Spider-Man erzählt erneut den Ursprung des Netzschwingers und verspricht einen moderneren Peter Parker, mehr lockere Sprüche und spektakulärere Effekte. Das klang im Vorfeld nicht unbedingt nach einer notwendigen Neuauflage, zumal Sam Raimis Trilogie noch nicht lange zurücklag. Umso erfreulicher ist, dass der Film besser funktioniert als befürchtet und Andrew Garfield als neuer Spider-Man schnell überzeugt.
Peter Parker ist auf den ersten Blick ein normaler Jugendlicher, der seit dem plötzlichen Verschwinden seiner Eltern bei Onkel Ben und Tante May aufwächst. Er lebt in New York, interessiert sich für Naturwissenschaften, ist klug, aber nicht besonders beliebt, und wirkt eher wie ein moderner Außenseiter als wie der klassische Streber. In der Schule fällt er kaum auf, auch wenn er ein Auge auf die intelligente und selbstbewusste Gwen Stacy geworfen hat.
Eines Tages findet Peter eine alte Aktentasche seines verschwundenen Vaters. Darin entdeckt er Forschungsunterlagen, die ihn zu Dr. Curt Connors führen, einem ehemaligen Kollegen seines Vaters. In der Hoffnung, mehr über das Verschwinden seiner Eltern herauszufinden, schleicht sich Peter in Connors’ Labor bei Oscorp ein. Dort kommt es zu jenem folgenschweren Moment, der zur Spider-Man-Geschichte gehört. Peter wird von einer genetisch veränderten Spinne gebissen, seine DNA verändert sich, und er entwickelt plötzlich übermenschliche Kräfte, gesteigerte Sinne und eine ungeahnte Beweglichkeit.
Zunächst ist Peter von diesen Fähigkeiten überfordert. Er testet seine neuen Kräfte aus, reagiert impulsiv und weiß noch nicht, was er mit ihnen anfangen soll. Erst nach einem Streit zu Hause und dem Tod seines Onkels glaubt er, eine Bestimmung gefunden zu haben. Getrieben von Schuld und Wut begibt er sich auf die Suche nach dem Mörder von Ben Parker. Um unerkannt zu bleiben, entwirft er den bekannten Anzug und entwickelt technische Netzschützen, mit denen er sich durch die Häuserschluchten New Yorks schwingen kann.
Doch während Peter einen Kleinkriminellen nach dem anderen stellt, gerät er selbst ins Visier der Polizei. Ausgerechnet Captain George Stacy, Gwens Vater, sieht in Spider-Man keinen Helden, sondern einen gefährlichen Selbstjustizler, der sich außerhalb von Recht und Ordnung bewegt. Damit bekommt Peters Doppelleben eine zusätzliche Spannung. Er will helfen, wird aber gleichzeitig von genau jenen verfolgt, die er eigentlich unterstützen möchte.
Die größere Gefahr entsteht jedoch bei Dr. Connors. Der Wissenschaftler arbeitet an einer Methode, verlorene Gliedmaßen nachwachsen zu lassen. Was bei Reptilien funktioniert, soll durch genetische Forschung auch beim Menschen möglich werden. Mit Peters Hilfe gelingt Connors ein entscheidender Durchbruch, doch der Selbstversuch hat verheerende Folgen. Statt seinen verlorenen Arm einfach zurückzubekommen, verwandelt er sich in den Lizard, ein mächtiges Echsenwesen, das bald ganz New York bedroht. Peter muss sich damit nicht nur einem gefährlichen Gegner stellen, sondern auch den Konsequenzen seiner eigenen Neugier.
Ursprünglich war ein vierter Spider-Man-Film mit Tobey Maguire geplant. Nachdem sich Studio und Filmemacher nach dem schwächeren dritten Teil jedoch nicht mehr einigen konnten, entschied man sich für einen Neustart. Mit Marc Webb wurde ein Regisseur verpflichtet, der Spider-Man nicht nur als Superhelden, sondern stärker als jugendliche Figur erzählen möchte. Das merkt man dem Film an. The Amazing Spider-Man interessiert sich sehr für Peters Unsicherheit, seine Wut, seine erste Liebe und seine Suche nach Antworten über die eigene Familie.
Andrew Garfield bringt dafür eine andere Energie mit als Tobey Maguire. Sein Peter Parker ist nervöser, kantiger, manchmal überheblich und deutlich moderner angelegt. Er ist kein schüchterner Junge aus der Nachbarschaft im klassischen Sinn, sondern ein verletzter Teenager, der zwischen Intelligenz, Trotz und Verantwortungsgefühl seinen Platz finden muss. Gerade dadurch wirkt seine Entwicklung zum Helden glaubwürdig genug, auch wenn der Film bekannte Stationen der Origin-Geschichte erneut abarbeitet.
Besonders gut funktioniert das Zusammenspiel mit Emma Stone als Gwen Stacy. Sie ist nicht bloß romantisches Ziel, sondern eine eigenständige, kluge Figur, die Peter auf Augenhöhe begegnet. Die Chemie zwischen Garfield und Stone gehört klar zu den größten Stärken des Films. Ihre gemeinsamen Szenen haben Witz, Tempo und eine Natürlichkeit, die der Geschichte gut tut. Gerade im Vergleich zu manch anderer Comic-Romanze wirkt diese Beziehung erstaunlich lebendig.
Auch Martin Sheen und Sally Field geben Onkel Ben und Tante May genug Wärme, um Peters Verlust nachvollziehbar zu machen. Der Tod von Ben Parker ist natürlich bekanntes Pflichtprogramm, wird hier aber emotional solide umgesetzt. Rhys Ifans als Curt Connors bleibt dagegen etwas zwiespältiger. Die tragische Idee eines Wissenschaftlers, der aus Verzweiflung und Ehrgeiz die Kontrolle verliert, ist grundsätzlich stark, doch als Lizard wirkt die Figur nicht immer so eindrucksvoll, wie sie könnte. Der Gegner erfüllt seine Funktion, bleibt aber hinter den menschlicheren Momenten des Films zurück.
Optisch macht The Amazing Spider-Man viel richtig. Die 3D-Szenen, in denen man Spider-Man durch New York begleitet, gehören zu den auffälligsten Momenten. Wenn die Kamera mit ihm durch Straßenschluchten schwingt, über Dächer jagt oder sich direkt an seine Perspektive heftet, entsteht tatsächlich ein gutes Gefühl für Geschwindigkeit und Höhe. Der Film nutzt seine Effekte nicht immer revolutionär, aber oft wirkungsvoll genug, um Spider-Mans Bewegung durch die Stadt frisch erscheinen zu lassen.
Gleichzeitig ist der Neustart nicht frei von Schwächen. Die bekannte Ursprungsgeschichte nimmt viel Raum ein, obwohl man viele ihrer Punkte bereits kennt. Der Film will Geheimnisse um Peters Eltern aufbauen, löst aber noch nicht alles zufriedenstellend ein. Auch manche Handlungsschritte wirken etwas konstruiert, besonders dort, wo Peter, Oscorp und Connors’ Forschung sehr bequem miteinander verknüpft werden. Dennoch gelingt es Marc Webb, genug eigene Akzente zu setzen, damit The Amazing Spider-Man nicht wie eine reine Wiederholung wirkt.
Der Film ist am stärksten, wenn er Peter Parker als jungen Menschen ernst nimmt. Seine Kräfte sind spektakulär, aber seine Konflikte bleiben persönlich. Er will wissen, wer seine Eltern waren. Er fühlt sich schuldig am Tod seines Onkels. Er verliebt sich in Gwen. Er will das Richtige tun, versteht aber erst langsam, was Verantwortung wirklich bedeutet. Diese Mischung aus Teenagerdrama, Superhelden-Action und moderner Comic-Inszenierung trägt den Film besser, als man nach der schnellen Neuauflage erwarten konnte.
Fazit
Nicht alles funktioniert perfekt. Die Geschichte um Peters Eltern bleibt nur angerissen, der Lizard ist kein herausragender Gegenspieler, und einige bekannte Stationen fühlen sich zwangsläufig vertraut an. Trotzdem ist The Amazing Spider-Man ein würdiger Neustart mit starken Hauptdarstellern, gelungenen 3D-Momenten und genug Herz, um Lust auf weitere Abenteuer zu machen. Auch Stan Lees Cameo gehört zu den einprägsamsten kleinen Höhepunkten des Films.











