Zum 40. Todesjahr von Joseph Beuys erscheint mit Beuys – Die Erfindung der Wahrheit eine ungewöhnliche Graphic Novel, die sich dem Leben und Wirken eines der einflussreichsten Kunstschaffenden des 20. Jahrhunderts widmet. Der Wiener Zeichner und Autor Lenz Mosbacher nähert sich der schillernden Figur dabei nicht über eine klassische Biografie, sondern über einen erzählerischen Zugriff, der Realität und Erfindung bewusst ineinanderfließen lässt. Das Hardcover umfasst 264 Seiten und erscheint am 16. April 2026 zum Preis von 30 Euro.
Dass ausgerechnet Beuys auf diese Weise porträtiert wird, ist kein Zufall. Kaum ein anderer Künstler hat die eigene Biografie so konsequent zur Kunst erhoben wie der Düsseldorfer Aktionskünstler, Bildhauer, Theoretiker und Professor. Beuys verstand sich nicht nur als Produzent von Werken, sondern als Gestalter einer umfassenden Erzählung über sich selbst, seine Ideen und seine Rolle in der Gesellschaft. Sein berühmter Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ steht bis heute für einen radikal erweiterten Kunstbegriff, der kreative Teilhabe und gesellschaftliche Veränderung zusammendenkt.
Genau an diesem Punkt setzt Lenz Mosbacher an. Statt Joseph Beuys zu erklären oder biografisch sauber zu ordnen, macht er ihn zur Romanfigur. Mosbacher interessiert sich nach eigener Aussage weniger für eine bloße Auflistung historischer Daten als für jenen Beuys, der sich selbst ständig neu erfand und durch die Vermischung von Fakten und Fiktionen eine eigene Wahrheit schuf. Seine Graphic Novel will deshalb nicht entzaubern, sondern erlebbar machen.
In Beuys – Die Erfindung der Wahrheit entsteht so ein vielschichtiges Porträt, das sich zwischen dokumentarischen Fragmenten und literarischer Verdichtung bewegt. Beuys begegnet darin unter anderem Susan Sontag, wird von radikalen Frauenfiguren wie Ulrike Meinhof herausgefordert und trifft schließlich sogar auf Aktivist:innen im Hambacher Forst, die seine Vorstellungen von Kunst und gesellschaftlicher Veränderung in die Gegenwart weiterdenken. Historische Kunstaktionen wie I Like America and America Likes Me oder 7000 Eichen stehen dabei neben Szenen, die bewusst surreal oder irritierend glaubhaft angelegt sind.
Gerade diese Mischung dürfte den Reiz des Buches ausmachen. Mosbacher versucht nicht, Beuys in eine eindeutige Form zu pressen, sondern nimmt dessen eigene Strategien der Legendenbildung ernst und überführt sie in eine zeitgenössische Comic-Erzählung. Das Ergebnis soll ein visuelles Porträt sein, das poetisch, streitbar und aktuell wirkt und sich an Leser:innen richtet, die Kunst nicht nur betrachten, sondern hinterfragen wollen.


