YouGame Logo

Kino-Kritik: Atemlos - Gefährliche Wahrheit

· ca. 5 Min. Lesezeit · Kino · EMW Film · Andreas Zommer
Filmbild: Atemlos - Gefährliche Wahrheit

Wie muss es sich anfühlen, wenn man eines Tages zufällig entdeckt, dass die eigene Identität nicht stimmt und das bisherige Leben auf einer Lüge aufgebaut war? Noch schlimmer wird es, wenn jene Menschen, die Antworten geben könnten, plötzlich tot sind und man gleichzeitig von Killern und Geheimdiensten gejagt wird. Genau mit dieser Ausgangslage arbeitet Atemlos – Gefährliche Wahrheit von Regisseur John Singleton. Auf dem Papier klingt das nach einem spannenden Actionthriller über Identität, Verrat und Flucht. Auf der Leinwand bleibt davon leider deutlich weniger übrig.

In der Hauptrolle steht Taylor Lautner, damals vor allem durch seine Rolle als Jacob in der Twilight-Reihe bekannt. Er spielt Nathan Harper, einen scheinbar ganz normalen Teenager mit einem scheinbar ganz normalen Leben. Er geht zur Highschool, hat Eltern, die sich mehr Sorgen um ihn machen, als ihm lieb ist, und ist seiner Nachbarin Karen näher, als er sich einzugestehen traut. Gleichzeitig gibt es Risse in dieser Normalität. Nathan leidet unter Wutausbrüchen, wird von unerklärlichen Träumen geplagt und besucht regelmäßig eine Therapeutin.

Der entscheidende Bruch kommt im Rahmen eines Schulprojekts. Gemeinsam mit Karen stößt Nathan auf eine Internetseite für vermisste Kinder. Dort werden Bilder gezeigt, wie die Kinder Jahre nach ihrem Verschwinden aussehen könnten. Plötzlich erkennt Nathan sich selbst auf einem dieser Fotos wieder. Was zunächst wie ein verstörender Zufall wirkt, wird schnell zur Gewissheit. Seine Herkunft ist nicht die, die ihm sein Leben lang erzählt wurde.

Bevor Nathan seine vermeintlichen Eltern zur Rede stellen kann, eskaliert die Situation. Zwei Killer dringen in das Haus ein, seine Eltern werden getötet, und Nathan muss gemeinsam mit Karen fliehen. Doch nicht nur die Angreifer sind hinter ihm her. Auch die CIA sucht nach ihm, und bald wird klar, dass Nathans wahre Identität mit einem größeren Geheimnis verbunden ist. Aus dem Highschool-Alltag wird eine Flucht durch ein Netz aus Lügen, Verrat und Gewalt.

Die Grundidee von Atemlos – Gefährliche Wahrheit hat durchaus Potenzial. Ein Jugendlicher entdeckt, dass sein ganzes Leben konstruiert wurde, und muss innerhalb weniger Stunden herausfinden, wem er noch vertrauen kann. Daraus hätte ein spannender Thriller entstehen können, der Identitätskrise, Coming-of-Age und Agentenhandlung miteinander verbindet. Genau daran scheitert der Film jedoch. Er hetzt von einer Verfolgung zur nächsten, nimmt sich aber kaum Zeit, die emotionale Wucht dieser Entdeckung wirklich auszuspielen.

Nathan verliert seine Eltern, sein Zuhause wird zerstört, seine Vergangenheit bricht zusammen, und dennoch wirkt vieles erstaunlich oberflächlich. Der Film behauptet Schmerz, Verwirrung und innere Erschütterung, lässt sie aber kaum nachwirken. Stattdessen muss Nathan schnell weiterlaufen, kämpfen und die nächste Spur verfolgen. Dadurch entsteht zwar Bewegung, aber nur wenig echte Spannung. Man sieht viel Action, fühlt aber zu selten, was für die Figur eigentlich auf dem Spiel steht.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Nathan und Karen bleibt schwach entwickelt. Lily Collins bringt als Karen zwar Sympathie mit, doch ihre Beziehung zu Nathan wirkt eher wie eine Pflichtzutat des Genres als wie ein wirklich tragender emotionaler Anker. Die beiden geraten gemeinsam in Lebensgefahr, kommen sich näher und müssen einander vertrauen, doch vieles davon passiert zu schnell und zu schematisch. Es hätte vermutlich besser funktioniert, sie stärker als langjährige Vertraute zu erzählen, deren Freundschaft durch die Flucht auf die Probe gestellt wird.

Taylor Lautner macht seine Sache körperlich ordentlich. In den Actionmomenten wirkt er agil und glaubwürdig genug, um die Rolle zu tragen. Schwieriger wird es in den dramatischen Szenen. Dort fehlt ihm oft die Ausdruckskraft, um Nathans Angst, Wut und Verzweiflung wirklich greifbar zu machen. Der Film verlangt von ihm, gleichzeitig verletzter Teenager, Actionheld und Mittelpunkt einer Verschwörung zu sein. Diese Mischung überfordert ihn nicht völlig, aber sie zeigt seine Grenzen deutlich.

Deutlich stärker wirkt Sigourney Weaver als Nathans Therapeutin. Ihre Figur bringt sofort mehr Gewicht in den Film, bekommt aber viel zu wenig Raum. Gerade weil sie offenbar mehr über Nathans Vergangenheit weiß, hätte sie eine spannendere Rolle im Geflecht aus Wahrheit und Täuschung spielen können. Auch Alfred Molina und die übrigen Nebenfiguren bleiben eher funktionale Bestandteile der Handlung. Sie tauchen auf, liefern Informationen, erzeugen Druck und verschwinden wieder, ohne wirklich Tiefe zu bekommen.

Ein weiteres Problem ist die Glaubwürdigkeit. Atemlos – Gefährliche Wahrheit leistet sich mehrere auffällige Logikbrüche und Anschlussfehler. Mal wechselt die Tageszeit erstaunlich abrupt, mal verhält sich die CIA wie eine hochprofessionelle Organisation, nur um kurz darauf überraschend hilflos zu wirken. Solche Ungereimtheiten wären leichter zu verzeihen, wenn der Film mehr Tempo, Atmosphäre oder emotionale Dringlichkeit hätte. Doch weil die Geschichte ohnehin nur selten wirklich fesselt, fallen diese Schwächen umso stärker auf.

Regisseur John Singleton inszeniert solide, aber selten mit eigener Handschrift. Die Action ist routiniert, die Verfolgungen sind ordentlich gefilmt, und der Film bewegt sich flott genug, um nicht völlig auseinanderzufallen. Gleichzeitig fehlt fast jeder Szene das Besondere. Man hat vieles davon in anderen Thrillern bereits spannender, härter oder cleverer gesehen. Atemlos – Gefährliche Wahrheit wirkt dadurch weniger wie ein eigenständiger Film als wie ein Zusammenschnitt bekannter Genrebausteine.

Schade ist vor allem, dass die Einstiegsidee mehr verspricht, als der Film einlöst. Nathans falsche Identität, die Frage nach seinen biologischen Eltern, die Rolle der Geheimdienste und seine psychische Belastung hätten genug Stoff für einen deutlich stärkeren Thriller geboten. Stattdessen bleibt vieles Andeutung. Am Ende werden zwar Antworten geliefert, aber sie wirken mehr wie notwendige Erklärungen als wie organische Auflösung einer sorgfältig aufgebauten Geschichte.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Atemlos – Gefährliche Wahrheit hat eine spannende Grundidee, macht daraus aber zu wenig. Die Geschichte um einen Jugendlichen, der seine wahre Identität entdeckt und plötzlich zwischen Killern und Geheimdiensten steht, hätte ein packender Actionthriller werden können. Stattdessen bleibt der Film zu oberflächlich, zu vorhersehbar und emotional erstaunlich blass.

Taylor Lautner überzeugt körperlich in den Actionszenen, kann der Figur aber nicht genug Tiefe geben, um den Film wirklich zu tragen. Auch starke Nebenrollen wie Sigourney Weaver werden zu wenig genutzt. Wer einfache Verfolgungsjagden und Teenie-Action sucht, kann sich solide unterhalten lassen. Wer jedoch Spannung, glaubwürdige Figuren oder eine starke Auflösung erwartet, sollte eher auf die Heimkinoauswertung warten.

Weitere Kino-Kritiken

Top-Artikel der letzten 7 Tage