Titel:
Send Help
Original-Titel:
Send Help
USA/2026
Verleih:
Walt Disney Studios Motion Pictures

Laufzeit:
115 Minuten

Filmkritik: Send Help

15.02.2026 - Andreas

Was passiert, wenn man eine übersehene Büroangestellte, ein selbstgefälliges Nepo-Baby und Sam Raimi auf eine einsame Insel schickt? Die Antwort lautet nicht Castaway, sondern ein bösartiges Machtspiel mit Blut, Galle und sehr viel Schadenfreude. Send Help ist kein sanfter Survivalfil, es ist eine pervertierte Robinsonade, in der Hierarchien zerschmettert werden wie der Privatjet, der sie überhaupt erst dorthin bringt.

Nach Jahren im Blockbuster-Modus kehrt Sam Raimi mit Send Help spürbar zu einer intimeren, persönlicheren Form des Filmemachens zurück. Statt Multiversen und Weltrettungsspektakel interessiert ihn diesmal ein viel kleineres, dafür umso giftigeres Szenario. Zwei Menschen, die einander von Anfang an nicht ausstehen können, werden gezwungen, auf engstem Raum. beziehungsweise auf weiter, menschenleerer Insel, miteinander auszukommen. Raimi reduziert die Bühne radikal und gewinnt gerade dadurch an Schärfe. Linda Liddle (Rachel McAdams) ist brillant, akribisch, im Unternehmen unverzichtbar und dennoch in ihrer Firma unsichtbar. Ihr verstorbener Chef wollte sie befördern, doch dessen Sohn Bradley Preston (Dylan O’Brien) übernimmt das Ruder und etabliert umgehend einen Boys Club aus Golfkumpels und Ego-Verwaltern. Kompetenz interessiert ihn nur, wenn sie gut aussieht. Doch dann führt der Absturz des Privatfliegers auf einer Geschäftsreihe zur dramaturgischen Gerechtigkeit. Auf der Insel zählt kein Titel, kein Firmenwagen, kein Nachname. Dort zählt, wer Feuer machen kann. Und das ist nicht Bradley. Linda, die jahrelang Survival-Shows wie Survivor verschlungen hat, blüht auf. Sie organisiert Wasser, Nahrung, Unterkunft. Bradley hingegen steht mit verletztem Bein und gekränktem Ego im Dschungel und muss erstmals akzeptieren, dass er nichts kann, was ihm hier hilft. Die Machtverhältnisse kippen und Raimi beginnt sein eigentliches Spiel. Send Help ist nämlich kein reines Überlebensabenteuer, sondern ein psychologisches Duell. Die Insel wird zur Bühne eines Geschlechter- und Klassenkampfs. Linda genießt ihre neue Autorität sichtbar. Bradley schwankt zwischen gespielter Reue, Manipulation und offenem Trotz. Mal scheint sich eine fragile Annäherung anzubahnen, dann wieder eskaliert alles innerhalb weniger Sekunden. Raimi lässt die Sympathien bewusst wandern. Niemand bleibt eindeutig Opfer oder Täter. Dass das Ganze funktioniert, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Rachel McAdams spielt Linda mit ungewohnter Härte und Uneitelkeit. Aus der grauen Maus wird Stück für Stück eine Überlebenskünstlerin mit fast beunruhigendem Kontrollbedürfnis. Dylan O’Brien hat sichtlich Spaß daran, den arroganten Schnösel auszukosten und schafft es dennoch, Bradley nicht völlig eindimensional wirken zu lassen. Gerade wenn seine Abhängigkeit sichtbar wird, entsteht eine unangenehme Intimität, die den Film mehr trägt als jede Actionsequenz. Und ja, Action gibt es. Raimi wäre nicht Raimi, wenn er sich nicht regelmäßig an grotesken Eskalationen erfreuen würde. Ein Wildschwein-Duell gerät zum Splatter-Spektakel, eine Wiederbelebung endet in einer bewusst widerwärtigen Körperflüssigkeits-Orgie, und immer wieder blitzt der alte „Tanz der Teufel“-Humor durch. Der Film bewegt sich dabei ständig zwischen schwarzer Komödie, Survival-Thriller und makabrer Satire. Nicht alles ist elegant, manches wirkt bewusst überzogen, aber genau darin liegt sein Reiz. Im Mittelteil verliert Send Help etwas an Straffheit, weil die Machtverschiebungen mehrfach durchgespielt werden. Doch selbst in diesen Momenten bleibt die Dynamik interessant, weil sich Linda und Bradley nie vollständig berechenbar verhalten. Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob sie gerettet werden, sondern ob sie das überhaupt noch wollen.

Fazit:
Send Help ist keine subtile Gesellschaftsanalyse und auch kein klassischer Horrorfilm. Es ist eine bissige, blutige Machtfantasie, die Bürohierarchien in tropischer Isolation zerlegt und dabei spürbar Spaß an der Eskalation hat. Raimi interessiert weniger moralische Läuterung als die Frage, wie schnell sich Rollen verschieben, wenn Strukturen wegfallen. Nicht jeder Ton sitzt perfekt, nicht jede Szene ist notwendig, aber als schwarzhumoriger Survival-Trip mit zwei hervorragend aufgelegten Hauptdarstellern funktioniert Send Help erstaunlich gut. Es ist kein elegantes Kino, sondern ein fieser, manchmal überdrehter Spaß. Und genau das wollte dieser Film offenbar auch sein.

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