Der Fleischkonsum steht heute im Zentrum zahlreicher gesellschaftlicher Debatten – vom Klimawandel über soziale Gerechtigkeit bis hin zu Fragen von Tierwohl, Ernährung und globalen Märkten. Wo früher die Metzgerei das Bindeglied zwischen Landwirt, Schlachter und Konsument:in war, steht heute der Supermarkt mit seinen Plastikverpackungen. Der Schweizer Comiczeichner Martin Oesch greift dieses Spannungsfeld in seinem beeindruckenden Debüt Fleischeslust auf – einer 200-seitigen Graphic Novel, die gleichermaßen persönliche Erfahrung, gesellschaftliche Analyse und visuelle Kunst vereint.
Oesch weiß, wovon er erzählt: Bevor er sich der Illustration widmete, war er selbst gelernter Metzger und führte in Bern eine eigene Bio-Metzgerei. Seine Erlebnisse, die Widersprüche seines Berufs und die ethischen Fragen, die ihn begleiteten, bilden das Fundament seines Werkes. „Für mich hat das, was heutzutage in den Fleischfabriken passiert, nichts mehr mit dem Handwerk zu tun, das ich liebe“, sagt Oesch. „Die Industrialisierung hat dem Beruf geschadet – Metzger:innen sind aus dem Alltag verschwunden, der Bezug zum Rohstoff ist verloren gegangen.“
Im Mittelpunkt von Fleischeslust steht Erwin, ein traditionsbewusster Metzgermeister kurz vor dem Ruhestand, dem die Lust an seinem Beruf abhandenkommt. Während Kund:innen zum Discounter abwandern oder ganz auf Fleisch verzichten, steht seine kleine Stadtmetzgerei vor dem Aus. Nächtliche Albträume führen ihn in surreale Szenarien, in denen er mit Schuld, Moral und den Schattenseiten seines Handwerks konfrontiert wird. Seine Frau Margrit weigert sich jedoch, diesen Niedergang tatenlos zu akzeptieren – und begibt sich auf eine eigene emotionale Reise, die dem Titel des Buchs eine doppelte Bedeutung verleiht.
Mit präzisem Strich, atmosphärischer Farbgestaltung und einer eindringlichen Ruhe erzählt Oesch von einer Welt im Umbruch – von Entfremdung und Verantwortung, Handwerk und Identität, vom Menschen und seinem Verhältnis zum Tier. Fleischeslust ist nicht nur eine leise Charakterstudie, sondern auch ein kritischer Blick auf Konsumgewohnheiten und den Verlust kultureller Werte.


