Titel:
Mercy
Original-Titel:
Mercy
USA/2026
Verleih:
Sony Pictures

Laufzeit:
100 Minuten

Filmkritik: Mercy

06.02.2026 - Andreas

Willkommen in einer Zukunft, in der Rechtsprechung kein Verfahren mehr ist, sondern ein Countdown. In Mercy sitzt ein Mann gefesselt auf einem Stuhl, beobachtet von einer KI namens Maddox, die Richterbank, Jury und Henker ersetzt. 90 Minuten bleiben Chris Pratt, um zu beweisen, dass er seine Frau nicht ermordet hat. Kein Richter, kein Plädoyer, kein Aufschub, nur Daten, Kamerabilder und eine Entscheidung, die bereits vorbereitet scheint.

Chris Raven, Polizist und Mitentwickler eben jenes KI-Systems, wacht gefesselt in einem futuristischen Gerichtssaal auf. Erinnerungslücken, belastendes Videomaterial, eine statistische Schuldwahrscheinlichkeit jenseits der 90 Prozent, die Ausgangslage ist denkbar schlecht. Was folgt, ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Telefonate, Datenbankabfragen, Überwachungsvideos, Dashcams, Drohnenfeeds. Die Welt existiert nur noch als Interface, und Wahrheit wird zur Frage der richtigen Filtereinstellung. Mercy erzählt seine Geschichte fast in Echtzeit und fast vollständig über Bildschirme, ein Ansatz, den Regisseur Timur Bekmambetov seit Jahren kultiviert und hier bis zur Überreizung treibt. Das funktioniert zunächst hervorragend. Der Film entwickelt ein Tempo, das kaum Luft lässt, und nutzt seine formale Beschränkung als Motor. Jede neue Information zählt, jede Verzögerung kostet Sekunden, jede Fehlannahme Leben. Dass Mercy dabei nicht subtil sein will, ist offensichtlich und vermutlich kalkuliert. Die KI ist kalt, effizient und gnadenlos, das System als solches von Anfang an als moralisch fragwürdig markiert. Die Frage lautet nicht, ob das gerecht ist, sondern nur noch, wie schnell es eskaliert. Interessanterweise macht es einem der Film dennoch nicht leicht, sich eindeutig auf Ravens Seite zu schlagen. In Rückblenden und aufgezeichneten Gesprächen zeigt sich ein Mann mit Wutproblemen, Alkoholmissbrauch und einer toxischen Beziehung. Chris Pratt spielt ihn bewusst sperrig, Chris Raven ist kein klassischer Underdog, kein sympathischer Held, sondern jemand, der durchaus Gründe liefert, misstrauisch zu bleiben. Gerade das verleiht dem Film eine gewisse Reibung. Nicht Raven ist der moralische Fixpunkt, sondern der Gedanke, dass ein System, das keine Ambivalenzen kennt, selbst dann gefährlich bleibt, wenn der Angeklagte unsympathisch ist. Rebecca Ferguson hat als KI-Richterin Maddox die undankbare Aufgabe, reine Funktion zu verkörpern und dennoch Spannung zu erzeugen. Das gelingt nur teilweise, weniger aus schauspielerischen Gründen als wegen eines Drehbuchs, das Wahrscheinlichkeiten, Zweifel und Prozentzahlen eher dramaturgisch als logisch einsetzt. Die KI verhält sich oft so, wie es der nächste Twist verlangt, nicht wie ein tatsächlich konsistentes System. Wer darüber nachdenkt, stolpert. Wer sich treiben lässt, bleibt drin. Visuell setzt Mercy auf Überwältigung. Interfaces schweben durch den Raum, Bildfenster klappen auf, Daten materialisieren sich buchstäblich vor dem Angeklagten. Das erinnert weniger an klassische Screenlife-Filme als an eine Art begehbare Benutzeroberfläche. Staunen und unfreiwilliges Schmunzeln liegen dabei nah beieinander, vor allem dann, wenn der Film seine eigene Prämisse so weit dehnt, dass sie eher nach Videospiel-Logik als nach Ermittlung aussieht. Aber genau darin liegt auch der Reiz, Mercy will nicht plausibel sein, sondern unmittelbar.

Fazit:
Mercy interessiert sich weniger für die komplexen Fragen rund um künstliche Intelligenz als für ihre unmittelbaren Folgen. Der Film verhandelt sein Thema nicht aus, sondern nutzt es als Motor für Tempo, Druck und Eskalation. Grauzonen, innere Widersprüche oder philosophische Vertiefung bleiben dabei bewusst außen vor. Als Genre-Thriller funktioniert dieser Ansatz erstaunlich gut. Mercy ist nervös und aggressiv erzählt und jagt seine Wendungen in einer Geschwindigkeit durch, die kaum Zeit zum Innehalten lässt. Vieles ist vorhersehbar, manches überzogen, einiges kippt ins Unfreiwillige und dennoch entwickelt der Film eine eigentümliche Sogwirkung. Ein Guilty Pleasure, das konsequent auf Reiz statt auf Reflexion setzt.

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