Am 3. März 2026 ist mit Yoshiharu Tsuge einer der einflussreichsten Comicschaffenden Japans verstorben. Für die internationale Comicwelt bedeutet sein Tod den Verlust eines Künstlers, der den Manga tiefgreifend verändert und über Jahrzehnte hinweg gezeigt hat, wie radikal persönlich, poetisch und literarisch das Medium sein kann.

Tsuge wurde 1937 in Tokio geboren und prägte den japanischen Comic vor allem dadurch, dass er das reale Leben ins Zentrum seiner Arbeiten rückte. Statt auf Eskapismus oder klare Genremuster zu setzen, erzählte er von Außenseiter:innen, Vagabunden, skurrilen Existenzen, stillen Familien und rätselhaften Figuren. Dabei entwickelte er eine Form des autobiografisch gefärbten Erzählens, in der sich persönliche Erfahrung und Fiktion auf neuartige Weise verbanden. Diese Richtung wurde später als „Watakushi-Manga“, also als eine Art „Ich-Comic“, bekannt.

Sein Werk zeichnete sich durch eine außergewöhnliche Verbindung aus Selbstbeobachtung, Melancholie, Poesie und Mysterium aus. In seinen Geschichten entstand eine besondere Atmosphäre, in der Alltägliches und Surreales oft unmittelbar nebeneinanderstanden. Gerade diese Mischung machte Tsuge zu einer singulären Stimme des Manga und zu einem Autor, dessen Einfluss weit über Japan hinausreichte. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde er mit seinem ausgeprägt autorischen Ansatz in Japan zu einer prägenden Figur, später fand sein Werk auch international Beachtung. Zu seinen Fürsprecher:innen zählte unter anderem Art Spiegelman. Zudem wurden fünf Filme auf Grundlage seiner Comics realisiert.

Eine persönliche Krise führte in den 1980er-Jahren dazu, dass sich Tsuge aus der Öffentlichkeit zurückzog und auch seine zeichnerische Arbeit beendete. Umso bemerkenswerter ist es, dass seine Werke erst viele Jahre später auch für Leser:innen außerhalb Japans breiter zugänglich wurden. Lange Zeit waren sie ausschließlich auf Japanisch erhältlich. Erst vor wenigen Jahren genehmigte Tsuge Übersetzungen in andere Sprachen.

Im deutschsprachigen Raum fand sein Werk bei Reprodukt eine verlegerische Heimat. Dort erschienen bislang die Kurzgeschichtensammlungen Rote Blüten und Yoshios Jugend sowie Der nutzlose Mann, ein autofiktionales, schonungslos offenes Spätwerk aus dem Jahr 1987, das zugleich zu seinen letzten Veröffentlichungen vor dem Rückzug ins Privatleben zählt.

Reprodukt-Verleger Dirk Rehm würdigt Tsuge als Künstler, der nicht nur durch seine Themen, sondern vor allem durch seine formale Meisterschaft berühre. Besonders die Kurzgeschichte „Rote Blüten“ zeige, wie Tsuge mit Seitenaufteilung, Bildanordnung und Figurenbewegung Ausdruck und Atmosphäre erschaffen habe, die in der Comicgeschichte kaum ihresgleichen fänden.

Mit Yoshiharu Tsuge verliert die Comicwelt einen Autor und Zeichner, dessen Werk bis heute einzigartig wirkt. Er hinterlässt keine leicht konsumierbaren Erzählungen, sondern vielschichtige, stille und oft verstörend ehrliche Comics, die ihren eigenen Ton gefunden haben und diesen nie wieder verloren. Seine künstlerische Bedeutung wird bleiben.