Seit über 70 Jahren bringt Disney Animationsfilme ins Kino, und mit Rapunzel – Neu verföhnt feiert das Studio ein besonderes Jubiläum. Der Film ist der 50. abendfüllende Animationsfilm aus dem Hause Disney und steht damit in einer langen Reihe von Klassikern wie Schneewittchen und die sieben Zwerge, Die Schöne und das Biest oder Arielle, die Meerjungfrau. Nachdem es um die klassischen Disney-Märchenfilme einige Jahre ruhiger geworden war, zeigte bereits Küss den Frosch, dass das Studio wieder stärker an seine alten Tugenden anknüpfen wollte. Rapunzel – Neu verföhnt geht diesen Weg weiter und verbindet märchenhafte Tradition mit moderner Animation, flottem Humor und viel Herz.
Die Grundlage liefert das bekannte Märchen der Brüder Grimm, allerdings übernimmt Disney nur dessen zentrale Motive. Geblieben sind der hohe Turm, die lange Haarpracht, Mutter Gothel und natürlich der berühmte Ruf, Rapunzel solle ihr Haar herunterlassen. Der Rest wurde deutlich freier gestaltet. Das ist keine schlechte Entscheidung, denn so entsteht Raum für eine neue, lebendige und deutlich humorvollere Version der Geschichte. Besonders die tierischen Begleiter sorgen dabei für viel Charme. Das Chamäleon Pascal und das Pferd Maximus sprechen zwar nicht, gehören aber trotzdem zu den witzigsten Figuren des Films. Ihre Mimik, ihr Timing und ihre körperliche Komik erinnern immer wieder an die Ausdruckskraft alter Stummfilmfiguren.
Rapunzel ist als Baby mit einer besonderen Gabe gesegnet. Ihr Haar kann Wunden heilen und alte Menschen für kurze Zeit wieder jung machen. Diese Kraft stammt von einer magischen Blume, die einst verwendet wurde, um Rapunzels schwerkranke Mutter während der Schwangerschaft zu retten. Für die eitle Gothel, die sich über Jahre hinweg durch genau diese Pflanze ihre Jugend bewahrt hatte, ist das ein schwerer Verlust. Also entführt sie das königliche Kind und versteckt es in einem Turm tief im Wald. Dort zieht sie Rapunzel als ihre angebliche Tochter auf, während das Königspaar vergeblich nach dem verschwundenen Kind suchen lässt.
Jahr für Jahr lässt das Königspaar an Rapunzels Geburtstag Tausende Laternen in den Himmel steigen. Für die junge Frau im Turm sind diese Lichter ein Rätsel und zugleich ein Sehnsuchtsbild. Rapunzel hat ihr gesamtes Leben in einem einzigen Raum verbracht. Sie kennt nur Gothel, Pascal und die Mauern ihres Turms. Gothel erzählt ihr immer wieder, die Welt draußen sei gefährlich, grausam und voller Menschen, die ihr wegen ihrer magischen Haare schaden würden. Rapunzel glaubt ihr, doch je näher ihr 18. Geburtstag rückt, desto stärker wird der Wunsch, die Lichter endlich aus der Nähe zu sehen.
Die Gelegenheit dazu ergibt sich, als der Dieb Flynn Rider auf der Flucht vor seinen ehemaligen Komplizen und den Schlosswachen in Rapunzels Turm landet. Er erwartet dort ein sicheres Versteck, hat aber nicht mit Rapunzels Entschlossenheit gerechnet. Die junge Frau überwältigt ihn kurzerhand und zwingt ihn zu einem Handel. Flynn soll sie zu den geheimnisvollen Lichtern bringen, dafür bekommt er seine gestohlene Beute zurück. Was als Zweckgemeinschaft beginnt, entwickelt sich zu einem Abenteuer, das Rapunzel erstmals die Welt außerhalb des Turms zeigt.
Gerade diese Reise macht den Film so sympathisch. Rapunzel ist neugierig, mutig und voller Lebensfreude, gleichzeitig aber naiv und unsicher, weil ihr die Welt bisher vorenthalten wurde. Der Film findet viel Humor in ihrem Wechselbad der Gefühle. In einem Moment jubelt sie über ihre Freiheit, im nächsten plagt sie das schlechte Gewissen, weil sie Gothel widersprochen hat. Diese Mischung aus Euphorie und Angst macht sie greifbarer als eine reine Märchenprinzessin.
Flynn Rider ist ein gelungener Gegenpol. Er beginnt als selbstverliebter Dieb mit großer Klappe, entwickelt sich aber nach und nach zu einer Figur mit mehr Herz, als er zunächst zeigen möchte. Die Dynamik zwischen Rapunzel und Flynn funktioniert sehr gut, weil der Film beiden genug Raum gibt. Sie ist nicht nur die naive Prinzessin, die gerettet werden muss, und er nicht nur der strahlende Retter. Beide verändern einander, ohne dass der Film seine Leichtigkeit verliert.
Mutter Gothel ist als Gegenspielerin ebenfalls stark angelegt. Sie ist keine klassische Hexe, die nur böse lacht und dunkle Pläne schmiedet, sondern eine manipulative Frau, die Rapunzel über Fürsorge, Schuldgefühle und Angst kontrolliert. Gerade dadurch wirkt sie gefährlicher, als es ihre oft komödiantische Darstellung zunächst vermuten lässt. Ihre Beziehung zu Rapunzel ist einer der interessantesten Aspekte des Films, weil sie zeigt, wie schwer es sein kann, sich aus einer scheinbar liebevollen, tatsächlich aber ausbeuterischen Bindung zu lösen.
Optisch ist Rapunzel – Neu verföhnt ein wunderschöner Animationsfilm. Die Welt wirkt warm, farbenfroh und märchenhaft, ohne altmodisch zu erscheinen. Der Turm, der Wald, die Stadt und besonders die Laternen-Szene sind liebevoll gestaltet und entfalten in 3D eine sehr schöne Wirkung. Gerade der Moment, in dem die Lichter über dem Wasser aufsteigen, gehört zu den stärksten Bildern des Films und erinnert daran, wie gut Disney große romantische und emotionale Kinomomente inszenieren kann.
Auch musikalisch knüpft der Film an klassische Disney-Traditionen an. Die Songs tragen die Handlung, ohne sie auszubremsen, und passen gut zum märchenhaften Ton. Dabei wirkt Rapunzel – Neu verföhnt moderner und lockerer als viele ältere Disney-Filme, verliert aber nie den Bezug zu jener Erzählweise, die das Studio einst groß gemacht hat. Humor, Musik, Romantik, Abenteuer und emotionale Entwicklung greifen hier sehr rund ineinander.
Besonders gelungen ist, dass der Film für Kinder und Erwachsene funktioniert. Jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen eine bunte Abenteuergeschichte mit witzigen Figuren, Tempo und klaren Emotionen. Erwachsene können sich an den liebevollen Details, der gelungenen Figurenzeichnung und dem angenehm selbstironischen Ton erfreuen. Rapunzel – Neu verföhnt macht sich nie über das Märchen lustig, nimmt es aber auch nicht steif und ehrfürchtig. Genau diese Balance ist eine der größten Stärken des Films.
Fazit
Nicht alles ist völlig neu, doch das muss es auch nicht sein. Disney erzählt das bekannte Märchen frisch, farbenfroh und mit viel Charme. Rapunzel – Neu verföhnt ist ein Film für Jung und Alt, der an die großen Disney-Traditionen anknüpft und zugleich modern genug wirkt, um eine neue Generation zu begeistern. Ein klar empfehlenswertes Märchenabenteuer.











