In Elixirus lädt der titelgebende Waldzauberer einmal im Jahr zum Wettbewerb. Wer braut die eindrucksvollsten Tränke, wer hat die besten Zutaten, und wer beweist am Tisch das bessere Gespür für Timing? Piatnik verpackt das Ganze als familientauglichen Wettlauf, der nach außen hin märchenhaft und freundlich wirkt, in der Praxis aber erstaunlich viel Reibung erzeugt, sobald mehrere Personen gleichzeitig im gleichen Wald nach denselben Pilzen, Blüten und Kräutern greifen.
Der Einstieg gelingt schnell. Jede Person bekommt eine eigene Brautafel mit fünf Trankflaschen, die unterschiedliche Formen und unterschiedliche Anforderungen besitzen, dazu eine Giftflasche und eine kleine Vorratsschüssel, in der genau ein Plättchen „gerettet“ werden darf. Die Zutaten selbst liegen als Plättchen in sechs Farben und Sorten vor, mit Werten von 1 bis 3 und sind damit nicht nur „Material“, sondern sofort auch Siegpunkte. Joker-Kristalle gibt’s ebenfalls, die zwar flexibel einsetzbar sind, aber am Ende selbst keine Punkte bringen. Schon dadurch entsteht das zentrale Gefühl von Elixirus: Du willst effizient sein, aber du willst dich dabei nicht mit wertlosem Kram „vergiften“.
Das Spiel läuft in wiederkehrenden Runden ab, die in zwei Phasen klar getrennt sind und genau das ist eine der Stärken. Zuerst steht das Platzieren der Lehrlinge im Zauberwald an. In der Tischmitte liegen Waldplättchen, von denen immer „Spielerzahl + 1“ aktiv sind. Dadurch fühlt sich eine Partie zu zweit spürbar anders an als zu viert oder fünft, weil sich die Wege, Prioritäten und Macht über bestimmte Effekte verändern. Jedes Waldstück hat drei Felder: frühe Felder geben dir mehr Kontrolle über die Auswahl, spätere Felder geben oft mehr Menge oder zusätzliche Spezialeffekte. Und diese Effekte sind der Punkt, an dem Elixirus vom harmlosen Sammelspiel zum spürbar interaktiven Familienspiel kippt. Jeder Zug und jede Aktion beeinflusst den Spielverlauf, nie im Spielverlauf kann man sich sicher sein, dass der eigene Plan funktioniert und aufgeht.
Nach der Platzierungsrunde wird geerntet und zwar in einer Reihenfolge, die über den Startmarker festgelegt ist. Das klingt wie eine Kleinigkeit, ist aber im Spielgefühl entscheidend. Gerade wenn bestimmte Zutaten selten auftauchen oder jemand sichtbar auf einen Flaschentyp hinarbeitet, wird dieser Moment zum eigentlichen Nervenkitzel. Gehst du früh auf ein Feld mit weniger Menge, nur um die beste Zutat zuerst zu bekommen? Oder riskierst du mehr Plättchen, die dir später womöglich gar nicht mehr in die Flaschen passen?
Denn die zweite Phase, das Brauen, ist keine gemütliche Aufräumaktion, sondern das eigentliche Puzzle. Zutaten dürfen nur von unten nach oben in die Flaschen eingesetzt werden, lückenlos und passend zu Farbe oder Sorte. In manchen Feldern ist man freier, in anderen ist man festgenagelt. Und du hast eben nur diese eine Vorratsschüssel als Sicherheitsnetz. Alles, was nicht sinnvoll untergebracht wird, landet in der Giftflasche und zieht dir später genau mit seinem Zahlenwert Punkte ab. Elixirus zwingt dich damit permanent, Entscheidungen zu treffen, die sich „falsch“ anfühlen dürfen. Manchmal musst du etwas nehmen, das du nicht willst. Manchmal musst du etwas wegwerfen, das wertvoll wäre. Und manchmal ist der beste Zug nicht der mit den meisten Punkten, sondern der, der dich nicht blockiert.
Der dritte Motor, der dem Spiel Tiefe gibt, sind die persönlichen Wertungs-Schrauben. Jede Person hat Spezialzutaten im Rezeptbuch, die am Ende doppelt zählen können (mit zusätzlichem Bonus, wenn man beide erfüllt), aber eben nicht durch Joker-Kristalle „billig“ erledigt werden dürfen. Dazu kommen verzauberte und verfluchte Zutaten. Bestimmte Farben oder Sorten bringen in den fünf Trankflaschen Bonuspunkte oder Minuspunkte. Dadurch spielt man nicht einfach „die gleichen Flaschen“ wie alle anderen, sondern entwickelt eine kleine persönliche Logik. Diese Zutaten will ich überdurchschnittlich gern, diese vermeide ich lieber, und bei diesen lohnt sich plötzlich ein Umweg.
Und dann ist da noch der wichtigste psychologische Hebel. Elixirus ist eine kleine Race-Nummer. Sobald jemand die vierte Flasche abschließt, wird das Spielende ausgelöst. Das sorgt dafür, dass sich das Spiel nicht in „wir optimieren noch drei Runden“ verliert, sondern in einem Tempo bleibt, das gut zur Spieldauer passt. Gleichzeitig erzeugt es Druck. Wer zu lange auf perfekte Zutaten wartet, verliert Ppunkte und kommt zu spät. Wer aber zu hart rusht, produziert Gift und verschenkt im Hintergrund Wertungspotenzial. Genau dieser Spagat macht den Reiz aus und ist auch der Grund, warum Elixirus besser funktioniert, als der Look vermuten lässt.
Fazit
Es sieht freundlich aus, spielt sich aber nicht beliebig, dafür ist der Wettlauf um Punkte und die Giftflasche zu präsent. Wer leichte Spiele mag, die trotzdem echte Entscheidungen erzeugen, bekommt hier eine runde, stimmige Mischung. Wer hingegen möglichst wenig Zufall und möglichst wenig „gemeine“ Effekte will, sollte wissen. Elixirus kann freundlich, aber es kann auch fies, wenn der Wald es hergibt.
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