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Kino-Kritik: Ziemlich beste Freunde

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · Constantin Film · Andreas Zommer
Filmbild: Ziemlich beste Freunde

Ohne Ausbildung, frisch aus dem Gefängnis entlassen und eigentlich nicht einmal daran interessiert, einen Job zu bekommen. Driss bringt auf den ersten Blick so ziemlich alles mit, was ihn für die Stelle als Pfleger eines schwerreichen Aristokraten ungeeignet erscheinen lässt. Philippe, der seit einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt ist, sieht das anders. Gerade weil Driss ihn nicht bemitleidet, nicht vorsichtig um ihn herumschleicht und keine falsche Betroffenheit zeigt, bekommt er die Chance. Aus dieser ungewöhnlichen Begegnung entsteht eine der erfolgreichsten und berührendsten französischen Komödien der letzten Jahre.

Philippe ist wieder einmal auf der Suche nach einem neuen Pfleger. Die bisherigen Kandidaten haben entweder nicht lange durchgehalten oder ihn so sehr als Patienten behandelt, dass von echter Nähe keine Rede sein konnte. Er ist reich, gebildet und von Kunst, klassischer Musik und einem exklusiven Umfeld umgeben, aber sein Alltag ist von Abhängigkeit geprägt. Er braucht Hilfe bei allem, was früher selbstverständlich war, und ist es leid, ständig nur durch die Brille seiner Behinderung gesehen zu werden.

Driss taucht bei ihm nicht auf, weil er die Stelle wirklich will. Er braucht lediglich eine Unterschrift für das Arbeitsamt, um nachzuweisen, dass er sich beworben hat. Damit seine Chancen möglichst schlecht stehen, gibt er sich beim Gespräch entsprechend respektlos, flirtet mit Philippes Assistentin und verhält sich alles andere als professionell. Doch genau diese direkte, ungeschönte Art weckt Philippes Interesse. Als Driss am nächsten Tag seine Bestätigung abholen will, erfährt er, dass Philippe ihn für einen Probemonat eingestellt hat.

Für Driss beginnt damit eine völlig neue Erfahrung. Plötzlich lebt er in einem eleganten Haus, bekommt ein eigenes Zimmer mit Bad und bewegt sich in einer Welt, die mit seinem bisherigen Leben kaum etwas zu tun hat. Gleichzeitig muss er lernen, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen. Anfangs ist er damit überfordert, manchmal grob, oft unbedacht und sicher nicht der klassische Pfleger, den man erwarten würde. Doch genau darin liegt der Reiz der Geschichte. Driss begegnet Philippe nicht als fragilem Objekt der Fürsorge, sondern als Mensch mit Humor, Wünschen, Wut und Sehnsüchten.

Ziemlich beste Freunde lebt von dieser Reibung. Driss bleibt frech, direkt und unerschrocken. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und vergisst manchmal fast, dass Philippe körperlich stark eingeschränkt ist. Für Philippe ist gerade das befreiend. Driss bringt Bewegung in ein Leben, das von Routinen, Sicherheitsbedenken und wohlmeinender Vorsicht bestimmt wird. Er bringt ihn zum Lachen, fordert ihn heraus und öffnet ihm wieder einen Zugang zu jener Lebensfreude, die unter Etikette, Schmerz und Einsamkeit verschüttet lag.

Umgekehrt verändert auch Philippe das Leben von Driss. Er bietet ihm nicht nur Arbeit, sondern auch Bildung, Vertrauen und einen Blick in eine Welt, die ihm bisher verschlossen war. Driss entdeckt Kunst, Musik und eine Form von Anerkennung, die nicht auf Härte oder schneller Schlagfertigkeit beruht. Besonders schön sind jene Momente, in denen der Film zeigt, dass beide Männer einander etwas geben, ohne dass daraus ein einfacher Lehrfilm über Toleranz wird. Philippe braucht Driss nicht, um gerettet zu werden, und Driss braucht Philippe nicht, um plötzlich ein besserer Mensch zu werden. Beide helfen einander, wieder mehr vom Leben zuzulassen.

Die große Stärke des Films liegt in der Chemie zwischen François Cluzet und Omar Sy. Cluzet spielt Philippe mit ruhiger Würde, trockenem Humor und einer leisen Melancholie, die nie in Selbstmitleid kippt. Omar Sy bringt als Driss eine unglaubliche Energie auf die Leinwand. Er ist laut, charmant, manchmal unverschämt und doch nie herzlos. Gemeinsam entwickeln die beiden eine Dynamik, die den Film auch dann trägt, wenn einzelne Szenen etwas zu glatt oder zu sehr auf den nächsten Lacher hin inszeniert sind.

Denn Ziemlich beste Freunde ist nicht frei von Vereinfachungen. Der Film arbeitet stark mit Gegensätzen zwischen arm und reich, Straße und Salon, klassischer Musik und Earth, Wind & Fire, kontrollierter Welt und spontaner Lebenslust. Manche Zuspitzung ist deutlich konstruiert, manche soziale Realität wird zugunsten des Wohlfühltons geglättet. Auch Driss’ familiäre Hintergründe und die Härte seines bisherigen Lebens werden eher angerissen als wirklich vertieft. Der Film entscheidet sich klar für Leichtigkeit statt sozialer Schärfe.

Gerade diese Leichtigkeit macht ihn aber auch so zugänglich. Die Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano schaffen es, ein ernstes Thema zu erzählen, ohne daraus schweres Betroffenheitskino zu machen. Behinderung, Einsamkeit, soziale Ungleichheit und zweite Chancen sind ständig präsent, doch der Film sucht seinen Zugang über Humor, Nähe und kleine Alltagsmomente. Das funktioniert, weil die Witze selten auf Kosten von Philippe gehen. Gelacht wird nicht über seine Behinderung, sondern über Situationen, Charaktere und die Unverschämtheit, mit der Driss eingefahrene Regeln durchbricht.

Besonders stark ist Ziemlich beste Freunde, wenn er zeigt, dass Reichtum viele Annehmlichkeiten schafft, aber keine Einsamkeit heilt. Philippe lebt in materieller Sicherheit, doch sein Körper setzt ihm klare Grenzen. Driss wiederum wirkt nach außen sorglos und selbstbewusst, trägt aber eigene Unsicherheiten, familiäre Belastungen und das Gefühl mit sich, nirgends wirklich dazuzugehören. Der Film stellt diese beiden Lebensrealitäten nebeneinander, ohne sie vollständig gegeneinander auszuspielen.

Dass das Ende vorhersehbar ist, stört kaum. Ziemlich beste Freunde will keine tragische Dekonstruktion seiner eigenen Geschichte sein, sondern ein Film, der mit Wärme und Optimismus erzählt, wie zwei sehr unterschiedliche Menschen einander ernst nehmen lernen. Das Happy End fühlt sich deshalb nicht billig an, sondern wie eine bewusste Entscheidung. Nach all den Konflikten, Witzen, Grenzüberschreitungen und stillen Momenten gönnt der Film seinen Figuren und dem Publikum diese Zufriedenheit.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Ziemlich beste Freunde ist eine berührende, warmherzige und sehr unterhaltsame Tragikomödie über eine ungewöhnliche Freundschaft. Der Film lebt von seinen Gegensätzen, vor allem aber von der großartigen Chemie zwischen François Cluzet und Omar Sy. Beide sorgen dafür, dass die Geschichte trotz mancher Vereinfachung glaubwürdig, komisch und emotional bleibt.

Nicht jede soziale oder persönliche Ebene wird wirklich tief ausgelotet, und manche Szene ist klar auf Wohlfühlwirkung angelegt. Trotzdem gelingt den Regisseuren ein Film, der ein ernstes Thema mit Leichtigkeit behandelt, ohne es lächerlich zu machen. Ziemlich beste Freunde ist charmant, witzig, bewegend und einer jener Filme, bei denen man das Kino mit einem ehrlichen Lächeln verlässt.

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