Schneewittchen-Fans brauchen in diesem Kinojahr ein starkes Herz, denn gleich zwei Neuverfilmungen des berühmten Grimm-Märchens kommen auf die Leinwand. Beide erzählen ihre ganz eigene Version der bekannten Geschichte und entfernen sich deutlich von der klassischen Vorlage. Mit Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen startet nun die erste dieser Varianten, und schon nach wenigen Minuten wird klar, dass Regisseur Tarsem Singh weniger an düsterer Märchenstrenge als an einer verspielten, farbenfrohen Fantasykomödie interessiert ist.
Die Geschichte wird diesmal aus der Perspektive der bösen Königin erzählt, die ihre eigene Sicht auf die Ereignisse schildert. In einer hübsch animierten Einleitung erfahren wir von einem einst friedlichen und fröhlichen Königreich, in dem gesungen, getanzt und gefeiert wurde. Dort kommt Schneewittchen zur Welt, doch kurz darauf stirbt ihre Mutter. Der König heiratet erneut, und als unruhige Zeiten über das Land hereinbrechen, reitet er aus, um sein Reich zu beschützen. Er kehrt nicht zurück. Die Königin nutzt seine Abwesenheit, übernimmt die Macht und verwandelt das Königreich in einen Ort der Armut, Kälte und Unterdrückung.
Schneewittchen wächst währenddessen im Schloss auf, abgeschirmt von der Welt und ohne wirklich zu wissen, wie sehr ihr Volk leidet. Aus dem kleinen Mädchen wird eine junge Frau, die zwar schön und freundlich ist, aber erst lernen muss, Verantwortung für ihr eigenes Leben und ihr Königreich zu übernehmen. Lily Collins spielt diese Schneewittchen-Version mit viel Charme und einer angenehmen Mischung aus Unschuld, Neugier und wachsender Entschlossenheit. Sie ist nicht nur die Prinzessin, die gerettet werden muss, sondern zunehmend eine Figur, die selbst handeln will.
Julia Roberts übernimmt die Rolle der bösen Königin und spielt sie deutlich komödiantischer, als man es vielleicht erwarten würde. Ihre Königin ist eitel, herrschsüchtig, manipulativ und von ihrer eigenen Schönheit besessen, wirkt aber nie wie eine reine Schreckensfigur. Gerade weil Roberts immer wieder mit trockener Ironie und sichtbarer Spielfreude agiert, bekommt man in manchen Momenten fast Mitleid mit dieser Frau, die sich verzweifelt an Macht, Jugend und Luxus klammert. Das Böse hat hier weniger etwas Dämonisches als etwas sehr Menschlich-Eitles.
Als Schneewittchen eines Tages das Schloss verlässt, sieht sie zum ersten Mal, wie schlecht es um ihr Königreich wirklich steht. Die Menschen hungern, der ewige Winter liegt wie ein Symbol über dem Land, und der Reichtum der Königin wurde auf dem Rücken des Volkes aufgebaut. Bei diesem Ausflug trifft Schneewittchen auch auf Prinz Alcott, der sich bald als wichtige Figur im Kampf um das Königreich und um ihr Herz erweist. Doch als Schneewittchen ihren Anspruch auf den Thron geltend macht, verliert die Königin endgültig die Geduld und ordnet ihren Tod an.
Der Schlossdiener bringt es jedoch nicht übers Herz, die Prinzessin zu töten, und lässt sie im Wald zurück. Dort trifft Schneewittchen auf die sieben Zwerge, die in dieser Version deutlich anders angelegt sind als im klassischen Märchen. Sie leben ausgeschlossen von der Gesellschaft im Wald und verdienen ihren Lebensunterhalt als Diebe. Auf Stelzen erschrecken sie Reisende und wirken dadurch größer und gefährlicher, als sie tatsächlich sind. Im Herzen wünschen sie sich jedoch ein normales Leben und einen Platz in einer Welt, die sie wegen ihrer Andersartigkeit verstoßen hat.
Gerade die Zwerge gehören zu den größten Stärken des Films. Sie besitzen klare Charakterzüge, sorgen für viel Situationskomik und bringen zugleich eine kleine gesellschaftskritische Ebene in die Geschichte. Ihre Kriminalität entsteht nicht aus Bosheit, sondern aus Ausgrenzung. Der Film bleibt dabei leicht und humorvoll, lässt aber durchaus erkennen, dass er mehr erzählen möchte als nur ein hübsches Märchenabenteuer. Schneewittchen findet in ihnen nicht nur Verbündete, sondern auch Menschen, die wie sie selbst lernen müssen, sich gegen ein ungerechtes System zu behaupten.
In weiterer Folge entwickelt sich ein verspielter Kampf um Macht, Liebe und Selbstbestimmung. Während die Königin den Prinzen für ihre eigenen Zwecke braucht, um ihre leeren Staatskassen zu retten, verliebt sich Schneewittchen ehrlich in ihn. Die Königin weiß durch ihren Spiegel, dass die junge Prinzessin schöner ist als sie, und unternimmt alles, um diesen Rivalitätskampf für sich zu entscheiden. Besonders ihre Schönheitsbehandlungen sind herrlich grotesk. Wenn sie sich etwa mit Wespenstichen die Lippen aufspritzen lässt, steckt darin nicht nur ein Gag, sondern auch ein kleiner Seitenhieb auf Schönheitswahn und Jugendkult.
Der Film spielt überhaupt gerne mit bekannten Märchenmotiven und dreht sie leicht ins Komische. Der Spiegel, der vergiftete Apfel und der rettende Kuss kommen vor, werden aber anders eingesetzt, als man es aus der klassischen Erzählung kennt. Das wird nicht jedem gefallen. Wer eine möglichst werkgetreue Schneewittchen-Verfilmung erwartet, dürfte sich an vielen Änderungen stören. Wer jedoch offen für eine verspielte, ironische und visuell auffällige Variante ist, kann viel Freude an dieser Neuinterpretation haben.
Visuell ist Spieglein Spieglein sehr eigenständig. Tarsem Singh setzt auf kräftige Farben, märchenhafte Kulissen, extravagante Kostüme und eine fast theaterhafte Künstlichkeit. Das Königreich wirkt nicht realistisch, sondern wie eine bewusst überhöhte Fantasiewelt. Gerade dadurch hebt sich der Film von vielen anderen Märchenverfilmungen ab. Die Kostüme sind auffällig, die Bilder oft opulent und die gesamte Ausstattung besitzt einen Stil, der manchmal fast wichtiger wirkt als die Handlung selbst.
Nicht alles funktioniert dabei gleich gut. Manche Gags sind etwas zu breit ausgespielt, und die Geschichte bleibt im Kern recht einfach. Auch der Prinz bleibt eher komödiantische Spielfigur als wirklich vielschichtiger Charakter. Wenn er durch einen Liebeszauber wie ein treuer Hund hinter der Königin herläuft, ist das zwar witzig, aber auch bewusst albern. Der Film nimmt sich selten ganz ernst, was einerseits seinen Charme ausmacht, andererseits verhindert, dass die dramatischeren Momente wirklich Gewicht bekommen.
Trotzdem bleibt Spieglein Spieglein eine sympathische Märchenkomödie. Der Film lebt von seiner Ausstattung, den Zwergen, Lily Collins’ warmherziger Schneewittchen-Interpretation und Julia Roberts’ Lust an der überdrehten Königin. Er ist leicht, bunt und zugänglich, ohne völlig belanglos zu sein. Unter der Oberfläche aus Kostümen, Slapstick und Romantik blitzen immer wieder Themen wie Ausgrenzung, Schönheitsdruck und Selbstbestimmung auf.
Fazit
Wer sich jedoch auf eine farbenfrohe Fantasykomödie mit schönen Bildern, charmanten Figuren und einigen cleveren Einfällen einlässt, bekommt einen unterhaltsamen Märchenfilm. Nicht jeder Witz sitzt, und die Geschichte bleibt recht einfach, doch insgesamt ist Spieglein Spieglein eine sympathische, visuell auffällige und angenehm lockere Variante des bekannten Stoffes.











