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Serien-Kritik: Grace and Frankie

· ca. 4 Min. Lesezeit · Serie · Andreas Zommer
Serienbild: Grace and Frankie

Netflix arbeitet weiter daran, Serien nicht mehr nach klassischen Fernsehregeln zu erzählen, sondern direkt für ein Publikum, das jederzeit ganze Staffeln abrufen kann. Mit Grace and Frankie ist nun eine neue Scheidungskomödie gestartet, die unter anderem von Friends-Mitschöpferin Marta Kauffman entwickelt wurde. Schon die Ausgangsidee ist stark: Zwei Frauen, die einander nie besonders mochten, müssen nach Jahrzehnten Ehe plötzlich feststellen, dass ihre Männer sie verlassen. Nicht für jüngere Frauen, nicht wegen einer Midlife-Crisis, sondern füreinander.

Robert und Sol sind seit vielen Jahren Kanzleipartner und enge Freunde. Eines Abends laden sie ihre Ehefrauen Grace und Frankie in ein Restaurant ein, um ihnen eine wichtige Neuigkeit mitzuteilen. Die beiden Frauen vermuten zunächst, dass ihre mittlerweile älteren Männer endlich den Ruhestand verkünden wollen. Doch es kommt ganz anders. Robert und Sol erklären, dass sie ihre Ehefrauen verlassen werden, weil sie einander lieben und nach zwanzig Jahren geheimer Beziehung nun heiraten möchten.

Für Grace und Frankie bricht in diesem Moment ihre gesamte Lebensordnung zusammen. Beide wurden betrogen, beide wurden verlassen, und doch könnten sie kaum unterschiedlicher mit der Situation umgehen. Grace, gespielt von Jane Fonda, ist diszipliniert, kontrolliert und auf äußere Perfektion bedacht. Sie hat ihr Leben lang funktioniert, repräsentiert und sich eingerichtet. Frankie, gespielt von Lily Tomlin, ist dagegen ein esoterischer Freigeist, chaotisch, gefühlsbetont und deutlich weniger daran interessiert, gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Dass ausgerechnet diese beiden Frauen nun miteinander klarkommen müssen, bildet den Kern der Serie.

Nach der Trennung landen Grace und Frankie in einem Strandhaus, das beide Familien einst gemeinsam gekauft haben. Was zunächst wie eine Notlösung wirkt, wird langsam zum Ort einer ungewöhnlichen Annäherung. Die Serie erzählt nicht von einer sofortigen Freundschaft, sondern von zwei Frauen, die sich gegenseitig nerven, verletzen, herausfordern und gerade dadurch Schritt für Schritt näherkommen. Grace und Frankie müssen nicht nur ihre Ehen, sondern auch ihr Selbstbild neu sortieren. Wer ist man, wenn das Leben, das man jahrzehntelang geführt hat, plötzlich nicht mehr gilt?

Gerade darin liegt die große Stärke der ersten Staffel. Grace and Frankie ist keine reine Trennungskomödie, sondern eine Serie über späte Neuanfänge. Sie erzählt von Alter, Verletzlichkeit, Einsamkeit, Sexualität, Familie und der Frage, ob man auch mit über 70 noch einmal ganz von vorne beginnen kann. Das wird nie schwerfällig, aber auch nicht oberflächlich. Die Serie findet Humor in peinlichen Momenten, in Familienessen, in Missverständnissen und im Zusammenprall sehr unterschiedlicher Lebensentwürfe. Gleichzeitig nimmt sie den Schmerz ihrer Figuren ernst.

Auch Robert und Sol werden nicht einfach zu Auslösern der Handlung degradiert. Martin Sheen und Sam Waterston spielen zwei Männer, die nach Jahrzehnten endlich offen zusammenleben wollen und trotzdem nicht frei von Schuld, Unsicherheit und Angst sind. Ihr Coming-out wirbelt nicht nur das Leben ihrer Ex-Frauen durcheinander, sondern auch das ihrer erwachsenen Kinder. Grace and Frankie erzählt damit nicht nur von zwei verlassenen Frauen, sondern von zwei Familien, die plötzlich begreifen müssen, dass ihre gemeinsame Vergangenheit auf einer Lüge und doch nicht nur auf einer Lüge aufgebaut war.

Die Besetzung ist dabei der größte Trumpf der Serie. Jane Fonda und Lily Tomlin harmonieren hervorragend, gerade weil ihre Figuren so gegensätzlich angelegt sind. Fonda gibt Grace eine spröde Eleganz, hinter der viel Kontrollverlust und Kränkung liegen. Tomlin spielt Frankie warm, schräg und manchmal herrlich anstrengend, ohne sie zur Karikatur werden zu lassen. Gemeinsam tragen sie auch jene Momente, in denen die Serie dramaturgisch noch etwas nach ihrem endgültigen Rhythmus sucht.

Nicht jede Nebenfigur ist in der ersten Staffel gleich stark ausgearbeitet, und manche Konflikte werden etwas zu bequem gelöst. Trotzdem gelingt der Serie der Spagat zwischen Komödie und Drama erstaunlich gut. Die Witze gehen selten unter die Gürtellinie, der Humor entsteht meist aus Charakteren und Situationen. Gleichzeitig besitzt Grace and Frankie genug emotionale Tiefe, um mehr zu sein als bloß eine harmlose Wohlfühlserie über späte Scheidungen.

Fazit

Andreas Zommer
Andreas Zommer
YouGame Redaktion
Grace and Frankie überrascht mit einer starken Ausgangsidee, einem großartigen Hauptdarstellerinnen-Duo und einer gelungenen Mischung aus Witz, Verletzlichkeit und Lebensklugheit. Die erste Staffel erzählt von Scheidung, Freundschaft, Alter und späten Neuanfängen, ohne ihre Figuren lächerlich zu machen oder in reines Drama abzurutschen.

Nicht alles ist von Beginn an perfekt, einige Nebenfiguren könnten mehr Tiefe vertragen, doch die Chemie zwischen Jane Fonda und Lily Tomlin trägt die Serie souverän. Grace and Frankie zeigt, dass Geschichten über ältere Menschen nicht brav, belanglos oder rückwärtsgewandt sein müssen. Sie können komisch, schmerzhaft, modern und überraschend warmherzig sein. Eine Serie, der man definitiv eine Chance geben sollte.

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